Musik beim Berlin-Marathon

Alegria do Samba groovt bei Kilometer 39

Am Wochenende fällt der Startschuss zum 38. Berlin-Marathon. Während die Läufer unterwegs sind, können sie wilde Trommeln und zarte Geigen hören. Über 80 Bands spielen beim Berlin Marathon – bislang einmalig bei einem Sport-Event.

Foto: Christian Hahn

Doris Geffers kommt, sieht und trommelt. Nicht für den Weltfrieden, sondern zur Unterstützung der Sportler, die sich beim 38.?Berlin-Marathon über die 42,195 Kilometer quälen. In beiden Fällen handelt es sich um ein Mammutprojekt – völlige Erschöpfung am Ende inklusive. Alegria do Samba ist eine von 80 Bands, die am Sonntag die Läufer aus 125 Nationen auf der Strecke musikalisch begleiten. Zusammengestellt hat das Programm John Kunkeler, der Chef des Jazzclub Schlot. Glaubt man dem Veranstalter SCC Berlin, dann treten bei keinem anderen Marathon so viele Künstler auf. Weltweit. Der Musik-Marathon mit Samba-Rhythmen, Jazz, Rock und Pop ist ein Berliner Alleinstellungsmerkmal. Warum eigentlich?

Geld zahlt der Veranstalter nicht, nur eine kleine Aufwandsentschädigung. Die Motivation muss eine andere sein. Dankbarkeit, Feedback und Spaß sind die Schlüsselworte. Sie prägen die Gespräche mit den Musikern. „Jazz wird sonst wenig gefördert“, sagt Martin Werner von der Jazzband M&M. „Beim Marathon freuen sich die Leute auf uns, auf unsere Musik.“

Seit 17 Jahren spielt er mit Partner Marcus Klossek im Jazzclub Schlot, seit zehn Jahren beim Berlin-Marathon. Am Sonntag stehen sie an der Hasenheide, bei Kilometer 17. Balladen gibt es erst kurz vor Schluss – wenn der Besenwagen kommt. Die ersten drei Stunden will M&M Tempo machen, Läufer und Publikum gut ins Marathon-Feeling bringen.

Dieses Ziel hat auch die JuniorJazzBand des Goethe-Gymnasiums in Wilmersdorf. Die 20 Schülerinnen und Schüler im Alter von 10 bis 14 Jahren haben ein Bigband-Repertoire von Swing über Blues, Bossa und Soul bis zum Rock. Nicht nur Klassiker haben sie drauf, sondern auch aktuelle Hits. Sie stehen bei Kilometer 32.

Wenn um 9 Uhr der Startschuss zum Lauf fällt, beginnt auch das Straßenkonzert. Wer sind die Leute an Mikrofron, Gitarre, Trommel und Schlagzeug? Doris Geffers infizierte sich vor zwei Jahren mit dem Samba-Virus. Am Potsdamer Platz schoss ihr der Rhythmus von Alegria do Samba ins Ohr. Die heute 51 Jahre alte Brandenburgerin stieg aus dem Regionalexpress und stolperte quasi in den Musik-Marathon. Die Trommeln von Alegria do Samba zogen sie in den Bann – mehrere Minuten lang. „Ich war wie hypnotisiert“, erinnert sie sich. Bandleader Thomas Kraberg anzusprechen, traute sie sich nicht. Erst in einer Spielpause fragte sie nach der Visitenkarte – ein paar Wochen später schüttelte, groovte und trommelte sie dann bei der Bandprobe. Dafür nimmt sie einiges auf sich: Zwei Stunden dauert die Anfahrt. „Ich kann mich hundeelend fühlen, aber trommeln gehe ich trotzdem“, sagt sie.

Die Leute zu Hochleistungen trommeln

Auch Claudia Schneider-Hadler ist ein „Frischling“. Es geschah ebenfalls am Potsdamer Platz, wieder waren es die Samba-Trommeln. Der Freund ihrer Tochter absolvierte die 42,195 Kilometer, doch die heute 44-Jährige hatte nur Augen für Thomas Kraberg. Per Ganzkörpereinsatz trieb der Chef seine Leute an Trommel und Shaker zu Höchstleistungen.

Die Fenster des Jugendzentrums Fuchsbau in Reinickendorf sind geschlossen, das Dröhnen der Bässe dringt trotzdem auf die Thurgauer Straße. Im Probenraum in der ersten Etage tragen die Trommler von Alegria do Samba Ohrenschützer, Bandchef Kraberg dirigiert sie mit einer Trillerpfeife. Lauter kann man Lebensfreude nicht artikulieren. „Wat? Nur zuschauen?“, fragt Kraberg: „Mitmachen“. Und drückt Claudia Schneider-Hadler einen Shaker in die Hand. Berührungsängste sollen sich gar nicht erst aufbauen.

An ihr erstes Mal erinnern sich Bittersüßes Gift ganz genau: Es war feucht, eng und kalt. Dass Straßenmusik nicht unbedingt nur bei schönem Wetter stattfindet, weiß das Duo nun. „Nach dem Marathon hatten wir eine Höllenerkältung“, sagt Gitarristin Secca di Polvere. Abgeschreckt hat es sie nicht. In diesem Jahr stehen sie und Sängerin Elena wieder am Streckenrand. Am Nollendorfplatz, in der Bülowstraße. Ein bisschen klingen sie wie Rosenstolz, wollen aber eigentlich härter und rockiger sein. So wie Silly.

Dass müssen sie am Sonntag auch, schließlich bespielen sie die Läufer erst ab Kilometer 37. Ziemlich weit hinten, findet auch Thomas Kraberg. Alegria do Samba groovt bei Kilometer 39, am Leipziger Platz. „Eigentlich müssten die Läufer da schon platt sein“, sagt Trommlerin Martina Lippe. Sind sie aber nicht. Doch nicht jeder ist von so viel Lebhaftigkeit begeistert – in Wilmersdorf haben sich Anwohner über die Musik beschwert. Die Folge: Standort und Auftrittszeit der Bands sind strikt reglementiert. Martin Werner versteht das nicht. „So ein Live-Event sollte man genießen, solange es das noch gibt.“