Volleyball

Julian Zenger: „Unser erstes Ziel ist der Gruppensieg“

Die deutschen Volleyballer wollen über Berlin den Sprung nach Tokio schaffen. Wie, verriet Libero Julian Zenger der Morgenpost.

Mal angenommen: Julian Zenger (v.) ist als deutscher Libero dafür hauptverantwortlich, Christian Fromm kann zur Not auch noch eingreifen.

Mal angenommen: Julian Zenger (v.) ist als deutscher Libero dafür hauptverantwortlich, Christian Fromm kann zur Not auch noch eingreifen.

Foto: nph / Kurth / picture alliance / nordphoto

Berlin. Von diesem Sonntag bis zum Freitag nächster Woche kämpfen in Berlin die Volleyball-Nationalteams aus Tschechien, Slowenien, Belgien, Frankreich, Niederlande, Serbien, Bulgarien und von Gastgeber Deutschland um ein einziges Olympia-Ticket nach Tokio. Den Auftakt für die Gastgeber bildet die Partie am Sonntag gegen Tschechien (19.30 Uhr). Für den 22 Jahre jungen Julian Zenger, Libero der BR Volleys, ist es das bisher wohl bedeutendste Turnier seines Lebens. Über das Ziel Olympische Spiele, die Unterstützung der Fans in der Max-Schmeling-Halle und seine Rolle in der deutschen Mannschaft sprach Zenger mit der Berliner Morgenpost.

Berliner Morgenpost: Herr Zenger, seit ein paar Monaten spielen Sie für die BR Volleys. Ist das Publikum in der Max-Schmeling-Halle schon „Ihr“ Publikum?

Julian Zenger: Ja, damit identifiziert man sich relativ schnell. Dafür ist Berlin nicht nur in Deutschland, sondern auch außerhalb bekannt, dass die Atmosphäre und die Zuschauer schon anders sind, als man das gewohnt ist. Gerade in Deutschland ist die Atmosphäre hier am beeindruckendsten. Ich hoffe, natürlich, dass wir auch bei der Olympia-Qualifikation sehr schnell auf die Unterstützung der Fans bauen können.

Wie nimmt man als Spieler die Kraft der Fans wahr?

Die Stimmung an sich ist einfach sehr gut. Der Hallensprecher macht einen guten Job. Das Publikum ist immer dabei, unterstützt, feuert an. Gut möglich, dass man dann als Mannschaft auch in seinen Rhythmus kommt, damit wiederum die Zuschauer mitnimmt. Das ist eine sehr große Unterstützung. Ich denke, für den einen oder anderen Gegner in der Bundesliga, der in die Halle kommt und nicht genau weiß, was ihn erwartet, nämlich so viel Publikum, für den ist das schon erst mal eine Herausforderung. Und kann einschüchtern.

Nun lassen internationale Gegner sich vermutlich nicht so leicht verunsichern.

Nein, aber da hoffen wir als deutsches Team, dass wir einfach von der Atmosphäre profitieren.

Das Turnier ist sehr hart. Acht Mannschaften treten an, nur eine darf nach Tokio reisen. Finden Sie diesen Modus nicht sogar ein bisschen ungerecht?

Ja, man kann schon sagen, das ist wie eine kleine Europameisterschaft mit etwas weniger Ländern. Und zwar nur guten. Aber Olympia ist für jeden Athleten das größte Turnier, deshalb ist jedem klar, dass die Qualifikation nicht leicht wird. Im Vergleich zu anderen Kontinenten ist es vielleicht ein wenig ungerecht. Ich denke, dass es in Europa viele Mannschaften gibt, die vom Niveau her deutlich besser sind als in anderen Kontinenten. Wenn man überlegt, dass aus Südamerika Brasilien und Argentinien schon qualifiziert sind: Da spielen jetzt Chile, Bolivien und wer auch immer gegeneinander. Einer von denen hat dann auch einen Platz in Tokio. Aber so ist es nun mal, wir haben in der Weltrangliste Plätze verloren, weil wir uns nicht für die WM qualifiziert haben. So bleibt uns nur diese eine Chance.

Haben Sie denn überhaupt eine? Ist Europameister Serbien nicht der große Favorit?

Ja, nichtsdestotrotz haben wir noch eine gute Möglichkeit. Wir müssen natürlich schon bei hundert Prozent spielen, wie jeder, der hier gewinnen will. Es ist ein schweres Turnier. Aber wir wollen erfolgreich daraus hervorgehen.

Wie schätzen Sie denn Ihre drei Gruppengegner ein?

Unterschätzen darf man niemanden. Belgien hatten wir als Gegner bei der Europameisterschaft 2019 und verloren 2:3. Slowenien stand bei der EM im Finale. Und bei der EM 2017 haben wir gesehen, dass auch Tschechien ein unangenehmer Gegner werden kann. Trotzdem ist es im Vergleich zur anderen Gruppe bei uns ein bisschen besser. Das Ziel ist auf jeden Fall, Gruppenerster zu werden, so das nötige Selbstvertrauen zu entwickeln. Und dann nach drei guten Spielen mit einem sehr positiven Gefühl ins Halbfinale zu gehen.

Der Zeitplan ist knackig. Ihren Einzug ins Finale vorausgesetzt, haben Sie fünf Spiele in sechs Tagen. Wie ist das überhaupt zu bewältigen?

