Volleyball

Nationalspieler Schöps – „Polen ist für uns Spieler ein Paradies“

Jochen Schöps spielt am Wochenende mit Rzeszow im Final Four der Champions League in Berlin. Hier spricht der Kapitän des Nationalteams über die Chancen der BR Volleys und Verträge im Ausland.

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Jochen Schöps kommt am Wochenende mit seiner Mannschaft Asseco Resovia Rzeszow nach Berlin, weil in der Schmeling-Halle das Final Four der Champions League stattfindet. Der polnische Vizemeister Rzeszow bestreitet das zweite Halbfinale gegen Polens Meister Skra Belchatow (Sonnabend, 20 Uhr), vorher treffen die BR Volleys auf Russlands Topteam Zenit Kasan (17 Uhr). Der 31-jährige Schöps ist auch Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, mit der er im Vorjahr überraschend WM-Bronze gewann. Er spricht über die Volleyball-Begeisterung im Weltmeister-Land Polen, seine Gründe, im Ausland zu spielen und glaubt, dass die BR Volleys mehr als nur die Rolle des guten Gastgebers spielen könnten.

Berliner Morgenpost: Herr Schöps, erklären Sie uns: Was erwartet uns beim Final Four in Berlin?

Jochen Schöps: Ich erwarte eine volle Schmeling-Halle, und das ist ja schon mal etwas richtig Geiles für Volleyball. Ich denke, aus Polen werden von beiden Klubs einige Fans kommen. Und dann hoffen wir, dass wir mit unserem Sport die Stimmung noch weiter verbessern. Aber warum fragen Sie mich das eigentlich? Das Turnier ist doch in Berlin.

Berlin hat keine Final-Four-Erfahrung, Sie schon: Mit dem VfB Friedrichshafen haben Sie dieses Turnier 2007 gewonnen, mit dem russischen Verein Iskra Odinzowo wurden Sie 2009 Dritter. Wie stufen Sie so ein Final Four ein, was macht es so besonders?

Dass die Creme de la Creme des europäischen Klub-Volleyballs am Start ist, sich aber alles an ein oder zwei Tagen entscheidet. Wer die beste Tagesform hat, kann dort gewinnen. Das kann jeder sein. Natürlich gilt Kasan als Favorit, aber es ist ja nur ein Spiel, keine Play-off-Serie, da gibt es eigentlich keinen klaren Favoriten. Dazu kommt für mich als Deutscher, dass es schon besonders ist, dieses Turnier in Deutschland zu spielen.

Haben da sogar die BR Volleys eine Chance, trotz ihrer Außenseiterrolle?

Ja, natürlich. Das kann schon passieren. So wie ich mit dem VfB Friedrichshafen diese Rolle 2007 ausgenutzt habe. Oft ist es gar nicht so schlecht, Außenseiter zu sein. Die Berliner werden sich da reinhängen und versuchen, die Chance zu ergreifen. Für sie ist das eine Riesenmöglichkeit.

Sie haben in dieser Saison bereits in der Schmeling-Halle gespielt mit Rzeszow, die Atmosphäre kennengelernt. Kann sie es mit der Stimmung in polnischen Hallen aufnehmen?

Ja, ich denke schon. Die Fan-Kultur ist nur eine etwas andere. In Polen singen die Fans mehr ihre eigenen Lieder, werden nicht so durch Musik aus dem Lautsprecher angeheizt. Auf dem Feld ist die Stimmung, die bei uns Spielern ankommt, ähnlich gut.

Warum ist Polen eigentlich so verrückt nach Volleyball?

Das hat 2006 angefangen, damals sind sie in Japan mit einer sehr jungen Mannschaft Vizeweltmeister geworden. Das hat in Polen einen Trend ausgelöst, Fernsehen und Sponsoren wurden aufmerksam und haben den Sport seitdem gepusht. Volleyball ist hier eine Riesensache. Und selbst wenn ich durchs Einkaufszentrum von Rzeszow laufe, werde ich erkannt. Was in Deutschland jetzt nicht unbedingt passiert. Die Spieler sind populär.

Sie sind vor Kurzem mit Deutschland WM-Dritter geworden, aber inzwischen ist vergleichsweise wenig in der deutschen Öffentlichkeit passiert. Warum?

Ich glaube schon, dass wir etwas auslösen konnten mit unserem dritten Platz. Aber man darf nicht vergessen: In Deutschland ist einfach die Konkurrenz eine andere. Fußball hat so viel Aufmerksamkeit, das ist schon mehr als eine Sportart. Und auch die anderen sind sehr gut und erhalten viel mehr Aufmerksamkeit als in Polen. Hier in Polen war zu dem Zeitpunkt nicht so viel Konkurrenz im Sport.

Ist Polen also das Paradies für Volleyball-Profis?

