Olympia

„Die Gesundheit stand beim IOC nicht im Vordergrund“

Wasserspringer Patrick Hausding kritisiert, wie das IOC die Olympia-Verschiebung begründet hat und plant, 2021 im Tokio dabei zu sein.

Momentan verbotene Zone: Wasserspringer Patrick Hausding muss noch eine Weile auf sein normales Training verzichten.

Momentan verbotene Zone: Wasserspringer Patrick Hausding muss noch eine Weile auf sein normales Training verzichten.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Patrick Hausding ist weltweit einer der erfolgreichsten Wasserspringer, hat WM-Medaillen in allen Farben gewonnen, war mehr als ein Dutzend Mal Europameister, holte Silber und Bronze bei Olympischen Spielen. Berlins dreimaliger „Sportler des Jahres“ war gerade bei der Physiotherapie, als er von der Verschiebung der Olympischen Spiele erfuhr. Er finde die Entscheidung richtig, erklärt der 31-Jährige im Interview mit der Morgenpost. Tokio 2021 sollen seine vierten und letzten Olympischen Spiele bleiben – auch wenn er dafür nun noch ein Jahr länger trainieren muss.

Berliner Morgenpost: Herr Hausding, da Sie ja nicht richtig trainieren können: Was tun Sie jetzt den lieben langen Tag?

Patrick Hausding: Man konzentriert sich auf ein paar Dinge zu Hause, die man immer schon erledigen wollte. Die ersten Tage kommt man ganz gut klar. Es ist ein bisschen wie Urlaub, nur dass man zu Hause gefangen ist. Vielleicht sehe ich ein paar Filme mehr als üblich, malträtiere etwas häufiger die Spiele-Konsole. Außerdem haben wir einen Hund, der freut sich tagsüber jetzt über mehr Gesellschaft.

Wie viel von Ihrer Zeit beansprucht im Normalfall der Sport?

In der Woche 25 bis 30 Stunden Trainingszeit, dazu kommen Physiotherapie und Reha-Maßnahmen. Außerdem das Studium, das im Moment auch erst mal wegfällt. Ich habe mir ein Wörterbuch Kroatisch für Anfänger gekauft, meine Freundin ist ja Kroatin. Das gehe ich jetzt an.

Sie haben in 15 Jahren Leistungssport viele Verletzungen unterschiedlichster Art gehabt. Freut sich Ihr Körper vielleicht sogar darüber, endlich mal nicht geschunden zu werden?

Wir waren schon mitten in der Saison, mir ging es so weit ganz okay. Ich hatte nur leichte Probleme mit meinem Knie. Sonst war ich verletzungsfrei, konnte voll trainieren. Deshalb wäre es besser gewesen, die Saison wäre normal weitergelaufen. Aber ich kann die Entscheidung, die Olympischen Spiele zu verschieben, verstehen und stehe auch voll dahinter. Ich probiere jetzt, mich fitzuhalten mit mehr Gesundheitstraining, weniger normalem Sport. Es tut meinem Körper sicher gut, dass das spezifische Training, die Sprünge, erst mal wegfällt.

Hatten Sie mehr Informationen aus China, als die Corona-Krise begann? Sie kennen ja chinesische Springer, die oft Ihre Hauptkonkurrenten in Wettkämpfen sind.

Was die Chinesen machen, weiß ich nicht, sie sind gerade im Social-Media-Bereich sehr stark von der westlichen Welt abgeschnitten. Sie haben bisher in diesem Jahr an keinem Wettkampf teilgenommen, nicht an Grands Prix, nicht bei der ersten Station der World Series in Montreal Anfang März. Über das Coronavirus habe ich mich von Anfang an sehr genau informiert und war schon länger überzeugt, dass die Spiele nicht wie geplant stattfinden. Dann wurde unsere Olympia-Qualifikation vor zwei Wochen auf Ende Juni verlegt, drei Tage später ganz abgesagt. Ende Mai waren Europameisterschaften vorgesehen in Budapest, die jetzt auf Ende August verschoben wurden. Ob die dann stattfinden, steht auch noch in den Sternen. Ich hoffe, dass die Situation sich bis dahin stark bessert. Dass man wenigstens ein Saisonziel vor Augen hat.

