Sportevent

Auf die Rollen, los - Der Inline-Marathon der Superlative

Am Sonnabend starten mehr als 5500 Teilnehmer beim weltweit größten Skater-Rennen. Für Adam Augustyn ist es eine Premiere.

Skater Adam Augustyn trainiert auf dem Tempelhofer Feld

Skater Adam Augustyn trainiert auf dem Tempelhofer Feld

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Ein bisschen erinnert die Lektüre des Infoheftes an die theoretische Führerscheinprüfung. Nur etwas einfacher. Beide Arme nach links – Linkskurve. Ein Arm nach unten – Achtung, Schlagloch oder Gullydeckel. Ein Arm nach oben – Achtung, erhöhte Aufmerksamkeit!

Die ist auch nötig, wenn sich an diesem Sonnabend mehr als 5500 Skater am Start des 42. Berliner Inline-Marathons auf der Straße des 17. Juni tummeln und in größter Anspannung auf die Höllenglocken von AC/DC warten, die kurz vor 15.30 Uhr den Startschuss einläuten.

Auch Adam Augustyn wird in diesem Jahr das erste Mal auf seinen acht Rollen dabei sein, obwohl er bereits seit 20 Jahren skatet. „In meiner Jugend habe ich Aggressive Skating gemacht, Halfpipe und so“, erzählt Augustyn, der in Südbaden aufwuchs. Und Free Skating, auch Urban Skating genannt, gehört zu seinen Hobbys. „Da muss ich wendig sein und habe eine hohe Schrittfrequenz“, so der 32-Jährige. „Beim Marathon gilt ja genau das Gegenteil – ruhig und gleichmäßig.“

Tempelhofer Feld: Hotspot der Skater-Marathonis

Das wäre auf jeden Fall klug, will man die 42,195 Kilometer durchhalten. Beim weltweit größten Inline-Marathon gelten Superlative, vor zwei Jahren knackte der Belgier Bart Swings, auch diesjähriger Favorit, die 60-Minuten-Marke. Doch trotz der Profis, die sich hier in heißen Rennen alljährlich messen, gehört der Marathon dem Breitensport. Was aber keinen mangelnden Ehrgeiz bedeutet.

Auch Adam Augustyn hat sich sein persönliches Ziel gesetzt. „Eine Stunde dreißig. Wenn ich es um eins vierzig herum schaffe, wär das ein Traum.“ Ihn trifft man zurzeit vor allem auf dem Tempelhofer Feld an. Dreimal die Woche sucht er diesen Hotspot der Skater-Marathonis auf, wo man auf relativ gleichmäßigem Asphalt knappe sechs Kilometer trainieren kann.

Zahlreiche Gefahrenstellen auf der Strecke

So schön glatt ist die echte Marathonstrecke nicht. Schon im Vorfeld weisen die Veranstalter auf die Gefahrenstellen hin. Das geht los auf der Gotzkowskybrücke/Alt-Moabit. Da treffen Rechtskurve und Gefälle auf geteilte Fahrbahn. Wer da nicht mit höchster Konzentration bei der Sache ist, den kann es schnell aus der Kurve heben. Im weiteren Verlauf warten Straßenbahnschienen, wie auf der Friedrichstraße, und Fahrbahnverengungen auf die Skater. Auch die Ausfahrt aus dem Kreisel am Kottbusser Tor gilt als Herausforderung. Und natürlich die beiden engen Durchfahrten des Brandenburger Tores.

Bis es so weit ist, heißt es noch trainieren. Etwa fünf Runden ums Feld fährt Augustyn jedes Mal. Nur 30 Kilometer? Fehlen da nicht gute zwölf, um den Marathon zu überstehen? Gerade den Schlusssprint, wenn die Oberschenkel wie Feuer brennen und der Rücken sich anfühlt, als bekomme man ihn nie wieder gerade? „Die letzten Kilometer schafft man mit Adrenalin“, sagt Augustyn und lacht zuversichtlich.

Speed-Skates mit knallgelben Riesenrollen

Er gehört zu den drei Glücklichen, die einen Freistart über „Skate by Night“ gewonnen haben. Alle zwei Wochen treffen sich bei gutem Wetter bis zu 2000 Freunde des Inlinesports am Alexanderplatz und skaten 30 Kilometer mit Musikbegleitung durch die Berliner Nacht.

Um die Freikarte für das diesjährige Rennen zu ergattern, sollte er kurz beschreiben, warum gerade er unbedingt am Marathon teilnehmen muss. Und so berichtete er kurz von seinem Leidensweg. Verkehrsunfall mit dem Rennrad im vergangenen Jahr, ein Dreivierteljahr Physiotherapie, Kondition gleich null. Dann machte die Lendenwirbelsäule das Radfahren nicht mehr mit, ein sportlicher Ausgleich musste her. „Dann hab ich mit Schlittschuhlaufen angefangen“, erzählt er. „Und im Frühling wieder mit Skaten.“

Die Speed-Skates mit den knallgelben Riesenrollen und der schicken Rundumschnürung hat er sich aber erst zugelegt, als er die Freikarte in der Hand hielt, mit ihnen trainiert er seit zwei Monaten.

Jetzt kein neues Material mehr kaufen

Neue Schuhe, nur acht Wochen vor dem Marathon? Das ist noch o. k., meint Christian Müller. Er arbeitet im Fachgeschäft „Skate and Glide“ in Prenzlauer Berg und spürt die Anspannung seiner Kunden, die in den letzten Vorbereitungen stecken. „Rollentausch und Kugellagerreinigung, damit sind wir hier gerade vor allem beschäftigt“, sagt Müller. „Aber so kurz vor dem Marathon kauft sich kein Skater mehr neues Material, es bleibt ja keine Zeit mehr, sich daran zu gewöhnen.“ Alle wollen noch mal schnell ihre Ausrüstung checken, freudig-aufgeregt sei die Stimmung.

Und er versteht sie alle bestens, dreimal ist er selbst bereits mitgefahren. „Ich kann das verstehen, diese viel beschworene besondere Stimmung beim Berlin-Marathon“, schwärmt er. Sein Profi-Tipp: Jetzt bloß kein neues Material mehr anbauen oder einfahren. Wenn man bei Kilometer fünf nämlich merkt, dass die Schuhe drücken, ist es vorbei mit dem Spaß. Und der sei am Sonnabend schließlich das Wichtigste.

An Spaß denkt Adam Augustyn zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er ist vor allem eines: aufgeregt. Diese Woche zieht er noch seinen harten Trainingsplan durch: dreimal die Woche Tempelhofer Feld, zwischendurch Kraftsport. Sein Ziel für Sonnabend? „Heil ankommen, möglichst mit einem Lächeln auf dem Gesicht.“