Eishockey

Schmerzen zählen für Eisbären-Kapitän Ustorf nicht

Das Play-off, so heißt es, ist die schönste Zeit des Jahres für die Eishockey-Profis. Es gibt Grundregeln und ungeschriebene Gesetze. Vor dem Duell gegen Ingolstadt erklärt Berlins Kapitän Stefan Ustorf, worauf es nun ankommt.

Foto: Bongarts/Getty Images / Bongarts/Getty Images/Getty

52 Spieltage liegen hinter den Eisbären, nun geht die Saison für die Mannschaft noch einmal von Neuem los: In der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) startet heute das Play-off-Viertelfinale. Zu tun bekommen es die Berliner in der „Best of five“-Serie mit dem ERC Ingolstadt (19.35 Uhr, O2 World). Wie die Berliner hatten auch die Bayern ihre Probleme in den zurückliegenden Monaten. Der jüngste Trend am Ende der Punkterunde sprach jedoch für die Eisbären. Seitdem hatten beide Kontrahenten neun Tage spielfrei. „Die Mannschaft brennt und hat ein Ziel vor Augen: Wir wollen Meister werden“, sagt Eisbären-Kapitän Stefan Ustorf. Es wäre der fünfte Titel für die Berliner in der DEL und die Einstellung des Rekords der Adler Mannheim.

Das Play-off, so heißt es, ist die schönste Zeit des Jahres für die Eishockey-Profis. Es gibt einige Dinge, die es so besonders machen, gewissermaßen Grundregeln oder ungeschriebene Gesetze. Stefan Ustorf, der in sein 13. Play-off geht, erzählte Morgenpost Online, worauf es ankommt.

Schmerzen zählen nicht. Eishockey ist ein Sport, in dem es ohnehin recht robust zur Sache geht. Im Play-off wird alles noch ein bisschen arger, die Intensität steigt automatisch, damit gewinnt auch der körperliche Einsatz an Fahrt. Wo sie können, schmeißen sich Spieler in Schüsse, versuchen mit allen Körperteilen, die Pucks zu stoppen. Das tut manchmal sehr weh. „Aber jeder wird immer wieder versuchen zu spielen, solange er der Mannschaft helfen kann“, erzählt Stefan Ustorf (37). Er selbst hatte sich im Halbfinale 2008 den Fuß gebrochen, konnte außerhalb des Eises kaum laufen, spielte aber natürlich solange weiter, bis er am Ende den Meisterpokal in Händen halten konnte. „Mit Schmerzen muss man rechnen. Aber das ist ja auch nicht schlimm.“ Wichtig ist dabei: Nie verraten, wo es wehtut. Das würde der Gegner, gemein wie er ist, ausnutzen. In diesem Metier sind die Berliner Eisbären geübt, sie hatten in fast jedem Play-off einige Spieler dabei, die in der normalen Saison eine längere Auszeit gebraucht hätten, um ihre Verletzungen zu kurieren.

Du musst abgebrüht sein. Cool bleiben zählt zu den wichtigsten Eigenschaften, die ein Spieler im Play-off an den Tag legen muss. Ist der Schiedsrichter unfähig: egal; hakt der Gegenspieler zum 20. Mal: egal; spielt einer den Materazzi: weghören. „Die Emotionen musst du einfach unter Kontrolle haben“, sagt Ustorf. Zu entscheidend sind gerade im Play-off die Unter- und Überzahlsituationen, so dass unbeherrschtes Handeln zu einer großen Gefahr für die eigene Mannschaft werden kann. Vorteil für die Berliner: Eisbären sind cool.

Frühstück in der Kabine. Selbstständig sein ist schön, sich um nichts kümmern zu müssen, hat allerdings auch etwas für sich. Gerade im Play-off. „Das ist wichtig, um den Druck von jedem einzelnen Spieler wegzunehmen. Jeder soll sich ausschließlich auf Eishockey konzentrieren können“, erzählt der Kapitän. Mit den kleinen Dingen des täglichen Lebens – wie einkaufen – muss sich jetzt niemand mehr beschäftigen bei den Eisbären. Das fängt am frühen Morgen vor dem Training oder Warmmachen schon an. „Wir frühstücken immer gemeinsam in der Kabine. Das werden Eier gemacht, es gibt frische Brötchen.“ Und alles, was es sonst noch braucht für einen guten Start in den Tag.

