Marathon

Kenia - Heimat der Rekorde

An keinem Ort der Welt trainieren so viele Spitzenläufer wie in der Hochebene Westkenias rund um das Rift Valley.

Jeden Morgen treffen sich die Läuer am Trainerauto, um zur ersten Laufeinheit zu starten

Jeden Morgen treffen sich die Läuer am Trainerauto, um zur ersten Laufeinheit zu starten

Foto: Kai Schiller

Eldoret. Auch einige, die in den vergangenen Jahren den Berlin-Marathon gewonnen haben, kommen von der Hochebene Westkenias rund um das Rift Valley. Liegt es am Klima, an den Genen, etwa an Doping oder schlicht am Training? Eine Spurensuche irgendwo im Nirgendwo von Afrika.

Der Himmel über Afrika ist noch schwarz, als ein lautes „Come on“ die Nachtruhe stört. Sechs Uhr morgens, auf die Minute. „Europäer haben die Uhr und Afrikaner die Zeit“, lautet ein afrikanisches Sprichwort, von dem James Kwambai offenbar so gar nichts hält. Der 37 Jahre alte Kenianer steht neben seinem Pick-up und hält eine Stoppuhr in der Hand. Es dauert nur wenige Sekunden, ehe Kwambai von 17 Läufern und einer Läuferin, die sich zuvor warm gemacht hatten, umzingelt ist. Ein paar Sätze, dann ist für den Morgen genug gesagt. Nur das noch: „And go“, ruft der drahtige Mann den Sportlern zu, ehe sich die Athletengruppe mit schnellen Schritten auf dem staubigen Sandweg im Nirgendwo nahe Eldoret in Bewegung setzt.

„Welcome to Eldoret – Home of the Champions“, steht ein paar Kilometer weiter auf einer Mauer am Ortseingang der 290.000-Einwohner-Stadt geschrieben. Die Hauptstadt des Uasin Gishu Countys im Westen Kenias nahe der Grenze zu Uganda ist nach dem Massai-Wort für „steiniger Fluss“ benannt, viel zu bieten hat sie nicht. Außer: die besten Läufer dieses Planeten. Eldoret und die Gegend um das Rift Valley sind das Eldorado der Laufelite. Nirgendwo sonst auf der Welt tummeln sich so viele Spitzenläufer. Allein vier der Top Ten beim BMW-Marathon, der an diesem Sonntag in Berlin stattfindet, kommen aus dem weit entfernten Eldoret, aus der „Welthauptstadt des Laufens“.

Minütlich bieten an diesem Morgen Wolken, aufgehende Sonne und der noch immer hell leuchtende Vollmond ein neues Schauspiel, das die rasende Athletengruppe aber gar nicht wahrnimmt. Fünf Kilometer des heutigen 25-Kilometer-Laufes sind geschafft, als der erste Athlet der Gruppe seine Trainingsjacke ohne zu verlangsamen auszieht und in die Höhe hält. Kwambai signalisiert mit einem kurzen Hupkonzert, dass er die Läufer mit seinem Pick-up-Truck links auf dem roten Erdweg überholt. Eine Hand am Steuer, mit der anderen greift Kwambai aus dem Fenster nach der neongelben Trainingsjacke. „Langsam werden die Jungs warm“, sagt er und dreht das Radio mit kenianischer Popmusik auf.

Der Stamm der Kalenjin ist seit jeher ein Läufervolk

Er kennt das Spiel, ist selbst Marathon in Afrika, Amerika, Asien und Europa gelaufen. Auch den Berlin-Marathon kennt er bestens. 2008 kam er in 2:05:36 als Zweiter ins Ziel. „Das ist lange her“, sagt Kwambai, nachdem er auch die letzte Trainingsjacke eingesammelt hat. Als Läufer-Trainer-Manager in Personalunion ist der vierfache Familienvater mittlerweile der erfahrenste Athlet im Camp Rosa.