Kommen Sie überhaupt noch ins Wasser?

Eigentlich sollten wir als Olympia-Kader ab Montag trainieren können. Wir wurden aber vom Verband angehalten, das sein zu lassen, weil Olympia sowieso nicht stattfindet.

Wie haben Sie von der Verschiebung erfahren? Und wie beurteilen Sie den Weg des IOC bis dahin?

Ich war bei der Physiotherapie in dem Moment. Ich habe einen kurzen Videobeitrag gesehen, in dem IOC-Präsident Thomas Bach erklärt, dass die Gesundheit der Weltbevölkerung im Vordergrunde stehe und deshalb Olympia verschoben werde. Ich finde nicht, dass das die richtige Aussage ist. Alle wissen, dass es dem IOC nicht darum ging, sondern hauptsächlich wirtschaftliche Gründe vorlagen. Hätten sich nicht so viele Nationen gegen Olympia ausgesprochen und manche ihre Teilnahme abgesagt, dann wäre die Entscheidung erst um einiges später gefallen. Sie ist ja richtig. Aber Bachs Aussage gibt nicht den Hauptgrund wieder, warum die Spiele verschoben wurden. Es waren nationale olympische Komitees, die die Gesundheit in den Vordergrund gestellt haben, nicht das IOC. Das hat ganz lange versucht, am Termin festzuhalten. Ich kann das verstehen, ich möchte nicht wissen, was da alles umorganisiert werden muss. Das wird finanziell eine Riesenaufgabe. Aber warum kann man nicht öffentlich sagen, dass man Angst davor hat, wie man das organisatorisch und wirtschaftlich stemmen soll? Ist doch in Ordnung.

Timo Boll, der deutsche Tischtennis-Star, hätte sich sogar gewünscht, dass die Spiele gleich auf 2022 verlegt werden.

Na gut, das würde ich mir nicht wünschen. Wie alt ist er? 37? 38?

Nein, er ist 40 Jahre alt.

Das ist löblich, dass er in dem Alter seinen Sport noch so ausüben kann. Das könnte ich nicht mehr.

Es gibt einige Athleten, die in Tokio ihre Karrieren abschließen wollten und nun darüber nachdenken, ohne Olympische Spiele aufzuhören. Wie ist das bei Ihnen? Sie waren ja schon dreimal dabei.

Ich plane jetzt bis Tokio 2021. Es ist zwar schwierig, weil man sich bisher auf 2020 vorbereitet und darauf gewartet hat. Jetzt wird aus ein paar Monaten noch mal ein ganzes Jahr mehr. Das ist lang. Das weitere Leben verschiebt sich mit, wir haben ja auch noch ein bisschen was anderes vor. Aber so ist der Lauf der Dinge. Ich werde nicht dazu gezwungen, und ich will das auch. Solange es die Möglichkeit für mich gibt, will ich sie wahrnehmen.

Haben Sie finanzielle Einbußen durch die erzwungene Sportpause?

Ein bisschen schon. Gerade, weil die World Series vielleicht komplett wegfällt. Sie ist für uns Wasserspringer eine gute Einnahmequelle mit Preisgeldern. Es ist noch nicht sicher, wann und wo diese Wettbewerbe nachgeholt werden. Ansonsten kann ich von Glück sprechen, dass ich Angestellter der Bundeswehr bin. Da werden keine Einschnitte vorgenommen. Auch die Deutsche Sporthilfe hat zugesichert, dass die Förderung normal weiterläuft. Ich bin also finanziell in einer guten Position. Aber es gibt andere Sportler, die keine Förderstelle haben und für Olympia ein hohes wirtschaftliches Risiko eingegangen sind. Bei einer solchen Verschiebung gibt es immer welche, die dadurch Einschnitte erleben und leiden. Um die sollte man sich von Verbandsseite bestmöglich kümmern.

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