Kurz vor Titel

Eisbären erwartet das schwerste Spiel

Obwohl noch keine Mannschaft bisher einen 2:0-Vorsprung verspielt hat, sind die Eisbären beim dritten und womöglich entscheidenden Finalspiel auf der Hut. Sie wissen: Die Wolfsburger werden um ihr Leben rennen.

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Gegen Wolfsburg können die EIsbären Berlin ihre fünfte Meisterschaft in sieben Jahren gewinnen

Video: Reuters
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Sie tobt, die Wolfsburger Fanseele. Dass ihre Mannschaft, die Grizzly Adams, sich in bislang zwei Spielen dem EHC Eisbären geschlagen geben musste, ist ohnehin schon schwer genug zu ertragen. Dass sie sich von den Berliner Anhängern dann auch noch böse vorführen lassen müssen, das tut allerdings richtig weh. Voller Stolz hängten sie in Wolfsburg Plakate auf zur allerersten Teilnahme des Klubs am Finale der Deutschen Eishockey-Liga (DEL). Voller Dreistigkeit entwendeten Berliner Fans das Banner und präsentierten es am Sonntag beim Spiel in der O2 World kopfüber im eigenen Fanblock. Selten so gelacht.

Neue Sympathien wird das den Eisbären sicher nicht bringen, wenn sie am Dienstag wieder bei den Niedersachsen antreten (19.35 Uhr, Sky live). Doch selbst ohne den Plakatklau wäre davon auch nicht auszugehen gewesen. Dazu ist die Situation der Gastgeber zu prekär, den Berlinern genügt in der „Best of five“-Serie nämlich ein einziger Sieg, um Meister zu werden. Entsprechend intensiv wird sich die Stimmung der Niedersachen gegen sie wenden. Entsprechend intensiv auch werden sich die Wolfsburger auf dem Eis wehren. „Sie werden um ihr Leben rennen“, ahnt Verteidiger Jens Baxmann.

Im Vorbeigehen ist die Aufgabe heute also keineswegs zu erledigen. Es heißt ja nicht umsonst so schön: Der letzte Sieg ist immer der schwerste. Aber warum eigentlich? „Das hat mal jemand so gesagt, und es klingt eigentlich ganz gut“, erzählt EHC-Kapitän Stefan Ustorf. Ganz von der Hand zu weisen ist sein Argument nicht, der Spruch bringt Dramatik in den letzten Akt. Ustorf fallen dennoch ein paar Punkte ein, welche die Sachlage wohl etwas zutreffender beschreiben. Obwohl es in der DEL noch nie vorgekommen ist, dass eine Finalserie nach einem 0:2 gedreht worden ist, will er das nicht an sich ranlassen. Wer sich mit der Gesamtsituation beschäftigt statt mit dem nächsten Spiel, läuft schnell Gefahr zu glauben, dass bei einem 2:0 „nichts mehr passieren kann“. Wie trügerisch das sein kann, weiß Ustorf gut. „Ich hab schon mal 3:0 geführt, und dann haben wir geplant. Am Ende waren wir draußen“, sagt er und bereut den Ausflug in die Vergangenheit sogleich. „Eigentlich wollte ich darüber nie wieder reden.“ Er beendet den Exkurs auch prompt. Aber es war 1999 mit den Detroit Vipers und Steve Walker an seiner Seite, als er im Halbfinale der IHL an den Orlando Solar Bears mit Mark Beaufait scheiterte.

Sich völlig von den Gedanken an das Ende zu befreien, gelingt dennoch kaum. „Dieses Was-wäre-wenn ist schwer auszublenden“, sagt Ustorf. Baxmann erzählt: „Im Hinterkopf spielt das sicher eine Rolle.“ Andererseits könnte die Stärke der Wolfsburger dazu dienen, sich nicht zu sehr den Gedankenspielen hinzugeben. „Die waren sehr gut“, so Baxmann. Weniger die Vorstellung der Grizzly Adams als vielmehr die der eigenen Mannschaft ließ Trainer Jackson am Sonntagabend mit gemischten Gefühlen aus der Arena gehen: „Mir ging es nach dem Sieg nicht so gut, wie es sein sollte, weil nicht alles wirklich gut gelaufen ist für uns.“ Die Disziplin am Ende gefiel ihm nicht, das machte es noch einmal enger als nötig. „Ich habe zu viele Mannschaften verlieren sehen wegen eines Mangels an Disziplin“, sagt Jackson. Doch überstand seine Mannschaft auch dies letztlich unbeschadet. Weil sie über viele Jahre behutsam aufgebaut und zusammengehalten worden ist und daher schon viele kritische Erlebnisse gemeinsam durchlebte. „Wir wissen genau, was wir machen müssen an gewissen Stellen des Spiels“, sagt Stürmer Florian Busch. Sven Felski ergänzt: „Du triffst instinktiv die richtige Entscheidung bei engen Sachen.“ Jackson warnt dennoch, dass ein zu großes Abweichen von der taktischen wie disziplinarischen Linie in einem aufgeheizten Spiel wie dem heutigen irgendwann auch mit Erfahrung nicht mehr zu kompensieren ist.

Wolfsburg jedenfalls sah noch nicht so aus, als wäre die Mannschaft schon am Ende. Obwohl die Lage für die Grizzly Adams schlecht ist und die Niederlagen auch dazu geeignet waren, am Selbstbewusstsein zu kratzen. Andererseits zeigten sie auch die sportliche Enge zwischen beiden Teams, die keine schwachen Momente des Geistes verzeihen würde. Der Ansatz, den Verteidiger Baxmann sich gewählt hat für diese dritte Finalpartie, erscheint daher passend, um im Kopf keine Nachlässigkeiten zuzulassen. Das Spiel so anzugehen, als befänden sich die Eisbären in der Situation der Wolfsburger, wäre sein Vorschlag.

Eines ist unverkennbar bei den Berlinern, so gut alles gelaufen ist bisher im Finale: Der Eindruck, dass die Arbeit schon erledigt wäre, hat sich bei ihnen noch nicht festgesetzt. Wobei das Ziel trotzdem unmissverständlich formuliert wird. „Hoffentlich sind wir heute Abend Meister“, sagt Trainer Don Jackson. Kapitän Ustorf würde selbst mit Rücksicht auf die Fans lieber früher als später den Meisterpokal in Händen halten. Das denkt jeder in der Kabine, womit dieses den heutigen Tag in Wolfsburg bestimmende Szenario natürlich bei jedem präsent ist. Wenn auch nur im Hinterkopf, aber es reicht, dass „die Mittagsruhe wohl etwas unruhiger wird als sonst“, so Baxmann. Das Spiel dürfte ebenfalls keine erholsame Angelegenheit werden. Aber für solche Dinge bliebe ja auch später noch genug Zeit.