Volleyball

„Meister wird, wer die besseren Nerven hat“

Im fünften Finale am Sonntag in Friedrichshafen traut Sebastian Kühner seinen BR Volleys den Sieg zu.

Sebastian Kühner ist einer der emotionalen Anführer bei den BR Volleys. Kommt er aufs Spielfeld, ist sofort neue Energie im Spiel.

Sebastian Kühner ist einer der emotionalen Anführer bei den BR Volleys. Kommt er aufs Spielfeld, ist sofort neue Energie im Spiel.

Foto: Moritz Eden / City-Press via Getty Images

Berlin. Seit 2012 ist Sebastian Kühner (32) Zuspieler bei den BR Volleys, seit dieser Saison ihr Kapitän. Vor dem fünften und entscheidenden Endspiel um die deutsche Meisterschaft beim VfB Friedrichshafen an diesem Sonntag (14.30 Uhr, Livestream auf Sport1.de) spricht der Familienvater über eine verrückte Saison, den neuen Trainer Cédric Enard und die Hoffnung vom großen Finale.

Berliner Morgenpost: Herr Kühner, am Sonntag endet eine komplizierte, man könnte auch sagen, verrückte Saison. Haben Sie so etwas schon mal erlebt?

Sebastian Kühner: Es gab definitiv viele Aufs und Abs und auch verrückte Sachen dabei. Diesmal waren es besonders unsere sehr schwankenden Leistungen von sehr guten zu katastrophalen Spielen mit dem Höhepunkt beim Pokal-Aus in Lüneburg. Wir haben lange Zeit keine Aufstellung gefunden, die über einen längeren Zeitraum sehr gut funktioniert hat. Dann kamen die Wechsel mit Nicolas Rossard und Sergej Grankin, das brachte wieder neue Aufregung. Andererseits hat jede Saison ihre eigene Geschichte. Es war spannend, aufregend. Jedenfalls sind alle froh, dass sie jetzt ein positives Ende genommen hat.

Was waren die größten Hemmnisse?

Dass wir anders als erwartet Probleme hatten, eine Stammformation zu finden. Die geplante Sechs hat es nicht geschafft, konstant gute Leistungen zu bringen. Wenn man die Leute im Training sieht, weiß man, was die drauf haben. Es hat länger gedauert als sonst, das auf dem Spielfeld zu zeigen. Da haben auch Verletzungen und die späte Rückkehr der Nationalspieler eine Rolle gespielt. Aber das erklärt nur die ersten ein, zwei Monate.

Und welche Faktoren haben Ihr Team zurück auf den Erfolgsweg gebracht?

Dass wir als Mannschaft trotz der ganzen Unruhe und dem drohenden Misserfolg immer weitergearbeitet und nie den Glauben verloren haben, dass wir besser spielen können. Sicher haben auch die Ergänzungen von Nico und Sergej eine gewisse Ruhe reingebracht. Aber vor allem war entscheidend, dass wir alle nie den Kopf verloren haben.

Trotz mancher Enttäuschung sind am Ende fast 100.000 Zuschauer zu den Heimspielen der BR Volleys gekommen. Wir erklären Sie das?

Nehmen Sie das Beispiel Friedrichshafen von früher: Die haben zehn Jahre kein Heimspiel verloren, am Ende kam niemand mehr zum Zuschauen. Weil es langweilig war. Dadurch, dass wir nicht die klaren Favoriten waren und nicht alles zerstört haben, was zu uns in die Halle kam, gab es mehr spannende Spiele. Das macht den Reiz für Zuschauer doch aus, da konnten sie diskutieren. Dazu kam sicher, dass wir uns unter der Saison gesteigert haben. Die beiden Finalspiele waren natürlich der Wahnsinn mit 7500 und jetzt sogar ausverkauft mit 8500 Leuten.

Benjamin Patch war quasi im Finale raus aus dem Team. Nun ist Kyle Russell erkrankt, und Patch muss wieder ran. Wie verkraftet er das? Wie die Mannschaft?

Für Ben war das psychologisch bestimmt nicht so einfach. Im Halbfinale gegen Innsbruck war er noch sehr stark, die lagen ihm einfach besser von der Spielweise als Friedrichshafen. Aber ich finde, Ben hat das im vierten Spiel schon gut gelöst. Sowieso brauchen wir jetzt jeden. Es ist keiner dabei, wo wir sagen, ohne den geht es nicht. Aber viele, die wir brauchen. Auch wenn es nur ein halber Satz hier ist oder ein halber Satz dort. Jeder der reinkommt, bringt bei uns was für die Mannschaft.

Cédric Enard scheint ein Trainer zu sein, der sehr gern wechselt. Ist das hilfreich?

Wenn die Wechsel sinnvoll sind, ist es gut. Jetzt hat sich herauskristallisiert: Wer hat welche Qualitäten und kann die am besten wann einsetzen? Der Trainer ist derjenige, der entscheiden muss, was wann benötigt wird. Jetzt muss ich den Block verstärken. Jetzt den Aufschlag. Jetzt muss der rein oder der. Er ist dafür verantwortlich, dass die beste Sechs auf dem Feld steht für diesen Moment. Er muss ganz klar entscheiden. Ich finde, das macht er sehr gut.

Wie arrangieren Sie sich mit Ihrer eigenen Rolle? Mit Ihren Kurzeinsätzen?

Zum einen ist das nicht neu für mich, die letzten Jahre lief es ähnlich. Ich komme damit sehr gut zurecht, habe viel Vertrauen von der Mannschaft. Die wissen, wenn ich raufkomme, geben wir Gas. Ich denke, ich habe gute Leistungen gezeigt und deshalb das Vertrauen des Trainers bestätigt.

Juckt es Sie in den Fingern, dem Trainer, der mit Polen immerhin Weltmeister geworden ist, den ersten deutschen Meistertitel wegzuschnappen?

Es geht nicht direkt gegen Vital Heynen. Es wäre historisch interessant, wenn sie zum dritten Mal nacheinander in der eigenen Halle die Meisterschaft verlieren. Aber das Entscheidende ist, dass wir am Ende den Titel haben. Das ist unsere Hauptmotivation.

Das Saisonmotto der BR Volleys heißt „Unsere Mission 10“. Plötzlich scheint es möglich, dass Sie das wirklich erreichen, den zehnten Meistertitel. Sie haben so viel Erfahrung: Was passiert Sonntag in Friedrichshafen?

Bei den Friedrichshafenern steckt bestimmt in den Köpfen: Oh je, drittes Mal hintereinander. Es sind ja auch fast die gleichen Leute immer dabeigewesen. Die haben den Heimvorteil, wir so ein bisschen den Auswärts-Druck. Die Stimmung wird sehr aufgeheizt sein in der Halle. Es geht einfach darum, wer seine Nerven am besten behält und am schnellsten zu seinem Spiel findet. Wir haben uns in der Finalserie gesteigert, am Mittwoch unser bestes Spiel gezeigt. Unsere Aufgabe ist, diese Leistung mindestens zu bestätigen. Gegen Friedrichshafen ist es entscheidend, gut in die Sätze reinzukommen. Wenn man erst mal drei, vier Punkte hinten liegt, dann wird es schwer, wieder ranzukommen. Ich glaube, die Mannschaft gewinnt, die mental besser mit der Situation umgeht.