Volleyball

Touzinsky lässt BR Volleys vom Sieg beim Final Four träumen

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Dietmar Wenck

Foto: Camera 4 / imago

Für die BR Volleys ist das Final Four der Champions League das Ende eines langen Weges. Doch jetzt wollen sie nicht nur ein guter Gastgeber sein, sondern das Turnier auch gewinnen.

Scott Touzinsky eilt durch die Schmeling-Halle, um den Fans alles ganz nah zu bringen. Den am höchsten gelegenen Stehplatz etwa, 25 Meter über der Spielfläche. Fast 10.000 Zuschauer sollen hier „Rock’n’Roll“ erzeugen, eine Atmosphäre, die rockt. Er setzt sich auf die Tribüne, zeigt, was Menschen mit Klatschpappen für Krach machen können: „Rock’n’Roll“. Sogar in das Allerheiligste führt er die Zuschauer. „Hier ist unsere Kabine“, erklärt der Amerikaner, zeigt Kleiderschränke, Dusche, Eistonne und was da so passiert. Jetzt sind alle, na klar, „ready for Rock’n’Roll“, er setzt also seinen Marsch fort. Durch die Katakomben der Schmeling-Halle zum Spielfeld, mitten in „unserem Volleyball-Tempel“. Der beste Spielplatz der Welt für ihn. „Wir sehen uns Samstag“, verabschiedet sich Touzinsky. Dann ist das zweiteilige Facebook-Video vorbei.

Gemeinsamer Super-Bowl-Abend

Heute ist Samstag. „All die Arbeit der vergangenen Jahre, Training, Spiele, Reisen, Team-Meetings münden jetzt in diesem großen Wochenende für uns“, sagt der Kapitän der BR Volleys. Final Four der Champions League, „ich habe noch in der Sömmeringhalle gespielt und nie, nie gedacht, dass die Geschichte so ausgeht.“ Nach der ersten Meisterschaft hatte er gehofft, mal eine Runde weiterzukommen. Dass sein Team nun Gastgeber ist und im Halbfinale den Favoriten Zenit Kasan fordern kann – „ein Traum“. Auch dass dem Gegner sicher eher nach Kasatschok ist, ficht Touzinsky nicht an. „Wir haben schon gezeigt, dass wir in unserer Halle ganz große Gegner schlagen können“, beharrt er, „die Stimmung in unserem Team ist fantastisch.“

Für die Stimmung ist er zuständig, nicht nur für Videos. „Er kommt mit allen gut aus“, sagt Mitspieler Sebastian Kühner und berichtet vom gemeinsamen Super-Bowl-Abend. Selbst Weihnachten wurde schon zusammen gefeiert. Die Organisation übernimmt meistens Touzinsky. „Wir sind die BR Volleys-Familie“, sagt der 32-Jährige stolz.

Die Kinder der Spieler wachsen gemeinsam auf

Einige Spieler kennen sich seit Jahren, ihre Kinder wachsen gemeinsam auf, ihre Frauen treffen sich privat. „Meine Frau ist extrem glücklich hier. Wir fühlen uns sicher. Happy wife, happy life“, sagt Touzinsky grinsend, erklärt aber damit auch die besondere Stärke dieser Mannschaft, auf die sie gegen die sicherlich talentiertere Konkurrenz setzen: „Wir haben ein Team von Brüdern, wir reden über alles. Jedes Puzzleteil passt.“

„Scott ist ein Musterbeispiel für einen Führungsspieler, der professionell seine Arbeit macht“, sagt Berlins Geschäftsführer Kaweh Niroomand, „nicht nur auf dem Feld. Er hält den Haufen auch zusammen.“ Einen perfekten Mannschaftsspieler nennt Trainer Mark Lebedew seinen Kapitän, „er geht immer voran, im Training, im Spiel“. Und er hat einen scheinbar unerschütterlichen Optimismus.

Bei Vertragsverhandlungen wird aus dem smarten Scott der harte Scott

„Ein Ami durch und durch“, findet Niroomand, und der Ami fühlt sich plötzlich gar nicht so geschmeichelt. Er weiß, was kommt. „Ich hoffe, Kaweh meint meine Arbeitsethik“, sagt er. Nicht nur. Er meint auch, dass Vertragsverhandlungen sehr einfach mit Touzinsky sind – wenn er bekommt, was er fordert. „Wir Amerikaner können uns eben ganz gut verkaufen“, gibt er zu, „wir verstehen es, unseren Wert für das Team bis auf den letzten Penny darzustellen.“ Da wird aus dem smarten Scott ganz rasch der harte Scott. Der Olympiasieger von Peking und Weltligagewinner mit den USA weiß: Er hat gute Argumente. Sonst wäre er nicht bereits im fünften Jahr in Berlin.

Dabei ist Touzinsky nicht der spektakuläre Spieler wie ein Robert Kromm oder ein Paul Carroll. „Er ist kein Vollstrecker“, erklärt Niroomand. Die Stärke des Amerikaners ist seine Ballkontrolle in der Annahme und in der Feldabwehr. Die ist nicht so leicht bei gegnerischen Aufschlägen mit über 100 km/h Geschwindigkeit. Aber sie ist extrem wichtig, damit der Ball gut zum Zuspieler kommt, der seinerseits die „Vollstrecker“ präzise bedienen kann. „Scotts Annahme bringt uns die Möglichkeit, in eine gute Position für unsere Angriffe zu kommen“, erklärt Lebedew.

Das Bankkonto hat Touzinsky lieber nicht aufgelöst

Nicht immer hat das Zusammenspiel so gut geklappt. Einmal schon wurden sich Niroomand und Touzinsky nicht einig, am Ende seiner ersten Saison. Damals war er noch ein Volleyball-Nomade, spielte fast jedes Jahr woanders, landete in Puerto Rico, wurde dort mit Fajardo Cariduros Meister. Wie gut, dass er zwar seine Wohnung in Berlin aufgelöst hatte, aber nicht sein Bankkonto. Als Niroomand ihn Mitte der Saison zurückholen wollte, war das wenigstens schon mal geregelt. „Irgendwie hatte ich gehofft zurückzukommen“, sagt Touzinsky.

Nun ist er froh, wie es gelaufen ist. „Ich habe einen Platz gefunden, wo ich mich mit meiner Familie wohl fühle. Und ich genieße es, für diesen Klub zu spielen. Das ist eine Leidenschaft, nicht nur das Geld ist wichtig.“ Das kann er in Kürze beweisen, denn sein Vertrag läuft aus. Doch das beschäftigt Touzinsky jetzt nicht. Noch nicht. „Als ich damals nach Berlin kam, sagte Kaweh zu mir, hier sei ein Projekt in Arbeit“, erzählt der Amerikaner. Schritt für Schritt. Gemeinsam habe man es nun wirklich geschafft, das Final Four zu erreichen. „Jetzt liegt der Ball bei uns“, sagt Scott Touzinsky, „wir haben eine sehr große Chance.“ Wenn es wirklich gelingt – es wäre filmreif.