Triumph in Wolfsburg

Titel für Eisbären Berlin – Ein Sieg des Charakters

Vor ein paar Wochen noch ging es eher um die Frage, an wem die Eisbären im Play-off wohl scheitern würden. Jetzt feiern die Berliner ihre fünfte Eishockey-Meisterschaft und stellen damit die Bestmarke der Adler Mannheim ein.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

Ein bisschen hatte es schon nach Verlängerung ausgesehen. Sie waren zäh, diese Wolfsburger, viel zäher noch als in den beiden Spielen zuvor, welche die Eisbären gewonnen hatten (4:2, 5:4). Das war auch nur zu verständlich, in diesem dritten Spiel ging es nämlich um viel mehr als nur einen Sieg, es ging um die Meisterschaft für den EHC. Und dann kam Constantin Braun, zog bei Überzahl ab, und die Scheibe zappelte plötzlich im Netz – es war das 5:4 (1:2, 2:0, 2:2) in der 57.Spielminute. Und es war der Sieg für die Berliner, die durch Brauns Treffer ihren fünften Meistertitel in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) feiern konnten.

Die letzten Sekunden zählten die Fans der Eisbären runter, dann flogen die Schläger, Handschuhe und Helme. Die Emotionen brachen nach einem langen und harten Play-off heraus, an dessen Ende die Eisbären so souverän spielten wie in früheren Tagen – und Wolfsburg, den einstigen Favoriten, in den minimal notwendigen drei Partien bezwangen. „Der Sieg ist verdient. Die Eisbären waren die stabilere Mannschaft“, so der ehemalige Nationaltrainer Hans Zach, und Eisbären-Urgestein Sven Felski sagte: „Wir haben es trotz des Verletzungspechs in dieser Saison geschafft. Ich bin stolz.“

Die Situation hätte nicht kritischer sein können für die Wolfsburger. Nach zwei Niederlagen in den ersten beiden Partien gab es keine großen Optionen mehr. Die Grizzlies hatten sich gut verkauft in der Serie. So gut, dass Eisbären-Trainer Don Jackson sich nach der Partie am Sonntag in Berlin gar nicht als ganz großer Sieger sehen wollte. Mehr aber machte sich offenbar Wolfsburgs Trainer Pavel Gross einen Kopf darum, weshalb es für die Niedersachsen schon zum zehnten Mal in Folge nicht geklappt hatte gegen den EHC.

Seine Schlussfolgerungen überraschten durchaus. Nicht nur, dass er etwas in den Sturmreihen mischte. Augenfällig war speziell sein Wechsel des Torhüters. Er hatte bereits am Sonntag geäußert, dass er darüber nachdenken werde, doch wirklich daran geglaubt, dass er Jochen Reimer austauschen würde, hatten wohl die wenigsten. Doch nachdem Reimer in zuvor sechs Partien einen Gegentordurchschnitt von 1,5 pro Spiel hatte und in den beiden Spielen gegen die Eisbären einen von 4,5, sah Gross dort offenbar den Hebel, an dem er ansetzen musste.

Nun stand also Daniar Dhunussow im Tor der Wolfsburger, 25 Jahre alt, gebürtiger Berliner. Er hatte die Eisbären 2007 verlassen, weil er anderswo größere Entfaltungsmöglichkeiten für sich sah. In Wolfsburg bildete er in der Hauptrunde mit Reimer das beste Torhütergespann. Im Play-off allerdings saß er nur noch auf der Bank. Bis zum bis dato wichtigsten Saisonspiel der Niedersachsen.

Einen großen Impuls konnte er damit nicht erzeugen. Die Berliner ließen sich nicht von dem neuen Torhüter beeinflussen, ebenso wenig wie vom letzten Aufbäumen der Gastgeber. Zwar sprang Don Jackson das eine oder andere Mal auf der Spielerbank einigermaßen aufgeregt hin und her. Im möglichen letzten Spiel der Saison ist Beherrschung eben eine schwierige Sache. Auf dem Eis verhielten sich seine Profis dennoch deutlich abgeklärter als der Trainer. Zweimal lagen sie zurück nach Treffern von John Laliberte (9., 19.), doch Rückstände hinterließen bei den Eisbären in diesem Play-off nie wirklich Spuren. Auch diesmal nicht, sie blieben bei ihrem Plan, spielten, wenn auch mit hohem Tempo, aber dennoch ruhig nach vorn. So glichen Stefan Ustorf (11.) und Tyson Mulock (23.) aus. „Wir müssen aus dieser Serie lernen“, sagte Wolfsburgs Kai Hospelt.

Dass all ihre Versuche in der Serie, sich von den Berlinern zu lösen, sie auch mal mit Toren deutlich hinter sich zu lassen, ins Leere liefen, zermürbte die Wolfsburger etwas. Es verunsicherte sie und verführte auch dazu, Strafzeiten in Kauf zu nehmen. Während die auf die Schiedsrichter wütenden Fans der Wolfsburger entnervt Bierbecher auf das Eis feuerten, erzielten die Eisbären unbeeindruckt das 3:2 durch Florian Busch und waren in der 32. Spielminute virtuell Meister. Im Fanblock der Berliner hatten sich die ersten der Oberbekleidung entledigt und feierten. In Berlin jubelten derweil über 2000 Anhänger in der O* World, wo sie die Partie über den Videowürfel verfolgten.

Den meisten von ihnen wäre natürlich eine Meisterfeier in Berlin lieber gewesen. Die Spieler hingegen wollten die Serie so schnell wie möglich beenden. Das wurde aber doch noch sehr schwierig. Denn den Kampfgeist hatten die Grizzly Adams nicht verloren, auch nicht nach dem vierten EHC-Tor durch Derrick Walser (43.). Norm Milley (41.) und Kai Hospelt (45.) glichen zweimal aus. Bis Constantin Braun traf. „Wir haben hervorragendes Eishockey gespielt und unsere Erfahrung genutzt. Diese Mannschaft hat Charakter ohne Ende“, jubelte Eisbär Andre Rankel.

Statistik

Meisterschaftsrunde, Playoff (Best of 5), Finale: 3. Spieltag.

Grizzly Adams Wolfsburg – Eisbären Berlin 4:5 (2:1, 0:2, 2:2)

Schiedsrichter: Bauer/Piechaczek (Nürnberg/Finning) – Zuschauer: 4503 (ausverkauft)

Tore: 1:0 Laliberte (08:14), 1:1 Ustorf (09:48), 2:1 Laliberte (18:06), 2:2 Tyson Mulock (22:34), 2:3 Busch (31:07), 3:3 Milley (40:46), 3:4 Walser (42:36), 4:4 Hospelt (44:54), 4:5 Constantin Braun (56:38)

Strafminuten: 12 / 16