Eishockey

Eisbär Angell ist stark, aber langsam

Nick Angell spielte in Russland mit seinem Idol Jaromir Jagr, bei den Berliner Eisbären geht ihm dagegen vieles noch zu schnell. Der Verteidiger setzte früher auf Kraft, jetzt muss er an seiner Vorwärtsbewegung arbeiten.

Foto: picture alliance / City-Press Gb / picture alliance

Charles Cook hatte wohl einfach nur Glück. Verdammt viel Glück. Denn er weiß sicher nicht, welche Muskelberge sich unter dem Trikot von Nick Angell verbergen. „Der hat die dicksten Beine, die ich je gesehen habe“, sagt Eisbären-Kollege Florian Busch über den Verteidiger, mit dem sich der Hamburger Cook unbedingt am Dienstag prügeln wollte. Aber Angell verspürte keine rechte Lust, wendete sich ab und schützte sich lediglich. Ansonsten hätte das für Cook einige Leiden bedeuten können.

So war es vor allem clever von Angell, Cook wurde in die Kabine geschickt, Angell blieb seiner Mannschaft erhalten. Er kann jede Minute auf dem Eis gut gebrauchen, der US-Amerikaner ist noch in der Gewöhnungsphase. Diese Art von Eishockey, wie sie die Berliner zeigen, hat er lange nicht mehr gespielt: nordamerikanisch, mit viel Schwung und Druck nach vorn. „Anfangs musste ich ganz schön viel nachdenken. Jetzt reagiere ich schon mehr“, sagt der 32-Jährige.

Wo er zuvor sein Geld verdiente, da waren ganz andere Dinge gefragt. Den Puck kontrollieren und in den eigenen Reihen halten etwa, mehr die europäische Schule. Mal mit östlichem Einschlag wie in Russland, mal mit nördlichem wie in Schweden und Finnland. Angell ist gut herumgekommen in seiner Karriere. Und einer der Höhepunkte liegt gar nicht lange zurück. Im Frühjahr wechselte er zum Play-off der KHL nach Omsk.

Dort spielte ein gewisser Jaromir Jagr. „Das war schon komisch. Ich hatte früher eine Spielerkarte von ihm und dann sitze ich plötzlich neben ihm in der Kabine.“ Angells Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Jagr gehört zu den Legenden dieses Sports. Weltmeister, Olympiasieger, Gewinner des Stanley Cups in der NHL. Und der Verteidiger fand einen guten Draht zu dem Tschechen. „Ich glaube, er wollte einfach gern Englisch reden“, sagt Angell. Den Gefallen tat er Jagr natürlich gern, so nah war Angell einem Superstar noch nie. In seiner Heimat absolvierte er lediglich zwei Profispiele, sonst war er meist mit schwächeren schwedischen Teams unterwegs, eine Saison lang auch mit den Frankfurt Lions in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Seiner Freundin, die aus Berlin stammt, ging die Bedeutung, die der Abwehrspieler diesem einzigartigen Kollegen beimaß, aber fast ein Tick zu weit. „Du bist wie ein Kind, hat sie gesagt, als ich den Puck und den Spielberichtsbogen aufgehoben habe, nachdem Jagr mir ein Tor aufgelegt hatte“, erzählt Angell. Er fand es einfach „cool“.

Unzufriedener Manager

Mitgebracht aus Russland hat er aber nicht nur diese einzigartige Erfahrung, ihn begleiteten auch viele Erwartungen. Weil er von einem Spitzenklub kam, und weil er als der Verteidiger kam, der auf Derrick Walser folgte. An dem Topscorer der Berliner, der in die Schweiz ging, wird Angell nun pausenlos gemessen. Auch von EHC-Manager Peter John Lee. Der kann sich nicht so recht anfreunden mit den drei Toren und vier Vorlagen, mit denen Angell in der Statistik weit unten steht. „Zufrieden bin ich nicht“, sagt Lee. Ihm dauert die Umgewöhnung des Spielers an den Stil der Eisbären etwas zu lange. Allerdings geht es nun mal nicht schnell, wenn ein Spieler, dessen Körper auf Kraft ausgelegt ist, sich plötzlich an der Schnelligkeit der Kollegen orientieren soll.

Direkt konfrontiert hat Lee den Profi nicht mit der Kritik, Angell wurde davon etwas überrascht. „In erster Linie ist es für einen Verteidiger wichtig, hinten gut zu stehen. Ich muss mich dort erst sicher fühlen“, sagt er. Er muss sich da auch nicht viel vorwerfen. Lediglich an kleinen Dingen, so Trainer Don Jackson, müsse er dort arbeiten. In der Vorwärtsbewegung aber sieht auch er noch Potenzial. Manchmal lässt Angell den Abstand zu den Angreifern zu groß werden. Es sind Probleme mit dem Rollenverständnis. Lee kennt das. „Verteidiger haben es bei uns im ersten Jahr immer etwas schwerer, weil sie bei uns anders arbeiten müssen als in anderen Klubs“, sagt er. Deshalb hat er Geduld mit Nick Angell.

Denn der bringt genügend Argumente mit, die ihn noch in der Form wertvoll machen können, wie es sich der Manager vorstellt. „Sein Schuss ist sehr hart, und seine Pässe kommen gut“, sagt Jackson. Derzeit fehle seinem Landsmann, den er zu Saisonbeginn gern mit etwas weniger Gewicht begrüßt hätte, aber auch öfter das Glück. Das erging Derrick Walser in seinem ersten Jahr in Berlin nicht anders, beide Male nicht. Im zweiten Jahr lief es dafür jeweils umso besser bei dem Kanadier. Auf diesen Effekt hofft Lee natürlich. Angell würde ihn gern beschleunigen. „Wenn der Manager mich kritisiert, muss ich härter arbeiten“, sagt der Verteidiger, der mit den Eisbären am Freitag in Köln antritt. Zumindest in Sachen Selbstbeherrschung ist er schon sehr weit, das war das Glück von Charles Cook.