Volleyball

Paul Carroll ist der Mann für die wichtigen Momente

Der Australier spielt seine beste Saison für die BR Volleys, auch im Spitzenspiel gegen Friedrichshafen werden seine Punkte gebraucht.

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Berlin.  Wenn Paul Carroll am Sonntag das Parkett der Schmeling-Halle betritt, steht er quasi weltweit unter Beobachtung. In Long Beach/Kalifornien sehen ihm seine Schwiegereltern via Internet auf Sportdeutschland.TV zu. Zur gleichen Zeit sitzen seine Eltern daheim in Sydney vor dem Computer. Sie alle verfolgen jedes seiner Spiele, sind seine treusten Fans.

Und ist die Partie gegen den VfB Friedrichshafen (15 Uhr) erst vorbei, wird es nicht lange dauern, bis sein Handy piepst und per WhatsApp ein paar Tipps vom Vater eintreffen, was er nächstes Mal noch besser machen könnte. „Mein Dad“, sagt Carroll und lächelt, „hat keine Ahnung von Volleyball. Ich werde aber trotzdem antworten: Okay, Dad, das mache ich.“

„Paul spielt bislang seine beste Saison bei uns“

Es ist ja nichts anderes als großer Stolz, der in diesen kleinen Nachrichten steckt. Wobei Carroll senior wirklich entspannt sein kann, momentan gibt es wenig auszusetzen an den Leistungen des 29-Jährigen. Nicht einmal für Experten, im Gegenteil.

„Paul spielt bislang seine beste Saison bei uns“, lobt ihn Kaweh Niroomand. Der Geschäftsführer der BR Volleys hat den Australier vor viereinhalb Jahren aus Unterhaching nach Berlin geholt. Was ihm an Carroll gefallen habe? „Dass er auch in wichtigen Spielen weiß, was zu tun ist.“

Am Sonntag ist so ein wichtiges Spiel. Berlin gegen Friedrichshafen ¬– das sind die Top-Duelle in Deutschland. Die Halle wird voll sein, 8000 Fans klatschen, schreien, trommeln. Der Tabellenführer empfängt seinen ärgsten Verfolger, der sechsmalige den 13fachen Meister. In den vergangenen 18 Jahren kam der Champion entweder von der Spree oder vom Bodensee.

Letztes Jahr Saisonende vor dem Saisonhöhepunkt

Und bei aller Freude über die sich momentan positiv entwickelnden Standorte wie Lüneburg oder Frankfurt: Daran wird sich auch in dieser Saison nichts ändern. „Deswegen spiele ich in Deutschland, um gegen Friedrichshafen zu spielen“, sagt Carroll, „so war das schon in meinem ersten Jahr in Deutschland in Unterhaching: Das ist das Team, das es zu schlagen gilt.“ Der Rekordmeister mit Trainer Stelian Moculescu, einem der weltweit Besten.

In diesem Jahr ist Carroll noch entschlossener als sonst. Mit dem Aufeinandertreffen in Berlin ist eine schmerzliche Erinnerung verbunden. Vergangene Saison lagen die BR Volleys in der Play-off-Finalserie 2:1 vorn, alles deutete auf die vierte Meistersause in Folge hin.

Doch ausgerechnet im Training vor dem vierten Spiel zog sich Diagonalangreifer Carroll einen Außenmeniskusriss am linken Knie zu – Saisonende. Er musste zuschauen, wie seine Teamkollegen den Matchball zum Titel vor eigenem Publikum knapp vergaben und schließlich die Schale in den Süden der Republik wanderte. „Das war für mich sehr schwer“, sagt er, „ich konnte nur dasitzen und nicht helfen. Ich bin viel weniger nervös, wenn ich mitspiele.“

In die Rolle des Anführers langsam hineinwachsen

Was der Niederlage folgte, war ein gewaltiger Umbruch. Trainer Mark Lebedew wechselte nach Polen, auch Kapitän Scott Touzinsky, Zuspieler Kawika Shoji und weitere Leistungsträger verließen Berlin. In die Rolle der Anführer mussten nun andere schlüpfen, der Hauptangreifer Robert Kromm und er, Paul Carroll.

Mussten die vielen Neuen integrieren helfen, mit dem neuen Trainer Roberto Serniotti eine neue Teamchemie aufbauen. Was trotz aller Probleme in der Vorbereitung und vieler Verletzungen recht gut gelungen ist.

„Der größte Unterschied: Anders als Mark spielt Roberto immer nur mit sieben bis acht Spielern“, sagt Carroll. Der Australier ist einer von ihnen. Das macht es ihm leichter, seinen Rhythmus zu behalten, er ist auch körperlich besser drauf als letztes Jahr. Das Knie hält, sogar die ewig zwickende linke Schulter gibt endlich mal Ruhe.

In der Bundesliga erst ein Spiel verloren

Noch mehr Verantwortung musste Carroll übernehmen, als sich Kromm kurz nach Weihnachten eine Bauchmuskelverletzung zuzog. Auch ohne ihren Topstar blieben die BR Volleys auf dem Erfolgsweg. Sie haben in der Bundesliga erst ein Spiel verloren, und das, sagt Kaweh Niroomand, „ist zum Großteil Pauls Leistung zu verdanken“.

Der 2,06 Meter große Hüne schmettert und serviert verlässlich. Wenn dringend Punkte benötigt werden, landet das Zuspiel meist bei dem Mann, der weit über 100 Länderspiele für Australien bestritten hat. Bei den Volleys sind sie froh, dass der umworbene Carroll Angeboten aus Polen, der Türkei und Korea widerstanden hat.

Im Sommer wird neu verhandelt, aber er macht kein Geheimnis daraus, wie wohl er sich in Berlin fühlt. „Da müsste schon ein Angebot kommen, wo ich das Doppelte verdienen kann“, sagt er, „diese Stadt ist jetzt definitiv meine Heimat.“

Im März wird er Vater

Zumal in Kürze ein Baby kommt, die Carrolls werden im März Eltern. „Dass es hier geboren wird, ist sehr gut; es gibt so viel Unterstützung für uns, das ist unglaublich“, sagt Carroll. Nach seiner Karriere will er zwar nach Kalifornien, wo er während des Studiums in Malibu seine Frau kennen lernte, oder Sydney zurückkehren.

Aber das kann noch dauern. Zunächst kommt jetzt mal der Nachwuchs, und der wiederum wird sicher Besuch aus den USA und Australien nach sich ziehen. Dann geht es mal nicht um Volleyball, sondern um wichtigere Themen. Und die guten Tipps gibt es direkt, nicht per WhatsApp.