Flugzeug-Absturz

Eisbären trauern um Nationalspieler Dietrich

Nach dem Unglück in Russland mit 43 Toten ist die Eishockeywelt in tiefer Trauer – Bestürzung auch bei den Eisbären. Alle kannten Robert Dietrich, der im Sommer nach Jaroslawl gewechselt und ebenfalls unter den 43 getöteten Insassen der Maschine war.

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Auf der ganzen Welt haben Fans der Opfer des Flugzeugabsturzes in Russland gedacht - auch der Vize-Präsident des deutschen Eishockey-Bunds ist erschüttert.

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Jaroslawl ist ziemlich weit weg von Berlin. Doch auch hier war der Absturz des Flugzeugs, bei dem am Mittwoch die Eishockey-Mannschaft von Lokomotive Jaroslawl fast vollständig ausgelöscht worden ist, allgegenwärtig. Ein paar Fans des Deutschen Meisters hatten sich noch am Abend des Unglücks an der O2 World eingefunden und Kerzen angezündet. Die Anteilnahme ist groß in der Eishockey-Welt, auch beim Berliner Klub.

Für die Eisbären ist diese Tragödie, eine der größten in der Sportgeschichte, nichts, das weit weg ist. Es gibt viele Nationalspieler bei den Berlinern. Sie alle kannten Robert Dietrich, der im Sommer nach Jaroslawl gewechselt und ebenfalls unter den 43 getöteten Insassen der Maschine war. „Er war ein ruhiger Typ, aber immer gut drauf. Es ist nur schwer zu begreifen, dass er auf einmal nicht mehr da ist“, sagte EHC-Stürmer André Rankel. Es sei schwer, dass alles überhaupt in Worte zu fassen, so der Berliner.

EHC wollte Dietrich verpflichten

Viel hatte nicht gefehlt, und der 25-jährige Verteidiger Dietrich wäre vor einem Jahr auch bei den Eisbären sein Kollege geworden. Nach seiner Rückkehr aus Nordamerika stand der gebürtige Kasache auch beim EHC auf der Liste, doch das Angebot der Adler Mannheim reizte ihn damals mehr. So wie in diesem Sommer die Offerte aus Russland, für die er eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag nutzte. „Er war ein ganz freundlicher Typ, der bei seinen Kollegen und bei den Mitarbeitern des Vereins geschätzt wurde. Er hat das Leben geliebt und den Eishockeysport, er wollte sein Talent jeden Tag ausnutzen“, sagte Mannheims Manager Teal Fowler.

Auch in Düsseldorf, wo Dietrich vor seinem Engagement in Nordamerika spielte, war die Bestürzung groß. „Er war einfach ein Pfundskerl“, erzählte Walter Köberle. Der Teammanager der DEG Metro Stars stand seit dessen Zeit in Düsseldorf in engem Kontakt zum 38-maligen Auswahlspieler. Köberle telefonierte noch kurz vor dem Unglück mit Dietrich. „Er erzählte mir, dass er aufhören müsste, um nach Minsk zu fliegen. Da können Sie sich vorstellen, wie ich mich gefühlt habe, als ich vom Absturz gehört habe“, sagte der sonst stets fröhliche Köberle mit belegter Stimme. „Er war glücklich, dass er spielen konnte und hat sich auf die Saison gefreut. Er hat mir versprochen, dass er sich direkt nach der Landung bei mir meldet“, erzählte Dietrichs Freundin Lena Mendel, die nun mit der Familie nach Russland fliegt. „In solchen Momenten spürt man, wie schnell vieles nebensächlich werden kann“, sagte der Berliner Rankel.

Unter den vielen Opfern befanden sich zahlreiche Stars des Eishockey. Der slowakische Volksheld Pavol Demitra, der schwedische Olympiasieger Stefan Liv, Weltmeister und Stanley-Cup-Sieger. „Nach einer Nacht ist es eigentlich noch viel schlimmer geworden. Jetzt realisiert man das alles erst. Da das gesamte Eishockey weltweit betroffen ist, gibt es auch auf der ganzen Welt eine riesige Anteilnahme. Da begreift man die Dimension erst“, sagte der Generalsekretär des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), Franz Reindl. „Ich weiß auch nicht, wie es jetzt weiter geht.“ In Russland gibt es da schon recht konkrete Vorstellungen, zwar verschob die KHL ihren Saisonstart aufgrund des Unglücks, doch am Dienstag wird die Liga ihren Spielbetrieb aufnehmen. Vielleicht ja schon mit einem neuen Lokomotive-Team. „Die neue Mannschaft wird in den nächsten zwei bis drei Tagen gebildet. Mindestens 30 Spieler haben bereits direkt nach dem Unglück angekündigt, Lokomotive zu unterstützen und die Saison für Jaroslawl spielen zu wollen“, sagte Wjatscheslaw Fetisow, der Aufsichtsratschef der Liga. Die Show muss eben weitergehen.

Vielleicht aber wird die Tragödie etwas verändern. Russlands Präsident Dmitri Medwedew war gestern an der Absturzstelle gewesen, er legte Blumen nieder und rügte den maroden russischen Luftfahrtsektor. Es sei „nicht möglich, so weiter zu machen“, sagte er. Die Maschinen sind oft veraltet und schlecht gewartet sowie die Piloten mangelhaft ausgebildet. Der russische Verbandspräsident Wladislaw Tretjak erklärte, dass die Nationalmannschaft nicht mehr mit Maschinen des Unglücktyps Jak-42 fliegen werde. Aus noch ungeklärter Ursache gewann das Flugzeug nicht an Höhe, streifte einen Antennenmast und stürzte in die Wolga. Selbst russische Kommentatoren betrachten die KHL als „Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, wie im Radiosender Echo Moskwy zu hören war. Einerseits würden exorbitante Gehälter gezahlt, um einige der besten Spieler der Welt in Russland präsentieren zu können. Andererseits sei die Infrastruktur hoffnungslos veraltet und gespielt würde oft in maroden Hallen.

Die Bezahlung ebenso wie die hohe sportliche Qualität lockt dennoch viele Spieler und Trainer in die KHL. Wie auch Brad McCrimmon, der seinen Job als Coach in Jaroslawl gerade angetreten hatte. Vor sieben Jahren war er in Deutschland gewesen, hatte in Frankfurt assistiert. Auch in Berlin war der Stanley-Cup-Sieger von 1989 seinerzeit aktiv, der hospitierte bei den Eisbären unter Pierre Pagé. „Unsere Gedanken sind bei allen Angehörigen und Freunden der Opfer, die von dieser Tragödie betroffen sind“, sagte Manager Peter John Lee.

Tragödie In der Wolga liegen Trümmerteile (Bild 1). Die Unglücksstelle besuchte der russische Präsident Dmitri Medwedew (2) gestern und legte Blumen nieder. Fans von Lokomotive zünden Kerzen an (3) und marschieren durch die Innenstadt von Jaroslawl (4), während Profis bei einem Pokalspiel eine Schweigeminute einlegten (5) Reuters (3)/dpad/AFP (2)