Berlin-Marathon

Warum Berlin für Philipp Pflieger ein magischer Ort ist

Philipp Pflieger will am Sonntag beim Berlin-Marathon Olympia-Norm laufen. Dafür muss er seine Bestzeit um 80 Sekunden unterbieten.

Philipp Pflieger hofft in Berlin auf die Olympia-Norm.

Philipp Pflieger hofft in Berlin auf die Olympia-Norm.

Foto: Andreas Gora / picture alliance / Andreas Gora

Berlin. Es gibt Sportler, für die sind die diversen Termine mit Presse und Sponsoren im Vorfeld des Berlin-Marathons der blanke Horror. Man merkt ihnen an, dass sie, anstatt viel zu reden, lieber noch eine letzte Trainingseinheit absolvieren oder einfach nur ihre Ruhe haben würden.

Philipp Pflieger hingegen ist bei diesen Veranstaltungen immer ganz in seinem Element. Sie seien eine willkommene Ablenkung, sagt er – ansonsten würde man sich ja doch bloß ständig den Kopf zermartern, was am Renntag alles passieren könnte. Vor allem aber sind die Termine ein gutes Marketinginstrument.

Pflieger braucht diese Auftritte in der Öffentlichkeit, schließlich ist er einer der wenigen deutschen Läufer, die allein vom Sport leben. Schon als er in der Szene noch weitgehend unbekannt war, fing er an, sich in den sozialen Medien zu präsentieren. Inzwischen erreicht er damit Tausende. Als er vor einigen Jahren in Berlin ein Wettrennen gegen die U-Bahn veranstaltete, vom Naturkundemuseum bis Neu-Westend, schalteten an einem Sonntagmorgen rund 200.000 Zuschauer den Livestream ein.

PR-Arbeit lockert den Trainingsalltag auf

Pflieger verhehlt nicht, dass die Sache mit dem Selbstmarketing manchmal auch anstrengend sein kann. Spätestens, seit er vor Kurzem gemeinsam mit Autor Björn Jensen vom „Hamburger Abendblatt“ sein erstes Buch „Laufen am Limit“ veröffentlicht hat, ist sein Terminkalender in den kommenden Monaten prall gefüllt.

„Aber ich bin froh, dass ich all die Termine nebenbei habe, ich brauche das. Mit Anfang 20 war ich häufig verletzt, weil ich ständig trainiert und mich damit selbst überfordert habe. Aber lieber trainiere ich mal ein, zwei Tage etwas lockerer, weil ich auf einem Termin bin, als dass ich durchziehe und später wochenlang ausfalle“, sagt Pflieger.

Er weiß, dass nicht alle so denken. „In Deutschland ist es noch immer eher negativ behaftet, wenn man seine Arbeit und sich selbst darstellt. Ich finde das schade“, meint der 32-Jährige. „Ich verstehe jeden, der sagt, dass er sich nur auf seinen Sport konzentrieren will oder sich bei öffentlichkeitswirksamen Auftritten unwohl fühlt. Dadurch wird aber auch Potenzial verschenkt.“

Nur wenige Läufer können vom Sport leben

Von den Läufern, die hierzulande von ihrem Sport gut leben können – neben Pflieger noch Arne Gabius, Gesa Felicitas Krause sowie die Zwillinge Anna und Lisa Hahner – sind mit Ausnahme Krauses fast alle Marathonläufer. „Es ist eine besondere Strecke“, sagt Pflieger.

Nicht nur wegen der schieren Länge, sondern auch weil dort Hobbyläufer gemeinsam mit den Profis am Start stehen, wie es sonst nur noch beim Triathlon der Fall ist. Dadurch kann sich die breite Masse besser mit den Stars identifizieren, was für die einheimischen Athleten noch einmal mehr gilt als für die schnellen Afrikaner.

Auch am Sonntag beim 46. Berlin-Marathon wird Philipp Pflieger wieder im Fokus stehen. Sein Ziel ist dann die Olympianorm für Tokio 2020 – 2:11:30 Stunden. Seine bisherige Bestzeit von 2:12:50 Stunden, die er 2015 ebenfalls in Berlin erzielte, müsste er dafür um 80 Sekunden unterbieten.

Beim Marathon 2017 scheitert er an seinem Körper

„Das ist ein ziemlicher Sprung. Aber ich bin heute auch ein kompletterer Athlet im Marathon als noch vor vier Jahren“, sagt er. Seine Halbmarathonbestzeit hat er im vergangenen Jahr ebenfalls in der Hauptstadt aufgestellt. Pflieger hat in Berlin allerdings auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Bei der EM 2018 stieg er vorzeitig aus, beim jüngsten Halbmarathon im Frühjahr hatte er ebenfalls Probleme.

Am schlimmsten war es aber beim Marathon 2017: Völlig entkräftet kollabierte er zweieinhalb Kilometer vor dem Ziel, „geschlagen vom eigenen Körper und auch von der eigenen Überheblichkeit“, wie Pflieger in seinem Buch feststellt. Trotz schlechter Wetterprognose hatte er an seinem Ziel Bestzeit festgehalten und war damit grandios gescheitert.

„Das war die härteste Niederlage meiner Karriere. Keine Verletzung hätte mir körperlich solche Schmerzen zufügen können, wie es diese Niederlage seelisch tat.“ Gleichwohl gehöre das Scheitern zum Leistungssport dazu: „Es gibt nur wenige Menschen, bei denen immer alles glatt läuft, da ist der Sport ein Spiegel des normalen Lebens. Die Frage ist aber, wie man damit umgeht“, sagt Pflieger: „Schmeißt man danach alles hin? Oder nimmt man ein solches Erlebnis vielmehr als Ansporn, ein noch besserer Athlet zu werden?“

Für den Marathon am Sonntag ist Pflieger zuversichtlich

Den Gedanken, dass solche Rückschläge ihn gleichzeitig auch bei seinen Anhängern interessanter machen, kann Pflieger nicht von der Hand weisen. Es wäre wohl schwieriger gewesen, das Buch zu schreiben, wenn es in seiner Karriere nicht auch Höhen und Tiefen gegeben hätte, gibt er zu.

Die medienträchtige Suche nach dem jungen Mann, der ihn 2017 beim Berlin-Marathon auffing, als er zusammenklappte, brachte ihm ordentlich Medienpräsenz ein.

„In erster Linie bleibe ich aber immer Sportler. Ich will in jedem Rennen so schnell laufen, wie es geht“, sagt er. Die letzten Tests vor Berlin verliefen positiv. Philipp Pflieger ist deshalb zuversichtlich: „Wenn ich am Sonntag einen guten Tag erwische, dann ist Berlin ein Ort, an dem Magisches passieren kann.“