Volleyball

Patch rechtzeitig voll auf der Höhe

Die BR Volleys gehen voller Selbstvertrauen ins Play-off-Viertelfinale gegen Düren. Ein Grund dafür ist Benjamin Patchs Leistungssteigerung.

Benjamin Patch ist seit Wochen in glänzender Form. Der Amerikaner war fünf Mal in Folge Topscorer der BR Volleys.

Benjamin Patch ist seit Wochen in glänzender Form. Der Amerikaner war fünf Mal in Folge Topscorer der BR Volleys.

Foto: Andreas Gora / picture alliance / Andreas Gora

Berlin. Für die meisten Beobachter der BR Volleys stellt sich die Sache so dar: Ende Januar ist etwas passiert mit dem deutschen Meister. Na klar, da wurde Sergej Grankin verpflichtet, der russische Olympiasieger, und mit dem neuen Zuspieler in ihren Reihen haben die Berliner kaum noch verloren, zuletzt in der Bundesliga sogar neun Mal in Folge gewonnen. Muss ja wohl an dem 34-Jährigen liegen, dass vor dem ersten Play-off-Viertelfinale nach dem Modus „Best of three“ gegen die Powervolleys Düren am Freitag (19.30 Uhr, Schmeling-Halle) sogar schon wieder von Endspielen und Meisterschaft geträumt wird.

Ein neues Volleyballteam braucht Zeit

Man kann aber auch etwas differenzierter begründen, wie es zu dem Wandel gekommen ist und nicht nur einen Spieler für alles verantwortlich machen. Man kann es so betrachten wie Benjamin Patch, der in den vergangenen fünf Spielen der Topscorer der BR Volleys war. Der so enttäuschend in die Saison gestartete Amerikaner ist zehn Jahre jünger als Grankin, er profitiert enorm von dessen an manchen Tagen fast perfektem Zuspiel.

Das ist ihm bewusst, trotzdem sagt er: „Ein Volleyballteam, gerade eines, das ganz neu zusammengestellt wurde, braucht Zeit, um seinen Rhythmus und seine Dynamik zu finden.“ Das gehe nun mal nicht über Nacht, sonst wäre es ein Wunder. Aber: „Jetzt sind wir so weit. Und daran hat jeder Einzelne seinen Anteil.“

Rossard und Grankin gaben dem Team positive Energie

Man kann leicht einen falschen Eindruck bekommen von diesem meist lächelnden, manchmal auf dem Spielfeld tänzelnden, gern Kaugummi kauenden jungen Mann aus Layton im US-Bundesstaat Utah, der immer bestens gelaunt zu sein scheint. Er macht es sich nicht einfach mit schnellen Antworten, vertritt eigene Ansichten. Es stimmt: Dass Nicolas Rossard im Dezember nach Berlin wechselte und Grankin im Januar, das habe der Mannschaft geholfen. „Aber das heißt nicht, dass die anderen vorher einen schlechten Job gemacht hätten.“

Das Team habe in den schweren Zeiten zusammengehalten, „wir haben nie aufgegeben“. Nicht nach der schlechten Vorbereitung, wegen zahlreicher Verletzungen, auch von Patch, nicht wegen ärgerlicher Niederlagen. Dann kamen Rossard und Grankin, „sie brachten positive Energie“. Dinge, die vorher nicht gelingen wollten, funktionierten plötzlich.

Mit 16 Jahren begonnen, acht Jahre später WM-Dritter

Der Franzose stabilisierte die Annahme enorm, der Russe das Zuspiel. „Wenn das alles zusammenpasst, macht es meinen Job leicht“, relativiert Patch seine eigenen, starken Leistungen, „ich muss ja nur den Ball killen.“ Volleyball-Sprache für: schmettern, treffen, punkten.

Erst jetzt ist richtig zu erkennen, welches Potenzial Patch hat, der 2010 mit 16 Jahren zum ersten Mal einen Volleyball in die Hand nahm und 2018 WM-Dritter mit den USA wurde. Er ist ein sehr guter Athlet, seine Sprungkraft katapultiert ihn auf ein anderes Level als die meisten seiner Konkurrenten.

Kreativität fehlte bisher noch – im Volleyball

Wenn er dann noch die Vorlagen von Grankin präzise geliefert bekommt, sieht Volleyball wirklich wie ein Kinderspiel aus. Ist es aber nicht. Es ist harte Arbeit und das Zusammenspiel besonderer Talente. „Sergej“, sagt Patch, „ist superkreativ.“ Er selbst nennt sich auch kreativ, fotografiert sehr gern und töpfert in seiner Freizeit, begeistert sich für Kunst und die multikulturelle Stadt Berlin, die er schon besuchte, bevor er einen Vertrag als Profi hier unterschrieb. Aber im Volleyball?

„Bisher war es so: Ich springe hoch und schlage den Ball – das ist nicht sehr kreativ.“ Da kam Grankin gerade recht. „Ich lerne hier viel. Sergej fordert mich heraus. Es gibt so viele Wege, Bälle zu killen. Wenn du nur auf eine Weise punktest, limitierst du selbst deine Kreativität.“ Der Gedanke treibt ihn an, variabler zu werden. Seit er das tut, ist er viel stärker geworden.

Ein angeschlagener Block bringt auch einen Punkt

Das ist auch Volleys-Geschäftsführer Kaweh Niroomand nicht entgangen. Dass Patch festgestellt hat, dass ein Schmetterball nicht nur einen Punkt bringt, wenn er mit Brachialgewalt durch die Lücke geprügelt wird, sondern auch, wenn er vom gegnerischen Block abgelenkt ins Aus segelt.

Eine Entwicklung, die der Manager sehr begrüßt, denn sie wird vom Amerikaner durchaus gefordert. „Er ist ein Spieler, von denen wir uns nicht viele leisten können“, begründet Niroomand die Erwartungen. Kategorie hochpreisig. Diagonalangreifer wie Patch besetzen die Königsposition. Sie müssen funktionieren, so wie es sein Vorgänger Paul Carroll sieben Jahre (mit sechs Meisterschaften) getan hat.

Dass Grankin Russe ist, interessiert nicht

Dass Benjamin Patch zumindest länger als ein Jahr bleiben möchte, freut die Berliner. Das wird allerdings nicht zuletzt vom Ausgang dieser Saison abhängen. Ein frühes Scheitern im Play-off würde ziemlich sicher zu personellen Veränderungen führen. Natürlich denke man an die erfolgreiche Titelverteidigung, sagt Patch, „aber zuerst denken wir an Düren. Es wäre falsch, über das Finale nachzudenken, wenn wir gar nicht in der Position sind.“

Eine kluge Sportler-Antwort. Letzte Frage: Findet er es nicht lustig, dass ausgerechnet die besondere Harmonie zwischen einem russischen Zuspieler und einem amerikanischen Schmettermeister den BR Volleys zu neuen Höhenflügen verhelfe? „Das finde ich albern“, sagt er. Er sehe das nicht politisch. „Mir sind Menschen aus verschiedenen Nationen alle gleich lieb.“ Eine andere Antwort hätte auch nicht gepasst. Schon gar nicht zu Benjamin Patch.