Eishockey

Die Eisbären und der Angstfaktor des Play-off

In der deutschen Eishockeyliga ist die Qualität ausgeglichen wie lange nicht mehr. Das spüren auch die Eisbären Berlin, die am Mittwoch im Play-off-Spiel gegen Ingolstadt weder Favorit noch Außenseiter sind.

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Ab Mittwoch wird es ernst, denn nichts ist im Eishockey so vergänglich wie die Ergebnisse der Hauptrunde. In zwei Tagen geht es los und zu Beginn des Play-off wartet mit Ingolstadt ein ganz schwerer Brocken auf die Eisbären Berlin.

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Ohne ihn geht eben doch nichts. Zwar hält sich Hans Zach nicht mehr im Mittelpunkt, sondern eher am Rand der Eishockeyszene auf, trotzdem wird der 61 Jahre alte Bayer gern gebucht, wenn es etwas zur Deutschen Eishockey-Liga (DEL) zu sagen gibt. So war denn Zach auch derjenige, der am meisten zu Wort kam, als die Liga in Berlin auf das am Mittwoch beginnende Play-off vorausschaute.

Was durchaus folgerichtig war, denn Zach, momentan im Ruhestand, hat schließlich als bisher letzter Trainer – mit den Hannover Scorpions – die Meisterschaft gewonnen. Die Tipps, die er freizügig an seine Podiumskollegen verteilte, sind also sehr ernst zunehmen. Obwohl Zach sie so vortrug, dass niemand umhin kam zu lächeln. Er beschwor die Kraft der Defensive. „Sie ist der Schlüssel. Da habe ich meine feste Meinung“, sagte Zach, dem eine gewisse Betontaktik oft zum Vorwurf gemacht worden ist über die Jahre: „Da können andere 100-mal erzählen, was sie wollen. Ich kenne mich aus, sonst würde ich nicht darüber reden.“

Als Zach dies in einem Raum der O2 World sagte, beendete zwei Stockwerke tiefer gerade die Mannschaft des EHC Eisbären ihre Übungseinheit. Es wäre interessant gewesen, wie Don Jackson, der Trainer der Berliner, auf Zachs Aussagen reagiert hätte im direkten Gespräch. Jackson hatte nämlich vor Zach mit den Eisbären zweimal den Titel geholt und verfügt also auch seine Erfahrungen. Doch der Coach kümmerte sich um das Tagesgeschäft, während oben dafür Manager Peter John Lee neben Zach Platz genommen hatte und vernehmen durfte, wie der frühere Bundestrainer seine Taktik präzisierte, die nichts „mit destruktivem Spiel zu tun hat, sondern mit Verantwortung“.

Nichts Außergewöhnliches

Die Sichtweise von Jackson differiert etwas von der Zachschen. „Ich mag es nicht, wenn jemand sagt: Defensive zuerst“, so der 53-jährige US-Amerikaner. Seine Philosophie ist eine andere, eine, nach der sich die Mannschaft und jeder Spieler der Situation anpassen sollen. „Wenn du den Puck hast, spielst du offensiv, wenn nicht, defensiv“, erzählt Jackson. Die Selbsteinschätzungen von Spielern bezüglich ihrer Vorlieben auf dem Eis mag er nicht. Frustrierend sei es für einen Trainer, wenn ein Spieler sich für offensiv oder defensiv halte und sich deshalb auf der anderen Seite des Eises nicht blicken lässt.

Hinter Jackson liegt eine Saison, die er so nicht kennt in Berlin. Oft stand er in der Kritik, es ging um seinen Job, er wirkte mal ratlos, mal genervt. Aus seiner Routine ließ er sich davon aber nicht bringen. Schließlich sei nichts Außergewöhnliches passiert. „Im Sport geht es immer rauf und runter“, sagt der Coach, der mit dem dritten Platz in der Hauptrunde die schlechteste Platzierung seiner fast vierjährigen Amtszeit erreichte.

In ihrer Situation fühlen sich die Berliner wohler, als zunächst zu vermuten wäre. Es gab einiges zu verarbeiten seit dem letzten Play-off. Da war der große Vorsprung nach der Hauptrunde, dann das Aus im Viertelfinale gegen Augsburg. Jetzt heißt der Gegner Ingolstadt und der hat alle vier Partien der Saison gegen die Berliner gewonnen. „Wir sind jetzt hungriger und auch ein bisschen der Außenseiter“, sagt Stürmer Steve Walker. Es lastet nicht mehr der unbedingte Erfolgsdruck auf der Mannschaft, und die Gefahr der durch einen großen Vorsprung indizierten Überheblichkeit fehlt.