Polen bietet auf jeden Fall den im Moment attraktivsten Mix aus Geld, einer Top-Liga und einem Top-Leben. In Russland gibt es möglicherweise noch höhere Gagen, aber da muss man auch Kompromisse schließen. Man lebt vielleicht im kalten Sibirien, die Stimmung in den Hallen ist eine andere. Polen ist jetzt das Land, wo Volleyball gefeiert wird, von den Fans, von den Medien, von den Mannschaften. Das ist für uns Sportler ein gefühltes Paradies.

Wie viele Fans aus Polen erwarten Sie am Wochenende?

Für die teilnehmenden Vereine wurden je 800 Karten geblockt. Also, dass 1600 Fans mitkommen, davon gehe ich mal aus. Es können aber auch durchaus mehr werden, über Tickets vom freien Markt und Polen, die in Deutschland leben.

Wie voll ist es bei Ihnen in Rzeszow?

Wir haben eine etwas ältere Halle, in die gut 5000 Zuschauer passen und allein 3000 Dauerkarten verkauft. Bei den Topspielen ist es immer voll, ansonsten kommen in der Liga rund 4000 Fans. Die Champions-League-Spiele wurden mit fortlaufendem Wettkampf auch besser besucht. Insgesamt sind die Hallen in Polen fast immer voll.

Was bedeutet das Final Four in Berlin für den deutschen Volleyball?

Ich hoffe, es wird eine sehr gute Werbung für den deutschen Volleyball. Die Berliner machen ja einen Riesenwirbel und werden ein Riesen-Event auf die Beine stellen. Natürlich hofft ganz Volleyball-Deutschland, dass das auch einen Schub für die Liga bringt, vielleicht neue Sponsoren Interesse bekommen. Ich hoffe zunächst mal auf ein Fest, das sehr viel Aufmerksamkeit erhält. Auch von den Medien. Im Endeffekt liegt es an Liga und Verband, das umzusetzen. Berlin kann sehr wichtige Impulse setzen.

Sie haben die Champions League schon gewonnen. Was hat es denn damals für den deutschen Volleyball gebracht?

Es kam ja sehr überraschend. Sicher hat der VfB Friedrichshafen da viel draus ziehen können. Die großen Sponsoren haben ihre Verträge verlängert, noch Geld drauf gepackt. Aber für Deutschland kam es ein bisschen plötzlich, es geschah auch weit weg in Moskau. Es gab noch keine Livestreams. Als wir am Dienstag zurückkamen, gab es eine kurze Aufmerksamkeit, aber bald darauf war das wieder vorbei.

Und für Sie? Sie sind damals MVP des Turniers geworden, der wertvollste Spieler.

Für uns Spieler war es natürlich die beste Werbung, die man haben kann. Es war der Beginn meiner Auslandskarriere. Sicher gab es vorher auch Angebote. Aber durch den MVP-Titel wurden ganz andere Teams aufmerksam. Da kam plötzlich Iskra Odinzowo, die haben eine solche Mannschaft zusammengestellt, da konnte ich schlecht sagen: Nein, mit denen will ich nicht zusammenspielen. Das war eine Weltauswahl. Auch vom finanziellen Aspekt her. Für meine Karriere, genauso bei Simon Tischer, war das ein enormer Schub. Leider war es auch ein Grund, aus Friedrichshafen wegzugehen. Aber für unsere Karrieren war es sehr, sehr gut.

Inzwischen spielen fast alle deutschen Stars im Ausland. Für die Bundesliga wäre es besser, die Nationalspieler hier zu haben. Ist das illusorisch?

An sich nicht. Das Gehalt kann in Deutschland nicht ganz mithalten, vor allem mit Russland. Aber ebenso wichtig ist der Unterschied in der Qualität der Ligen. Das ist im Moment der größte Grund, ins Ausland zu gehen. Weil man besser wird, wenn man ständig gegen starke Konkurrenz spielt. Wie in Polen – da kann die deutsche Liga nicht mithalten. In Polen ist das Niveau so eng, dass wir als Tabellenzweiter mal beim Viertletzten eine Klatsche gekriegt haben. So etwas ist in Deutschland eher selten, das Gefälle zu stark. In Italien, der Türkei, Russland oder Polen sind die Ligen attraktiver.

Wie unterschiedlich ist denn das Gehalt? Kann man das beziffern? Verdienen die Spieler in Polen doppelt so viel wie in Deutschland?

In Polen ist es etwa das Doppelte, das kann man schon sagen.

Und in Russland das Dreifache?

Kommt auf die Vereine an, aber das kommt hin. Es ist beides, was lockt, das Geld und die sportliche Herausforderung. Es hat der Nationalmannschaft schon sehr geholfen, dass viele deutsche Spieler im Ausland aktiv sind.

In der Volleyball-Bundesliga ist ja einiges in Bewegung geraten, sie versucht zumindest, professioneller zu werden. Daran sind schon einige Traditionsvereine gescheitert. Ist der Weg dennoch richtig?

Dass sich etwas tut, finde ich gut. Wenn wir besser werden wollen, muss sich etwas tun. Dass da etwas angestoßen wird, ist ein Schritt in eine neue Richtung. Ich finde, in eine gute Richtung.