Marathon

Paula Radcliffe wollte unbedingt in Berlin laufen

Alle Großen waren beim Berlin-Marathon bisher am Start - auf dieser flachen Strecke, die als eine der schnellsten der Welt gilt. Weltrekordlerin Paula Radcliffe ist das erste Mal dabei. Die Engländerin hat auch ihre Kinder mitgebracht.

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Bei der Frage nach ihren Kindern strahlt Paula Radcliffe übers ganze Gesicht. „Ja, sie sind zusammen mit den Großeltern hier“, erzählt die Marathon-Weltrekordhalterin. Isla, die viereinhalbjährige Tochter, und Raphael, der in wenigen Tagen ein Jahr alt wird, haben die Mama nach Berlin begleitet. Hier läuft die Engländerin am Sonntag (9 Uhr, N-TV und Eurosport) den Marathon, und wie überall ist die schmale, blonde Frau die Attraktion.

„Es war schon immer unser Wunsch, sie zu verpflichten“, sagt Renndirektor Mark Milde zufrieden. Alle Großen waren in der Hauptstadt bisher am Start auf dieser flachen Strecke, die als eine der schnellsten der Welt gilt. Nur eben Radcliffe nicht. „Berlin stand immer auf meiner Wunschliste“, sagt Radcliffe. Im vergangenen Herbst sei ein Marathon „nach der Geburt von Raphael allerdings zu früh gekommen – und bis zum November in New York wollte ich nicht warten“.

Jetzt also Berlin. Die 38. Auflage des größten Laufes in Deutschland soll für sie als Sprungbrett dienen zu den Olympischen Spielen in London 2012. Mit einer guten Zeit will sie sich ebenso qualifizieren wie Deutschlands Schnellste, Irina Mikitenko. Und wie der große Äthiopier Haile Gebrselassie, der seit 2008 den Weltrekord hält, gelaufen in Berlin. Sie alle wollen die guten Bedingungen in Berlin nutzen. Normalerweise wäre es nicht möglich, so viele prominente Läufer (am Start ist auch noch Vorjahressieger Patrick Makau) gleichzeitig zu verpflichten, aber die Stars haben auf Geld verzichtet. „Die Aussicht auf eine Olympiateilnahme hat's ermöglicht“, sagt Milde.

London ruft – ganz besonders Paula Radcliffe. „Nur wenigen Athleten ist es vergönnt, in ihrer Heimat bei Olympia teilzunehmen. Da wird die Unterstützung der Fans besonders stark sein. Und ich kenne sogar die Straßen dort ganz genau…“ Auf eine Zeit in Berlin will sie sich allerdings nicht festlegen. Klar ist nur, die 2:15:25 Stunden, ihren „Fabelweltrekord“ (Milde) aus dem Jahr 2003, wird sie nicht angreifen können. Erwartbar ist eine Zeit zwischen 2:20 und 2:22 Stunden. „Ein Sieg wäre schön, und ich will Spaß haben“, sagt sie in sehr gutem Deutsch. Einst legte sie an der Universität ein Dolmetscherdiplom in Deutsch und Französisch ab. Einige Monate lang hat sie vor 16 Jahren sogar in Düsseldorf für eine Steakhouse-Kette in der Marketing-Abteilung gearbeitet.

Paula Radcliffe, deren Markenzeichen ihre Stützstrümpfe und ihre ruckartigen Kopfbewegungen beim Laufen sind, weiß selbst nicht so recht, was sie erwarten kann. Seit November 2009, dem Marathon in New York, hat sie lediglich einen für sie wenig befriedigenden Zehn-Kilometer-Lauf (Ende Mai 2011) absolviert. Erst legte sie eine Babypause ein, danach plagten sie Verletzungen. In Großbritannien ist sie ein ganz großer Sportstar: 30 Journalisten von der Insel sind ihr nach Berlin gefolgt, erstmals überträgt die BBC den Berlin-Marathon live.

Denn die 37-Jährige ist immer für eine Story gut. Triumphe und Dramen hat es schon gegeben, Verletzungen, Hunde- und Spinnenbisse. Sie wurde mehrere Male Weltmeisterin im Halbmarathon, dazu Europameisterin über 10.000 Meter, und doch gilt sie als Unvollendete. „Durch meine Kinder weiß ich inzwischen, dass es Wichtigeres auf der Welt gibt.“ Aber es fehlt eben doch eine olympische Medaille. Ihre Bilanz: 1996 in Atlanta Fünfte über 5000 m, 2000 in Sydney Vierte über 10.000 m, 2004 in Athen beim Marathon mit Magenbeschwerden ausgestiegen, 2008 in Peking beim Marathon mit einer Wadenverletzung 23.

Nach 2004 habe sie sich „geschämt“, sie fühlte sich als Versagerin, weil doch das ganze Land auf Gold gehofft hatte. „Ich habe mich nicht mehr aus dem Haus getraut, nicht einmal zum Einkaufen.“ Sie zog mit ihrem Mann nach Monaco, auch um Abstand zu gewinnen. Die Familie lebt dort immer noch. Das Klima im Süden sei so gut, die Kinder könnten am Strand spielen. „Vielleicht kommen wir aber eines Tages doch wieder zurück“, sagt sie. Am liebsten mit einer Goldmedaille.

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