Großereignis

Warum der Marathon in Berlin einzigartig ist

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Hajo Schumacher

Berlin liegt heute wegen des Marathons in Teilen lahm, überall Sperren und Staus. Doch die Läufer sind fasziniert - vom Lauf und der Geduld der Berliner, meint Hajo Schumacher. Ein Kommentar.

Vielen Berlinerinnen und Berlinern wird in diesen Tagen viel abverlangt, vor allem jenen, die weder Papstfan sind noch an Marathon interessiert. Die Stadt liegt in Teilen lahm, überall Sperren, Staus und lärmende Helikopter – der Ärger ist groß, verständlicherweise. Wir Läufer mit unserem Marathon-Vogel halten uns natürlich für die Wichtigsten. In Wirklichkeit ist es dringend Zeit, all jene um „Entschuldigung“ zu bitten, die der Faszination des kollektiven Hechelns immer noch nicht erlegen sind. Andererseits: Jede andere deutsche Stadt wäre glücklich über zwei solche Großereignisse binnen einer Woche, so verschieden sie auch sein mögen.

Berlin ist Bühne, Kulisse und Zuschauerrang in einem, eben einzigartig. Die Marathonstrecke ist flach, schnell und unvergleichlich schön. Für viele Läufer gilt tatsächlich: „einmal im Leben Berlin“. Der Athlet spart sich eine Stadtrundfahrt, die Stimmung in der deutschen Hauptstadt ist meist famos und trägt auch die Schwächelnden noch ins Ziel.

Warum ist hier so viel los? Weil es gut ist. Und deswegen müssen manche Bewohner und Besucher Geduld mitbringen, wenn sie wieder mal von einem rot-weißen Flatterband gebremst werden. Seit Tagen schnüren Läufer aus aller Welt, oft mit ihren Familien, durch die Stadt, wohnen im Hotel, shoppen, essen, besuchen Museen, freuen sich über die großartige spätsommerliche Atmosphäre. Die meisten werden daheim Positives berichten und andere animieren, auch mal vorbeizuschauen in jener Stadt, der man allenfalls in München oder Frankfurt den Status als Metropole abspricht.

Bei keiner anderen Veranstaltung sind Breitensportler der Weltklasse so nahe, kaum irgendwo gehen dünne, leichte Bleistifte und kräftige Radiergummis fast zur gleichen Zeit auf die gleiche Strecke. Kaum ein Wettbewerb ist sozialistischer: In mehr oder weniger kleidsamen kurzen Hosen und mit Parolen versehenen Leibchen sehen Bankdirektor und Leichtlohnkraft gleich aus.

Kaum eine Veranstaltung ist zugleich kapitalistischer: Nur die Leistung zählt, Zehntelsekunden entscheiden, außer ein paar Bechern Wasser und matschigen Bananen gibt es weder Stütze noch Subvention. Ausreden müssen schon verdammt originell sein. Der Berlin-Marathon besitzt zudem eine gewaltige integrative Kraft: Denn der Kampf auf dem Asphalt wird in allen Kulturen, bei allen Religionen, in allen Schichten anerkannt. Wer miteinander läuft, führt vermutlich weniger Krieg gegeneinander.

Und dann sind da noch die Zuschauer, eine Million Menschen, die für eine unvergleichliche Atmosphäre sorgen. Und bei dem einen oder anderen wird vermutlich mal wieder die Lust geweckt, sich selbst zu bewegen. Kein millionenschweres Krankenkassenprogramm dürfte diese Sogwirkung entfalten. Deswegen übertragen rund 160 Fernsehstationen weltweit live vom Berlin-Marathon, der im Vergleich zu manch anderer Stadt nicht kränkelt, sondern ein florierendes Unternehmen ist, auch dank Hunderter Freiwilliger, dank Polizei, Stadtreinigung und vielen anderen, die stoisch mithelfen. Danke dafür.