Marathon

Farbenfroh und ganz schön nass: So war der Berlin Marathon

Mehr Menschen als je zuvor nahmen am Sonntag am Marathon teil. Rund 47.000 Läufer haben sich bei Regen durch die Stadt gequält.

Bekele verpasst knapp Marathon-Weltrekord

Kenenisa Bekele aus Äthiopien hat beim Marathon in Berlin den Weltrekord um nur zwei Sekunden verpasst.

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Berlin. Man sollte sich nichts vormachen: Es ist eine Qual. 42,195 Kilometer Asphaltschrubben, Kniedemolieren, Schwitzen. Aber Berlin, so heißt es, belohnt einen dafür. Die Elite-Läufer brechen auf der flachen Hauptstadtstrecke einen Welt­rekord nach dem anderen. Zuletzt 2018: 2:01:39 Stunden. Die andere Läufer loben die Stimmung an der Strecke, die Musik, die Verrückten in ihren Kostümen, die Feier danach. Berlin eben.

Und so fiel ein Rekord, noch bevor der 46. BMW Berlin-Marathon angefangen hatte. 46.983 Läuferinnen und Läufer aus 150 Nationen. Gab’s noch nie. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller überschlug sich mit Lobestweets: #Sportmetropole, #Berlinlegend.

Alles bestens um 8.30 Uhr. Die S-Bahn spuckt unaufhörlich grinsende Menschen auf den Pariser Platz. S-Bahn-Fahrer wünschen einen „wunderschönen guten Morgen“. Auf Selfies scheint die Sonne auf das Brandenburger Tor. Kilometer 0: Peng. Startschuss von Müller. Jubel. Eine bunter Menschenteppich schiebt sich auf der Straße des 17. Juni durch den herbstlichen Tiergarten. Erster Block. Zweiter. Dritter.

Kommentar: Ein Sportevent, das Mut macht

Berlin Marathon 2019: Am Start verstecken sich die Zuschauer unter Regenschirmen

Kilometer 11: 9.47 Uhr, Nieselregen. Die ersten Läufer preschen um die Kurve von der Otto-Braun-Straße in die Karl-Marx-Allee. Euphorie im Nieselregen. Zu diesem Zeitpunkt ist der vierte und letzte Startblock noch nicht losgelaufen. Am Start verstecken sich die Zuschauer unter Regenschirmen. Als die letzten loslaufen sind die Spitzenläufer um Kene­nisa Bekele, Birhanu Legese und Sisay Lemma schon einen Halbmarathon gelaufen.

Kilometer 14: Neben Polizei und Feuerwehr sind auch 7500 Helfer an der Strecke. Sie sind Leithilfe für die Läufer, Ansprechpartner für Zuschauer und Prellbock für uneinsichtige Autofahrer. Emmely Brandt (20) lächelt am Moritzplatz in leucht-orangener Jacke. Sie ist seit 6.50 Uhr im Einsatz und sagt: „Die Leute sind freundlich und gut drauf.“ Euphorie klingt anders.

Kilometer 15: Kurz hinter dem Versorgungsstand am U-Bahnhof Kottbusser Tor hallt ein Geräusch zwischen den Häuserzeilen hin und her: Plastikbecher krachen, als sie die Läufer sie zertreten. Sie greifen sich mundgerechte Apfel- und Bananenstückchen. Was nicht gebraucht wird, landet wie die Becher auf der Straße. Eine Million Trinkbecher wurden laut Veranstalter verteilt, 145.000 Bananen, 250 Liter Massageöl.

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Kilometer 17 bis 20: Laut Veranstalter sind mehr als eine Million Zuschauer zum Marathon gekommen. Viele reisen mehrfach quer durch die Stadt, wollen ihre Freunde, Mütter, Söhne so oft wie möglich anfeuern. Entsprechend groß ist das Sprach- und Menschengewirr in der U7. Fahrgäste ziehen Bäuche und Regenponchos ein. Trotz des Gedränges fährt die BVG im sonntäglichen Zehn-Minuten-Takt.

Kilometer 21: Es regnet Ströme. Was die Feuerwehr nicht davon abhält, von einem Einsatzwagen feinst-gestäubtes Wasser auf die Läufer zu sprenkeln. Unter den Yorckbrücken hat sich die Coverband „That’s us“ postiert. Der Drummer drischt, der Frontman spring und brüllt „Killing in the name of“ der Wut-Rockband „Rage against the Machine“. Läufer formen die Finger zu Matel-Hörnern.

Tim aus Regensburg weiß, was seine Isi motiviert: Lebkuchen. Mit einem Freund hält er ein Plakat in den Regen. „Lauf Isi! Wir essen pünktlich“ steht drauf. Isi ist extra aus Regensburg für ihren ersten Marathon angereist. Es ist 12.22 Uhr, als sie die Halbmarathonmarke knackt. Ein paar Tröten krächzen, ein Generator brummt. Als für Isi die Qual erst richtig losgeht, posiert Gewinner Kenenisa Bekele aus Äthiopien schon mit Lorbeeren auf dem Kopf für Kameras. Er hat den Weltrekord um zwei Sekunden verpasst: 2:01:41 Stunden. „Ich fühle mich okay“, sagt er im Ziel. Auch die schnellste Frau kommt aus Äthiopien: Ashete Bekere, 2:20:41 Stunden.

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„Die haben Schmerzen, die brauchen das“

Kilometer 34: Am Breitscheidplatz jubelt Joseph aus Südengland hinter dem Absperrband. Nein, er wütet. Er schreit die Menschen an, die sich mit verzerrten Gesichtern an ihm vorbeischieben. „We love you, Japan“, brüllt er. „Go China!“ Und: „Keep going! Keep going! Keep going!“ Joseph sagt, er ist 28 Marathons gelaufen. Diesmal ist er nur als Zuschauer nach Berlin gereist. Er wisse, was die Menschen da gerade durchmachen. Sie laufen seit knapp fünf Stunden. Sie haben noch sieben Kilometer vor sich. „Die haben Schmerzen, die brauchen das“, sagt Joseph. Und er sagt: „Die Stimmung ist gut, aber ein bisschen hat sie der Regen schon getrübt.“

Am Ende schaffen es genau 44.065 Läuferinnen und Läufer ins Ziel. 115 von 160 Handbikern und 52 von 69 Rollstuhlfahrern. Ein Sprecher der Veranstalter sagt: „Alle sind gesund ins Ziel.“ Ein paar Unterkühlungen, aber keine größeren Komplikationen. Es scheint, als hätte der Regen doch sein Gutes.

Kilometer 42,195: Läufer, die das Ziel passiert haben, sprechen viel vom Regen und immer über die rutschige Fahrbahn.

Während die meisten schon wieder in die S-Bahn hinuntergehumpelt sind, sich in silberne Rettungsdecken gewickelt haben, läuft ein älterer Herr durch das Brandenburger Tor. Es ist 16.45 Uhr. Der langsamste Läufer des Marathons heißt Dietmar John. Seine Zeit: 7:26:09 Stunden. Er wirkt etwas erschöpft, aber nicht zerstört. Eher glücklich.