Es gibt kein Morgen, Bier auch nicht. Im Play-off geht es um Alles, dementsprechend gehen die Profis auch in die Partien. „Jede Sekunde auf dem Eis musst du so spielen, als wäre es deine letzte“, sagt Ustorf. Als gebe es kein Morgen. Denn mit einer Niederlage droht immer auch das Ende, der Sommerurlaub. Den lieben die Spieler zwar, doch er sollte nicht länger als nötig sein. „Deshalb musst du im Play-off noch besser auf dich achten als in der Hauptrunde. Da wäre ein Bierchen nach einem Spiel schon mal in Ordnung. Jetzt gibt es das nicht mehr“, so Ustorf. Körper und Geist müssen immer in bester Verfassung sein. Dazu ist auch das Abschalten mal notwendig. Manche der Nordamerikaner können das nur, wenn sie ihre Familie nach Hause schicken. Anderen reicht ein Kartenspiel oder die Playstation.

Nur das Team zählt. Wer lieber für sich selbst spielt, für den ist Play-off nichts. Klar, Verträge werden oft genug nach Statistiken gemacht. So läuft das Geschäft. „Aber nur wenn der Erfolg des Teams vor jeder Statistik steht, kann sich der Erfolg auch einstellen“, sagt Ustorf. Mosern über zu geringe Eiszeiten ist verboten. Denn: „Teil eines Gewinnerteams zu sein ist wichtiger.“ Am Ende fühlt sich auch jeder, der den Titel gewonnen hat, besser als der, der nur Zweiter geworden ist, aber persönlich ein Tor mehr geschossen hat.

Der Bart fehlt nicht. Aberglaube zählt zu den weit verbreiteten Phänomenen im Sport und fällt im Play-off oft ins Auge. Denn viele Spieler lassen die Bärte wachsen. Motto: Wer rasiert, verliert. Ustorf: „Es geht um das Gefühl, dass man sich selbst vermittelt durch bestimmte Dinge.“ Der eine zieht den linken Schlittschuh immer zuerst an, der andere geht nur mit dem rechten Fuß zuerst aufs Eis. Schläger werden im Training geschont, wenn mit ihnen im Spiel getroffen wurde. Sehr einfallsreich war seinerzeit der Slowake Peter Bondra, mit dem Ustorf bei den Washington Capitals in der NHL zusammenspielte. „Wenn der zwei Spiele nicht getroffen hat, steckte er seine Schläger ins Klo um die Sch…, die sprichwörtlich daran klebte, abzuspülen.“ Darauf muss man erst mal kommen.

Wille entscheidet Spiele. Einen Plan zu haben ist gut, über starke Individualisten in der Mannschaft zu verfügen, hilft sicher auch. Aber das alles nützt nichts, wenn nicht bei jedem der absolute Wille vorhanden ist. „Das Team, das mehr davon aufbringt, gewinnt“, sagt Ustorf. Besonders in den kleinen Dingen zeigt er sich, in der Bereitschaft, sich in jeden Schuss zu werfen, jedes Laufduell anzunehmen, immer nachzusetzen. „Die Drecksarbeit machen“ nennt es der EHC-Kapitän. Wahrscheinlich wird dieser Faktor so wichtig wie selten in der DEL, denn „diese Saison war so eng, dass ich keinen Favoriten ausmachen konnte“.

Wer bockt, kriegt Stress. Schlechte Laune ist tabu. Nach einer Niederlage darf sich jeder ärgern. Aber Negatives in die Kabine tragen, das darf keiner. Persönliche Befindlichkeiten dürfen die Mannschaft nicht stören. „Das wird vom Team auch nicht akzeptiert“, sagt Ustorf, „da kann es dann ganz schnell sehr laut werden.“ Denn miese Laune kann ansteckend sein und damit das Ziel schnell in Gefahr bringen.

Alle Play-off-Spiele der DEL können Sie im Internet verfolgen: www.morgenpost.de/live