Play-off-Kampf

Eisbären sind von Psychospielchen unbeeindruckt

Nach Rankels Aktion im ersten Drittel gegen Bruno St. Jacques musste dieser verletzt vom Eis. Die besiegten Ingolstädter fordern nun eine nachträgliche Bestrafung und setzen zum Verbalangriff gegen die Eisbären an.

Erinnert sich noch jemand an die Öltanker? Als Spieler mit einem Wendekreis wie selbige bezeichnete seinerzeit Florian Busch die Verteidiger der Adler Mannheim während einer Play-off-Serie. Das Gemüt ist eben aufgewühlt zu dieser Eishockey-Jahreszeit, da werden erbitterte Kämpfe ausgefochten – auf dem Eis, oft genug auch daneben. Da fallen klare Worte wie sie Frank Hördler, Verteidiger des EHC Eisbären, in derselben Serie gegen Mannheim benutzte, als Berliner und Mannheimer Profis sich massenhaft auf der Strafbank drängelten. „Wir sind bereit gewesen für ein Eishockeyspiel, nicht für so einen Scheiß“, sagte er in eine Fernsehkamera.

Auch die aktuelle Serie zwischen den Eisbären und dem ERC Ingolstadt ist keine, die auf 60 Minuten beschränkt bleibt. Nach dem 5:3 des EHC in der ersten von maximal fünf Partien in diesem Viertelfinalduell deutete sich das bevorstehende Nachspiel schnell an. Man werde sich die Szene in der 20. Minute genau anschauen und gegebenenfalls bei der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) eine nachträgliche Bestrafung von André Rankel fordern, hatte Trainer Rich Chernomaz angekündigt. So kam es auch. Und noch mehr. Ein Kluboffizieller redete von einer „Sauerei“ und fragte lauthals, „ob das große Berlin mit allen Mitteln ins Finale gebracht werden soll“. Zudem wurde Rankel als übles Raubein hingestellt. „Das war kein Zufall.“ Großes Gezeter also in Ingolstadt.

In Berlin bleiben sie eher still. „Wir haben uns das angesehen, es war ein Körpercheck, der nicht gegen den Kopf ging“, sagt Manager Peter John Lee. Rankel, der später das 4:3 erzielte, hatte den Ingolstädter Bruno St. Jacques so getroffen, dass er eine Gehirnerschütterung erlitt. Einer der Schiedsrichter stand in der Nähe und konnte die Aktion ganz gut verfolgen. Auch in der anschließenden Beratung wurde nicht auf Foul entschieden.

Eisbären behielten die Nerven

Nun aber liegt die Sache bei der Liga, Ingolstadt hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Rankel muss sich bis Freitagmittag äußern, danach wird Schnellrichter Jörg Mayr ein Urteil fällen. Das wollen die Bayern mit verbalem Druck nun gern beeinflussen und schreien ihren Unmut ins ganze Land hinaus. „Die klare Fehlentscheidung hatte einen erheblichen Einfluss auf den Spielausgang. Wenn das keine Konsequenzen hat, brauchen wir über Regelwerke nicht mehr zu diskutieren“, sagte Chernomaz. Sie vergessen natürlich nicht, darauf zu verweisen, dass Rankel zu Saisonbeginn nach einem Foul gegen einen Ingolstädter eine Matchstrafe erhalten hatte. Psychospielchen gehören eben dazu im Play-off. Wer will es den Bayern verdenken, sie haben nur noch vier gesunde Verteidiger. Der Druck ist riesengroß.

Damit wollen sich die Berliner nicht beschäftigen. „Sie versuchen alles, um uns aus der Ruhe zu bringen“, sagt Lee. Um der Liga ein möglichst umfassendes Bild von der Partie zu vermitteln, schickte er gleich noch vier Szenen mit Checks der Ingolstädter zur Beurteilung an die DEL. „Die waren alle härter als der von Rankel und gingen sogar in Richtung des Kopfes“, so der Manager. Ein bisschen machen die Eisbären also doch mit beim Schlagabtausch abseits des Eises. Ins ganz große Verbalgefecht steigen sie aber nicht ein.

Es ist ein bisschen wie im ersten Spiel, schon dort behielten die Eisbären die Nerven – trotz des 1:3-Rückstandes. Das kommentierte Frank Hördler, Torschütze zum 5:3, diesmal völlig ohne unflätige Ausdrücke. „Vom Gefühl her waren wir nie in der Situation gewesen, dass Hektik aufkam“, sagte er. Das Positionsspiel funktionierte ebenso gut wie das in Über- und Unterzahl. Der Einsatz von allen war vorbildlich. „Wir haben sehr viele Kleinigkeiten gut gemacht“, befand der mit einem Tor und drei Vorlagen besonders starke Kapitän Stefan Ustorf. Selbst die anfangs doch sehr schwache Leistung von Torhüter Rob Zepp störte dessen Mitspieler nicht.

Mannschaft ist ruhig geblieben

Hördler fühlte sich im zweiten und dritten Abschnitt an vergangene Tage erinnert. „Wir haben dominiert wie früher“, sagte der 26-Jährige, der wie seine Kollegen auf dem Eis wieder eine Siegermentalität ähnlich wie in den Meisterjahren ausstrahlte. Die Konzentration seiner Mannschaft schien selbst Trainer Don Jackson zu überraschen, vor allem in der ersten Pause, in die sein Team mit einem Rückstand ging. „In der Kabine ist die Mannschaft ganz ruhig geblieben“, sagte er.

Mehr als ein Teilerfolg ist dennoch nicht erreicht. „Ich bin hochzufrieden mit dem Spiel, aber vor uns liegt noch ein Haufen Arbeit“, sagt Ustorf.

Von der Vergangenheit will er zwar nichts mehr wissen, trotzdem war es so, dass Chernomaz als Trainer der Frankfurt Lions in den beiden Play-off-Serien gegen die Eisbären stets das erste Spiel verloren hat, am Ende aber jeweils als Sieger vom Eis gegangen ist. Auf selbiges muss sich das Geschehen am zweiten Spiel erst einmal wieder verlagern. Es dürfte ein hitziges werden, das den Blick in die Fernsehübertragung lohnt (19.35 Uhr, Sky live). Denn die Zwischentöne waren play-off-würdig – und auch lächerlich, was die große Verschwörung zugunsten der Eisbären betrifft. Die wähnen die Berliner oft genug gegen sich, wenn einer ihrer Spieler nach einem Check verletzt vom Eis muss – und die Sünder straffrei bleiben.