Die vielen Spiele sind natürlich körperlich sehr anstrengend. Man versucht, sich dazwischen so schnell wie möglich zu erholen und neu zu fokussieren. Damit man immer frisch und mit klarem Kopf in das neue Spiel geht. Wir sind das ja ein Stückweit gewohnt von großen Turnieren wie einer EM. Da hat man auch mal drei, vier Spiele am Stück. Das ist zu schaffen. Wenn man allerdings in jedem Gruppenspiel fünf Sätze braucht, geht es irgendwann an die Kräfte. Deshalb ist es von Vorteil, wenn man deutlicher gewinnt. Aber das wird sich zeigen. Zuerst geht es darum, erst mal jedes Spiel zu gewinnen.

Sie haben mit 18 Jahren in der Nationalmannschaft debütiert. Inzwischen sind Sie deren Stamm-Libero. Auch im Verein sind Sie jetzt nach zwei Spielzeiten bei den United Volleys Frankfurt bei Meister BR Volleys schon ziemlich weit oben angekommen. Bei Ihnen scheint es immer aufwärts zu gehen. Wo oder was ist Ihr Ziel?

Ich bin sehr jung, es gibt immer noch sehr viel zu lernen, genug, an dem ich arbeiten möchte. Ich bin happy, dass es so läuft, ich Jahr für Jahr Schritte nach vorn mache. Und dass ich die Möglichkeit habe, mich im Klub wie in der Nationalmannschaft weiterzuentwickeln. Da ist noch ein weiter Weg vor mir. Wie weit es geht, das sehen wir dann.

Ist die erste Saisonhälfte mit den BR Volleys bisher die beste Zeit Ihrer Karriere?

Der Saisonverlauf ist für uns natürlich super. Wir sind in Deutschland noch ungeschlagen, stehen im Pokalfinale – das ist schon meine bisher beste Saison.

Sind die BR Volleys für Sie nur eine weitere Station auf dem Weg nach Russland, Italien, Polen? Oder ein Ort, wo Sie dauerhaft bleiben möchten?

Innerhalb Deutschlands würde es für mich jedenfalls keinen Sinn mehr machen zu wechseln. Wenn, dann mal irgendwann Richtung Ausland. Aber darüber mache ich mir jetzt gar keinen Kopf. Hier in Berlin passt für mich im Moment alles.

Wie betrachten Sie die bevorstehende Olympia-Qualifikation? Sie haben ja theoretisch Zeit, sind auch in vier oder acht Jahren noch jung genug, Olympische Spiele zu erreichen.

Nein, ich will das beim ersten Mal schaffen. Man weiß doch nicht, wie die Chancen in den nächsten Jahren sind. Und jetzt ist sie in jedem Fall da. Es ist nicht so unwahrscheinlich, dass wir es schaffen. Klar wird es hart, aber jeder von uns will den Schritt machen.

Wie ist denn Ihre Rolle in der Mannschaft? Mit Georg Grozer, Lukas Kampa und Marcus Böhme gibt es Spieler Mitte 30, Sie sind 22.

Wenn es um Ansprachen an die Mannschaft geht, stehen natürlich erstmal Lukas und Georg im Vordergrund. Das ist auch sinnvoll. Meine Rolle ist mehr oder weniger wie bei den BR Volleys. Ich versuche, Annahme und Abwehr so zu regeln, dass es passt. Da die Organisation zu übernehmen. Mich da auch weiterzuentwickeln und etwas mitzunehmen, was mir dann bei den BR Volleys hilft. Und andersrum. Und so immer besser in meine Rolle reinzukommen.

Mit dem 30 Jahre alten Markus Steuerwald vom VfB Friedrichshafen wurde ein zweiter Libero nominiert. Bedeutet das mehr Druck für Sie? Wie gehen Sie damit um?

Markus ist ein sehr erfahrener und sehr guter Libero. Da ist es verständlich, dass man versucht, ihn zu so einem Turnier noch einmal zurückzuholen. Wer von uns beiden spielt, wird dann Andrea entscheiden.

Sie sprechen Ihren Nationaltrainer an, Andrea Giani. Wie unterscheidet er sich von Ihrem Vereinscoach Cédric Enard?

Beide sind gute Trainer. Großartige Unterschiede sehe ich nicht. Andrea ist von seiner Spielphilosophie etwas aggressiver, will schneller Richtung Punkt gehen. Das geht schon los beim Aufschlag, dass er da sehr viel Druck von den Spielern erwartet. Andrea ist in dem einen oder anderen Bereich vielleicht erfahrener, weil er als Spieler auf einem höheren Niveau gespielt hat. Er ist auch in der Ansprache etwas emotionaler. Ich glaube, manchmal würde er am liebsten selbst noch aufs Feld springen und mitspielen.

Es kann Ihnen passieren, dass Sie im Halbfinale oder Endspiel auf Ihren Mitspieler von den BR Volleys, den Franzosen Nicolas Le Goff treffen. Haben Sie beide darüber schon mal gesprochen?

Natürlich haben wir da schon unsere Scherze drüber gemacht. Wenn es dazu kommt, hoffe ich, dass wir als Sieger von der Bühne gehen und ich dann eine Woche später, wenn ich ihn im Training wiedersehe, ein paar mehr Scherze machen kann.