Volleyball

Kapitän Kühner: „Wir sind noch nicht am Limit“

Kapitän Sebastian Kühner schreibt über den Umzug der BR Volleys in die Max-Schmeling-Halle vor genau zehn Jahren und die Folgen.

Sebastian Kühner trägt seit 2012 das Trikot der BR Volleys.

Sebastian Kühner trägt seit 2012 das Trikot der BR Volleys.

Foto: nph / Kurth / picture alliance / nordphoto

Berlin.  Als das Spiel begann, konnten wir die Nervosität auf der anderen Seite des Volleyball-Netzes spüren. Es war der 18. November 2008, und es war der erste Auftritt des SC Charlottenburg in der Max-Schmeling-Halle. Vorher spielte die Mannschaft in der viel kleineren Sömmeringhalle. Ich trug damals noch das Trikot von Evivo Düren, mir gegenüber standen Leute wie Felix Fischer, Jaroslav Skach oder Aleksandar Spirovski. Diese Premiere sollte unbedingt ein Erfolg werden, deshalb lastete so ein großer Druck auf ihnen. Wir haben den ersten Satz gewonnen, doch am Ende hieß es 3:1 für Berlin.

Das euphorische Gefühl ist bis heute geblieben

Das war für alle ein Riesenerlebnis, denn da waren nicht ein paar hundert Zuschauer wie sonst in der Halle, sondern 5000 – bei einem Volleyballspiel! Anfangs sah es nicht danach aus. Aber das lag daran, dass nicht genug Sicherheitspersonal da war, um des Andrangs Herr zu werden. Die Ränge füllten sich erst am Ende des ersten Satzes, viele standen sogar. Plötzlich entstand eine Euphorie, von der die Berliner beflügelt wurden. Dieses Gefühl ist bis heute geblieben, wenn wir in unserem Volleyballtempel spielen, vor unserem riesigen Fan-Block. Inzwischen bin ich ja selbst seit 2012 Teil der Mannschaft und sehr stolz, ihr Kapitän zu sein.

An diesem Donnerstag (19 Uhr, Sport1) ist wieder Düren der Gegner. In den zehn Jahren seither ist so viel passiert. Der Plan von unserem Geschäftsführer Kaweh Niroomand ist aufgegangen. Dieses erste Spiel war der Knackpunkt für den Verein, der Schritt in die Aufmerksamkeit in Berlin. Es war ein großes finanzielles Wagnis, die Hallenmiete ist ja nicht niedrig. Doch alles hat sich ausgezahlt. Der SCC stand bis dahin im Schatten der großen Fußballklubs und von Alba, Eisbären und Füchsen. Auf einmal gehen aber 5000 Menschen zum Volleyball. Die Sportart spricht andere Zuschauer an. Das wiederum ist für Sponsoren interessant.

Namenssponsor hebt den Klub auf ein neues Level

Es begann die Zusammenarbeit mit Berlin Recycling, was dem Verein auch finanziell einen großen Schub gegeben hat. Was neben der gestiegenen Aufmerksamkeit wiederum Spieler anzog. Und das Abenteuer wurde fortgesetzt. In der ersten Saison waren es drei Spiele vor großem Publikum, in der Spielzeit darauf fünf, danach sieben. 2011/12 schließlich folgte der Komplettumzug in die Schmeling-Halle.

Und gleich der erste große Titel für die BR Volleys. Kein anderer der großen Berliner Vereine wird aktuell so konstant Meister wie wir. Man kann sagen, dass wir unserem Publikum auch sonst schon einiges geboten haben. Sei es als Gastgeber des Final Four der Champions League 2015. Das Sechssatzspiel mit Golden Set im Jahr darauf gegen Istanbul BBSK. Davor der Sieg gegen Lube. Jeder hat gewartet, wann wir gegen den hohen Favoriten aus Italien einbrechen, doch unsere Fans haben uns getragen, wie so oft. Auch in den vielen Meisterschafts-Finalserien. Es ist immer ein unbeschreibliches Gefühl, durch den Tunnel in die Halle zu kommen, da sitzen manchmal 7000 Zuschauer oder mehr. Wenn man mich nach dem Highlight fragt, würde ich sagen: Das ist es, jedes Mal aufs Neue.

Unter Spielern ist Berlin eine Topadresse geworden

Die Begeisterung hat sich auf die Liga übertragen. In den ersten Jahren, wenn die Spielpläne herauskamen, haben alle geschaut: Gehören wir zu denen, die in der Schmeling-Halle antreten dürfen? Das wollen doch alle, sich auf großer Bühne präsentieren. Für uns Sportler ist das die Bestätigung, wenn Zuschauer kommen. Als Spieler der BR Volleys wurde und wird man überall darauf angesprochen, was in Berlin passiert.

Viele wollen hier sein. Nehmen wir unsere aktuelle Mannschaft. Ich habe die Neuen gefragt: Warum Berlin? Immer kommt die Antwort, es habe viele andere Anfragen gegeben. Aber als die BR Volleys sich meldeten, war klar: Ich gehe nach Berlin. Wegen der Halle, der Atmosphäre. Aber auch wegen der Zuverlässigkeit, mit der das Gehalt gezahlt wird. Es gibt eine hohe Professionalität auf allen Ebenen, von Physiotherapie bis Entertainment. Hier wird nicht wie anderswo ein Spieler rausgeschmissen, wenn er sich verletzt. Es gibt keine Insolvenzen. Unter Spielern ist Berlin eine richtig gute Adresse.

Spiel bei Aufsteiger Hildesheim als Sinnbild

Natürlich, noch nicht für die Top-Topspieler. Aber ich sehe die BR Volleys nicht am Limit. Auch die Bundesliga nicht. Sie hat, nicht zuletzt durch die Überzeugungsarbeit aus Berlin, viele Standards eingeführt und durchgesetzt. Sie wird besser, hinter Berlin und dem VfB Friedrichshafen gibt es ein oberes Mittelfeld, das sehr stark ist. Der Standort in Frankfurt ist vom Aufbau her wie unserer, es gibt dort einen finanzstarken und leidenschaftlichen Volleyball-Fan, der den Verein auch als ein Projekt sieht. Auch dort ist in kurzer Zeit schnell etwas gewachsen. Unser erstes Saisonspiel in Hildesheim war für mich ein Sinnbild. Die spielen vor 2000 Zuschauern in einer sehr schönen Halle, alles ist für einen Neuling sehr professionell aufgezogen.

Ein großer Schritt ist der Vertrag mit Sport1. Wir müssen versuchen, mit noch mehr Spielen ins Fernsehen zu kommen. Die Hoffnung ist, dass dadurch ein Ligasponsor gewonnen wird, der die Klubs finanziell weiter stärkt, damit die Etats steigen können. Das wäre ein Riesenschritt. Dann kann man die Kader weiter verbessern, das Umfeld weiterentwickeln. Und auch in Europa ganz oben angreifen. Ich bin überzeugt: Da geht noch mehr.

Der gebürtige Berliner Sebastian Kühner (31) spielt seit 2012 für die BR Volleys. Der WM-Dritte von 2014 ist Familienvater und hat neben dem Volleyball einen Abschluss in Immobilienwirtschaft gemacht.

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