Volleyball

Russisches Roulette im Volleyball

Nach Absagen von Champions-League-Spielen in der Türkei droht russischen Volleyball-Klubs der Ausschluss wegen Wettbewerbsverzerrung.

Der australische Profi Paul Caroll führte die BR Volleys gegen Dupnitsa zum ersten Sieg in der Champions-League-Saison

Der australische Profi Paul Caroll führte die BR Volleys gegen Dupnitsa zum ersten Sieg in der Champions-League-Saison

Foto: imago sportfotodienst / imago/Sebastian Wells

Berlin.  Eigentlich läuft es für Robert Kromm gerade richtig gut. Bei der Präsentation des 22-köpfigen Kaders der Volleyball-Nationalmannschaft für die Olympiaqualifikation, die vom 5. bis zum 10. Januar 2016 in der Berliner Max-Schmeling-Halle stattfindet, stand der Kapitän der BR Volleys am Donnerstag im Mittelpunkt. „Ich brauche Robert, nicht nur, weil er ein guter Spieler ist, er ist auch menschlich wichtig“, sagte Bundestrainer Vital Heynen.

Der Sieg der BR Volleys könnte nutzlos sein

Bei den BR Volleys ist der 2,12 Meter große Außenangreifer derzeit der wichtigste Punktesammler. Am Mittwochabend trug er mit 13 Zählern dazu bei, dass die Berliner gegen Marek Dupnista aus Bulgarien ihr erstes Spiel in der Champions League gewannen. Nun muss Kromm aber erfahren, wie schnell die eigene gute Leistung hinfällig werden kann, wenn politische Größen Einfluss auf den Sport nehmen: Weil der Gruppenfavorit Belogorie Belgorod aus Russland sich geweigert hatte, am selben Abend bei Arkas Izmir in der Türkei anzutreten, nutzt der Sieg den BR Volleys möglicherweise nichts. „Wenn die Türken jetzt ein 3:0 am grünen Tisch geschenkt bekommen, haben wir keine Chance mehr. Das ist Wettbewerbsverzerrung“, ärgerte sich Berlins Manager Kaweh Niroomand und fordert einen Ausschluss: „Man kann doch nicht einfach eigenmächtig aus politischen Gründen ein solches Spiel absagen. Da wird ja der ganze Sport ad absurdum geführt.“

Berlins Manager sieht den Sport ad absurdum geführt

Die BR Volleys stehen auf dem dritten Rang, nur als Gruppenzweiter haben sie die Chance weiterzukommen. „Wir sind davon ausgegangen, dass die Russen in der Türkei gewinnen, dann hätten wir es in der Hand gehabt, wenn wir Izmir im Rückspiel besiegen“, sagte Kromm. Derzeit berät der europäische Dachverband CEV sein Vorgehen, denn auch die Champions-League-Begegnung Ankara gegen Dynamo Moskau war ausgefallen. Grund für die Absage war der Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei. Alexander Yaremenko, Generalsekretär des russischen Volleyball-Verbandes, erklärte nach dem Vorfall, der zu einer diplomatischen Krise zwischen Russland und der Türkei führte, seine Klubs werden bis auf Weiteres nicht in der Türkei antreten.

Sportminister Witali Mutko, zugleich Chef des Fußball-Verbandes, ging sogar noch einen Schritt weiter: Angeblich dürfen die Vereine in der Wintertransferperiode keine Türken verpflichten und keine Trainingslager in der Türkei abhalten. Derzeit in Russland spielende Türken sollen eine Art Bestandsschutz haben, doch Verträge verlängern dürfen sie nicht. „Noch sind sie hier“, sagte Mutko, „aber in Zukunft werden sie es nicht mehr sein.“ Der Weltverband Fifa, dessen Statuten eine Einmischung der Politik verbieten, beobachtet den Vorgang und behält sich Schritte gegen den WM-Gastgeber von 2018 vor.

USC Münster wurde 2012 wegen Absage disqualifiziert

„Es ist wirklich schade, dass der Sport als Plattform genutzt wird, um politische Auseinandersetzungen auszutragen. Die Sportler haben damit ja nichts zu tun“, sagte Bundestrainer Heynen. Für Belogorod und Moskau könnte die politische Entscheidung, nicht anzutreten, den Ausschluss aus dem Wettbewerb zur Konsequenz haben. Gleiches passierte dem USC Münster 2012. Dessen Frauen sahen von einer Reise nach Israel ab, wo sie im Challenge-Cup antreten mussten. Trotz des bewaffneten Konflikts zwischen Israel und der Hamas sah die CEV keinen Anlass, das Europapokalspiel in einer nur 15 Kilometer von Tel Aviv entfernten Stadt zu verschieben. Aufgrund der Fürsorgepflicht für die Mannschaft trat Münster nicht an, wurde ausgeschlossen und musste 7000 Euro Strafe zahlen. „Eigentlich müsste die Absage auch in diesem Fall eine komplette Disqualifikation für die russischen Mannschaften bedeuten“, sagte Niroomand.

Olympia-Qualifikation in Ankara wird diskutiert

CEV-Generalsekretär Thorsten Endres verwies auf laufende Beratungen und bat um Geduld. Im Januar soll die Olympia-Qualifikation der Frauen in Ankara stattfinden. Ob Russland als Europameister dort ebenfalls nicht teilnehmen wird, und ob der Wettbewerb gar an einen anderen Ort verlegt wird, sei „reine Spekulation“, so Endres: „Im Moment sorgen die Beteiligten selbst für Verwirrung.“ Klingt ganz nach Russisch Roulette.