Jackson bezeichnet das als einen „gewissen Angstfaktor in guter Hinsicht“. Die Erfahrung habe die Mannschaft wieder aufnahmefähiger gemacht. „Die Spieler sind von sich aus konzentrierter, gerade jetzt zu Beginn des Play-off“, sagt der Trainer, dessen Team nach Jahren des Erfolgs und vier Titeln aus den höheren Sphären des Abonnementmeisters wieder eingereiht ist in den Rest der Liga. Als Favorit hat sie aktuell keiner auf dem Zettel.

Was lediglich einem aktuellen Trend entspricht, denn nach sicheren Tipps für die Meisterschaft zu suchen, stellt sich immer mehr als reines Glücksspiel heraus. Selbst Kenner wie Hans Zach müssen derzeit passen, wenn sie sich auf einen Favoriten festlegen sollen. Höchstens auf eine Sache würde sich Zach festnageln lassen. „Ich traue Köln nicht zu, Wolfsburg auszuschalten“, erzählte er. In den über maximal fünf Spiele gehenden Viertelfinalserien zwischen Düsseldorf und Mannheim, Berlin und Ingolstadt sowie Krefeld und Hannover sei „alles möglich“. Was letztlich auch in Bezug auf die Vergabe des Titels gilt.

Viel wurde in den vergangenen Wochen von der spannendsten DEL-Saison geredet. Tatsächlich hatten zwei Spieltage vor Ende der Hauptrunde noch 13 der 14 Teams die Chance auf die Meisterschaft. „Sportlich haben wir viele Akzente setzen können“, sagte DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. Bereits in der vergangenen Saison hatte sich gezeigt, dass bei einer guten Spielerauswahl und pfiffigen Trainern die Etatzahlen der Klubs nicht mehr zwangsläufig die Richtung für das Abschneiden darstellen müssen. Die Ausgeglichenheit in dieser Saison allerdings übertraf alles Dagewesene, als „extrem“ bezeichnete Tripcke die Situation.

Hannovers unglaubliche Serie

Bestes Beispiel sind die Adler Mannheim, die mit dem höchsten Etat der DEL wieder nur im Pre-Play-off landeten. „Dort wurden die Saisonziele bisher nicht erreicht, aber sie können jetzt alles herausreißen“, sagte Tripcke. Gegen den Überraschungszweiten Düsseldorf scheint zumindest der Einzug ins Halbfinale möglich. Selbst die Grizzly Adams aus Wolfsburg als Erster gegen den Neunten Köln wird nicht von allen so klar vorn gesehen wie von Zach. Schließlich spielt Köln seit Wochen gut. Beim Titelverteidiger Hannover beschäftigen sie sich gerade damit, wie sie die ungeheuerliche Serie von 25 Niederlagen aus den vergangenen 28 Spielen gegen die Krefeld Pinguine beenden können.

Sportlich bietet die DEL also so viel Interessantes wie lange nicht, vielleicht sogar wie noch nie. „Das deutsche Eishockey hat sich entwickelt in den vergangenen Jahren“, sagt Eisbären-Manager Peter John Lee. Die schlechten Nachrichten des Sommers, als die Klubs aus Frankfurt und Kassel aus wirtschaftlichen Gründen aus der Liga ausgeschlossen wurden und damit der gute Eindruck des vierten Platzes bei der Weltmeisterschaft getrübt wurde, konnten damit aufgefangen werden. Die große Krise blieb aus. Doch genauso wenig wie ohne Hans Zach geht es im deutschen Eishockey ohne Streitigkeiten.

Für die Außenwirkung ist es mehr als unglücklich, dass die Frage, ob der Zweitligameister trotz des auslaufenden Kooperationsvertrags mit der DEL aufsteigen darf oder nicht, nun doch vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas geklärt wird. Weil beide Seiten sich nicht selbst auf eine Regelung einigen können. Vielleicht hätte Zach als Friedensstifter eingeschaltet werden sollen, sein Wort hat Gewicht. „Der Wille, defensiv zu spielen, muss da sein, das ist die Basis“, sagte Peter John Lee artig. Dabei waren die Mannschaften des Berliners in den vergangenen Jahren der Gegenentwurf zu dem, was Hans Zach so spielen ließ in seiner Karriere.