Gleich fünf professionelle Athletencamps gibt es in Eldoret und in der näheren Umgebung, fünf weitere im 35 Kilometer entfernten Iten. „Unseres ist das größte und beste Camp Kenias“, versichert Kwambai. Die Anlage, die an eine einfache Jugendherberge erinnert, hat Platz für 60 Athleten. Derzeit leben 18 Läufer in einem Teil der 30 Doppelzimmer. Zwei einfache Betten, ein Schrank, ein Nachttisch. Es gibt ein paar Hühner und ein paar Kühe, Mais wird selbst angebaut. „Viele Athleten würden alles dafür geben, einen Platz hier zu bekommen“, sagt Joel Kimurer, der Glück hatte. Und Können.

28 Jahre alt ist Joel Kimurer, an diesem Morgen hetzt er im grünschwarz gestreiften Shirt vorbei an Kuh- und Ziegenherden. Er gilt als eines der größten Talente vom Camp -Rosa. „Mein Traum ist es, eines Tages der beste Läufer der Welt zu werden“, sagt der Kenianer. Doch diesen Traum haben viele. „Schon in der Schule haben mir meine Lehrer gesagt, dass ich einer der Besten meiner Generation werde“, sagt Kimurer, der in Kapcherop aufgewachsen ist, einem Dorf 60 Kilometer entfernt. Was seiner Meinung nach das Geheimnis vom Eldorado Eldoret ist? „Wir haben eine gute Umgebung, gutes Wetter und gute Gene“, sagt er. „Alle Kenianer sind gute Läufer, das hat die Natur so gemacht.“

So ganz abwegig ist der einfach dahingesagte Satz nicht. In Eldoret und rund um das Rift Valley ist der Stamm der Kalenjin ansässig, seit Jahrhunderten ein Läufervolk. Extrem schlanke Menschen, nicht allzu groß, pechschwarze Haut, markante Gesichtszüge mit mandelförmigen Augen. Trainer-Manager Kwambai ist ein Kalenjin, genauso Kimurer. „Es gibt einen anthropologischen Erklärungsansatz, warum so viele Kenianer so gute Läufer sind“, sagt Marc Roig, der kein Kalenjin ist. Nicht mal ein Kenianer, geschweige denn Afrikaner. Roig lebt und arbeitet in Eldoret, ist mit einer Kenianerin verheiratet, aber selbst Spanier.

„Die Kenianer können laufen wie niemand anderes, aber sie können kein Auto fahren“, flucht Roig, als er seinen Wagen durch den chaotischen Rush-Hour-Verkehr im Zentrum Eldorets steuert. „Es gibt eine Reihe von Erklärungen für die Stärke der Kenianer“, sagt er. Der 33 Jahre alte Katalane läuft auch Marathon, arbeitet aber in erster Linie als Physiotherapeut für das Camp Global, das wenige Minuten entfernt von Camp Rosa liegt. „Anthropologie ist ein Grund, Morphologie ein anderer. Die Kalenjin haben ein perfektes Last-Kraft-Verhältnis. Natürlich sollte man nicht den soziologischen Ansatz vergessen. Das Laufen ist eine der wenigen Möglichkeiten in Eldoret, einen gewissen Wohlstand zu erlangen.“

Eldoret ist nicht nur die fünftgrößte Stadt Kenias, sondern vor allem die am schnellsten wachsende Provinzmetropole des Landes. Während besonders am ruhigeren Stadtrand echte Häuser gebaut werden, schießen in unmittelbarer Nachbarschaft Wellblechhüten wie die Pilze aus dem Boden. Und jeder möchte nur allzu gern vom „Home of the Champions“ profitieren.

