Anschutz-Klubs

Hamburg Freezers emanzipieren sich von Eisbären

Das ehemalige Schmuddelkind hat sich zum Musterklub gemausert: Die Freezers. Sie gehören wie die Eisbären der Anschutz-Gruppe. Rechtzeitig vor dem großen Doppelduell hat sich der Meister wieder vor den Emporkömmling aus Hamburg gesetzt.

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Der Zeitpunkt könnte gut als eine Ansage aufgefasst werden. Fast zwei Monate lang rangierten die Hamburg Freezers in der Tabelle der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) vor dem EHC Eisbären. Das notorisch erfolglose Schmuddelkind der Familie, das in der Liga schon als hoffnungsloser Fall galt, hatte den Musterknaben des Hauses, beide Klubs gehören demselben Besitzer, hinter sich gelassen. Doch rechtzeitig zum großen Doppelduell mit Spielen am Sonntag in Hamburg (14.30 Uhr, Sky live) und am Dienstag in Berlin haben die Eisbären die Verhältnisse wieder gerade gerückt – der Meister steht wieder vor dem Emporkömmling.

Trotzdem sind die Freezers noch Vierter, eine Zeitlang waren sie sogar Spitzenreiter. Die Überraschung über diese neue Solidität ist noch nicht verklungen. „In dieser Konstanz war das nicht zu erwarten gewesen“, sagt Moritz Hillebrand. Der Kommunikationschef der Anschutz Entertainment Group, dem Eigentümer, spricht davon, dass eine direkte Qualifikation für das Play-off möglich schien vor dem Start. Über mehr machte sich aber niemand ernste Gedanken. Die Vergangenheit hat die Freezers Demut gelehrt.

Zuletzt sogar das Fürchten. Anschutz hatte keine Freude mehr an dem Klub. Die Unterstützung lag durchgängig im Premiumbereich der DEL, der Ertrag allerdings sank beständig. So weit, dass der Besitzer nach zwei verpassten Play-off-Teilnahmen keiner mehr sein wollte und einen Käufer zu suchen begann. Die Fahndung wurde jedoch vor ein paar Wochen eingestellt.

Das kam genauso überraschend wie der Erfolg und hat mit dem jährlichen Ausflug der nordamerikanischen NHL nach Europa zu tun. Im Zuge dessen absolvierten die Freezers ein Testspiel gegen die Los Angeles Kings. Die bilden das sportliche Hauptbetätigungsfeld der Anschutz-Gruppe aus den USA, die dann auch mit der Führungsriege des Konzerns vorbeischaute. „In diesen Tagen war viel Zeit zum Reden“, sagt Hillebrand. Die Hamburger um Geschäftsführer Michael Pfad erläuterten ihr Konzept für die Zukunft, und weil die Halle voll und die Stimmung toll war, entschied sich Anschutz für einen neuen Versuch. „Der Plan für den Turnaround erschien glaubhaft“, so Hillebrand.

Dazu gehört auch, dass die Hamburger sich emanzipieren wollen von ihrem Dasein als Anhängsel in der Familie, als der Klub neben den großen Eisbären. Das hat Michael Pfad deutlich formuliert. Sportlich ist es teilweise schon gelungen. Es läuft besser als je zuvor, obwohl wichtige Spieler verletzt fehlen. Die Personalpolitik von Sportdirektor Stephane Richer und Trainer Benoit Laporte greift. Lange war Hamburg nur eine Durchlaufstation für egozentrische Profis; Richer und Laporte sortierten alles aus, was sie nicht gebrauchen konnten und holten nur, was ins Konzept passte. Mannschaftsorientierte, nicht zur Selbstzufriedenheit neigende Spieler mit Führungsqualitäten, denen es nicht darum geht, Punkte für die eigene Statistik zu sammeln. „Alle wollen nur gewinnen“, sagt Laporte. Weil das so gut funktioniert, verlängerte der neue Kapitän Christoph Schubert kürzlich seinen Vertrag bis 2015.

Die charakterliche Neuausrichtung ist aber nur ein Teil des neuen Glücks, die Freezers setzen auch auf schnelles, attraktives Spiel und deutsche Akteure. Mit Profis wie Schubert soll wieder mehr Identifikation erzeugt und der Zuschauerschwund der vergangenen Jahre rückgängig gemacht werden. „Es ist enorm wichtig, dass der Klub jetzt erfolgreich ist“, sagt Hillebrand. Denn eine Bestandsgarantie stellt das Festhalten von Anschutz am Verein wohl nicht dar. „Gewisse Themen bleiben immer aktuell. Jetzt muss das Wirtschaftliche nachziehen“, erläutert Hillebrand. Die Freezers brauchen also dringend neue Sponsoren – und das erscheint fast als die größere Herausforderung. „Grundsätzlich ist Sponsoring ein schwieriges Thema in Hamburg“, sagt Pfad. Speziell im Sport werde nicht besonders gern Geld gegeben. Seit über einem Jahr fehlt den Freezers etwa ein Hauptsponsor für die Trikotbrust.

Eine bessere Vernetzung in der Stadt, eine tiefere Verankerung auf den entsprechenden Ebenen soll das Problem lösen helfen. Zunächst aber muss es der Geschäftsführung gelingen, den Klub in diesen Kreisen zu etablieren. Mit einem attraktiven Produkt ist das leichter als mit den Freezers der vergangenen Jahre.