In Berlin kann der Sieger bis zu 70.000 Euro verdienen

Dabei hat Eldoret auch ein sehr dunkles Kapitel. Gerade einmal zehn Jahre ist es her, dass hier mindestens 35 Menschen am Neujahrstag verbrannten. Anhänger des unterlegenen Oppositionskandidaten Raila Odinga hatten eine der zahlreichen Freikirchen in Kiambaa bei Eldoret entzündet, wo viele Unterstützer des ehemaligen Präsidenten Mwai Kibaki erfolglos Unterschlupf vor den marodierenden Milizen gesucht hatten. Zehn Jahre später ist erneut Wahlkampf. Doch vom Massaker von damals will kaum noch jemand etwas wissen. Viel lieber reden die Menschen auf der Straße über ihre Wunderläufer, über den nächsten Marathon und über das Geld, das man da wohl verdienen kann.

Das liebe Geld also. Auch beim Berlin-Marathon kann man davon jede Menge verdienen. Der Sieger erhält 40.000 Euro, der Zweite 20.000 Euro, der Dritte 15.000 Euro. Außerdem loben die Veranstalter einen Jackpot von 30.000 Euro für eine Zeit unter 2:04:00 Stunden aus. Dies ist in der Geschichte des Berlin-Marathons sechs Läufern gelungen: den Kenianern Eliud Kipchoge, Dennis Kimetto, Wilson Kipsang, Patrick Makau Musyoki und den Äthiopiern Haile Gebrselassie und Vorjahrssieger Kenenisa Bekele, der dieses Jahr auch wieder zu den Favoriten gehört. Kipchoge, Bekele und Kipsang haben sich zum Ziel gesetzt, Kimettos Weltrekord von 2:02:57 Stunden zu brechen.

Kenia und Äthiopien sind das Real Madrid und der FC Barcelona des Marathons – in den vergangenen 18 Jahren kamen 13 Sieger in Berlin von hüben und fünf von drüben. In diesem Jahr könnte ein Athlet von hier oder dort im Bestfall 70.000 Euro verdienen, was angesichts der Trainingsqualen nicht nach viel klingt. In Deutschland. In Kenia, wo das durchschnittliche Jahreseinkommen nach Angaben der Weltbank 2015 bei 1300 Euro lag, ist es verdammt viel. Auch in Eldoret.

Natürliches Doping in der Höhe

Das Marathon-Dorado liegt 2116 Meter über dem Meeresspiegel. Vereinfacht gesagt will der Körper in solchen Sphären die verringerte Sauerstoffaufnahme ausgleichen, indem er mehr rote Blutkörperchen produziert, die für den Transport des Sauerstoffs im Blut zuständig sind. Es ist eine Art natürliches Doping. Doch ist es möglich, dass Mutter Natur nachgeholfen wird? „Natürlich ist Doping auch in Kenia ein großes Problem“, sagt Roig, als er sein Auto nach langem Suchen endlich vor dem Restaurant Sunjeel im Zentrum Eldorets abstellt. „Es ist aber weniger ein Problem der großen Camps als eines der Athleten, die in diese großen Camps unbedingt rein wollen.“

Tatsächlich stand das Camp Global vom Niederländer Jos Hermens, dem wohl wichtigsten Laufagenten der Welt, zuletzt nicht im Fokus der Dopingfahnder. Ganz im Gegenteil zum Camp Rosa des Italieners Gabrielle Rosa. Jemima Sumgong, Olympiasiegerin von Rio 2016, die positiv auf das Blutdopingmittel Epo getestet wurde, war eine Rosa-Athletin. Genauso wie Rita Jeptoo, Gewinnerin des Boston- und des Chicago-Marathons, und die 800-Meter-Läuferin Agatha Jeruto, die 2015 erwischt wurden. „Selbstverständlich wird auch in Kenia gedopt“, sagt Trainer Kwambai, von systematischem Doping wie im Radsport in den 90er-Jahren will er trotzdem nichts wissen. „Bei uns im Camp Rosa kann niemand verstehen, warum manche Läufer zu diesen Drogen greifen. Man wird doch sowieso irgendwann erwischt.“

Eine Stunde, 22 Minuten und zehn Sekunden sind um, als Kwambai an diesem Morgen seinen Toyota abstellt. In der Ferne kann man eine Ziegenherde erspähen, ansonsten ist nur rote Erde zu sehen. Die Besten der Trainingsgruppe um Joel Kimurer haben ihr Tagewerk geschafft. 25 Kilometer. Der Rest trudelt nach und nach an Kwambais Pick-up ein.

In Berlin sind es nicht 25, sondern 42,195 Kilometer, die natürlich auch die fünf Kenianer laufen müssen. Angeführt wird die Kleingruppe vom Stolz der ganzen Nation: Eliud Kipchoge. Der wahrscheinlich noch immer beste Marathonläufer der Welt sitzt nur einen knappen Kilometer entfernt vom Camp Rosa im Camp Global in einem weißen Gartenstuhl. Er lächelt milde, als auch er die Frage nach dem Geheimnis von Eldoret beantworten soll. Der einstige Weltmeister im 5000-Meter-Lauf hat 2013 sein Marathondebüt gefeiert - und 2015 in Berlin mit 2:04:00 Stunden gewonnen. Er siegte auch bei den Marathons von Rotterdam, Chicago (beide 2014), London (2015) und noch einmal London (2016), ehe er in Rio de Janeiro Olympiasieger wurde. Nun hat der 1,67 Meter große Kenianer ein neues großes Ziel: „Ich will der erste Mensch sein, der einen Marathon schneller als in zwei Stunden läuft.“

Eliud Kipchoge verpasste die Zwei-Stunden-Grenze knapp

Ein halbes Jahr lang hatte Kipchoge für das Projekt „Breaking 2“ trainiert, das er Anfang Mai in Monza/Italien trotz aller Mühen knapp verfehlte. 2:00:25 Stunden lief Kipchoge unter klinischen Bedingungen, mit Tempomachern und großem finanziellem Aufwand von Sportartikelhersteller Nike. Der Rekord für die Ewigkeit wurde verfehlt – und als Weltrekord wird die schnellste Zeit aller Zeiten auch nicht gewertet.

Sei’s drum. Kipchoge ist und bleibt aktuell der größte Laufheld des Landes, muss sich aber um seine Privatsphäre keine Sorgen machen. „In Eldoret wird man in Ruhe gelassen. Es gibt hier nicht einen Star, es gibt hier unzählige Stars. Deswegen ist es ganz normal“, sagt Kipchoge, der längst mehrfacher Millionär ist. Und obwohl sich der derzeit beste und am besten verdienende Läufer der Welt in Kenia so ziemlich alles kaufen könnte, bleibt auch er wie alle anderen Läufer unter der Woche im spartanischen Camp Global wohnen.

Nur die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis von Eldoret hat Kipchoge noch nicht beantwortet. Dabei scheint es so einfach. „Das Geheimnis ist Training“, sagt er nach einigem Nachdenken. Training, die Höhe, Anthropologie, Morphologie, Soziologie oder doch etwa nur Doping? James Kwambai schüttelt seinen kahl geschorenen Kopf, als er Zimmer 108 im Camp Rosa aufschließt und sich auf sein kleines Bett setzt. „Das Geheimnis von Eldoret also?“, fragt Kwambai noch einmal und lacht. „Eigentlich gibt es nur ein Geheimnis: Ugali.“

Der eher geschmacksarme Maisbrei wird hier fast täglich zum Abendessen serviert. Auch heute gibt es Ugali. Um 19 Uhr. Pünktlich. Wenn die Sonne untergegangen ist. In Eldoret, der Heimat der Sieger und Rekorde.

Viele weitere Informationen über die verschiedenen Wettbewerbe, Strecken, Absperrungen und Teilnehmer finden Sie heute in unserer vierseitigen Beilage zum 44. Berlin-Marathon

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