Sportpolitik

„Warum kein Hertha-Stadion auf dem Maifeld?“

Die LSB-Spitze Thomas Härtel und Friedhard Teuffel will Olympische Spiele in Berlin. Und ist für ein Hertha-Stadion auf dem Maifeld.

Sie wollen 2032 oder 2036 Olympische Spiele in Berlin: LSB-Präsident Thomas Härtel (l.) und LSB-Direktor Friedhard Teuffel.

Sie wollen 2032 oder 2036 Olympische Spiele in Berlin: LSB-Präsident Thomas Härtel (l.) und LSB-Direktor Friedhard Teuffel.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Die Metropole Berlin verändert sich rasant. Kann der Berliner Sport mit seinen inzwischen 672.000 Mitgliedern da mithalten? Wie schätzt der Landessportbund (LSB) die Entwicklung ein, spielt die AfD im Berliner Sport eine Rolle? Wie stellt sich der Verband zur Frage einer Olympia-Bewerbung und zum Neubau eines Hertha-Stadions im Olympiapark? Ein Gespräch mit LSB-Präsident Thomas Härtel und LSB-Direktor Friedhard Teuffel.

Berliner Morgenpost: Wann hätten Sie die Spiele denn lieber in Berlin, 2032 oder 2036?

Thomas Härtel: Erst mal wollen wir die Spiele überhaupt nach Berlin bekommen. 2032 wäre ein gutes Datum. Da ist das Zeitfenster aber sehr eng. Wir wissen nicht genau, wie der Zeitplan des IOC ist bezüglich der Bewerbung, da gab es unterschiedliche Aussagen. Wäre das Verfahren wie bisher, hätten wir ein Zeitfenster bis 2025. Für uns kommt auch 2036 in Frage. In diesem Datum liegt zwar eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft. Aber wir könnten deutlich machen, wohin wir uns 100 Jahre nach 1936 entwickelt, welche Konsequenzen wir aus dieser Schreckensherrschaft gezogen haben, wo wir heute stehen. Wir wollen ein Signal in die Welt senden über unsere demokratische Entwicklung und die Vielfalt in unserer Gesellschaft. Mitten in Europa können wir zeigen, wohin die Reise gegangen ist und dass stabile, demokratische Verhältnisse eine wichtige Grundlage sind für Olympische Spiele.

Sie sprechen vom Zeitfenster bis 2025. Das klingt nicht so eng.

Härtel: Das Problem ist die aktuelle politische Situation. Bisher ist im Berliner Senat keine Begeisterung für eine Bewerbung vorhanden. Wir wissen, dass sich die Koalition aus SPD, Grünen und Linken dazu bedeckt halten wird. Derzeit will die Linke keine Bewerbung. In der SPD gibt es Befürworter. Bei den Grünen ist vorstellbar, dass man Widerstände abbauen kann. Die Oppositionsparteien CDU und FDP stehen eher für Olympia. Aber es gibt kein Olympiafieber. 2021 haben wir Wahlen in Berlin, vorher wird es definitiv keine Entscheidung geben. Und wenn sich Ende 2021 eine neue Koalition bildet, werden wohl zuerst andere Schwerpunkte für die Stadtentwicklung eine Rolle spielen. Also könnte frühestens 2022 ein Weg geöffnet werden für eine in einer Koalitionsvereinbarung festgelegte Bewerbung. Man braucht lange Vorläufe. Und das wird für 2032 sehr, sehr eng.

Da scheint die Olympia-Begeisterung in Nordrhein-Westfalen viel größer zu sein. Macht Ihnen das nicht Sorgen?

Härtel: Wir beobachten natürlich die NRW-Bewerbung. Wenn die so weit sind mit der Rückendeckung der dortigen Regierung, könnte 2022 mit der Neuwahl in NRW sicher eine Art Volksabstimmung stattfinden. Die Chance ist dort etwas größer, im Rahmen einer solchen Volksbefragung eine Olympia-Zustimmung zu bekommen. Zum einen ist das Risiko verteilt auf verschiedene Standorte. Die Regierung um Ministerpräsident Armin Laschet hat sich hierzu klar geäußert, steht dahinter. Mit den Wahlen 2022 können sie sich ein Votum für die Spiele abholen. Das gelingt uns nicht 2021. Wenn so ein Votum in Nordrhein-Westfalen da ist, muss der DOSB damit umgehen, weil er erstmals einen Bewerber hat, der mit der Zustimmung der Bevölkerung ins Rennen gehen könnte. Gleichzeitig weiß der DOSB, dass eine solche Bewerbung international eine geringere Erfolgschance haben könnte als die mit einer Metropole. Das ist ein Spagat für den DOSB. Auf jeden Fall freuen wir uns darüber, dass auch wir weiter mit dem DOSB in einem Dialogverfahren sind.

Was wollen Sie und andere Olympia-Befürworter denn unternehmen, um hier die Stadtgesellschaft hinter Ihre Idee zu bringen?

Härtel: Wir werden Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen einladen, denn wir wollen ja die ganze Stadt mitnehmen. Wir wollen, dass auch andere sagen: Ja, Olympische Spiele könnten ein Signal sein für die gesellschaftliche Entwicklung, für Frieden, Miteinander, Vielfalt.

Mit wem unterhalten Sie sich darüber?

Friedhard Teuffel: Es geht darum, dass mit Olympischen und Paralympischen Spielen bestimmte Themen vorangetrieben werden können. Im Kern sind das Mobilität, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Stadtentwicklung, Inklusion, Identifikation. Wir sind überzeugt, dass man über den Sport hinaus in diesen Bereichen eine Menge erreichen kann. Die politische Zurückhaltung ist eigentlich sogar eine Chance. Denn eine von oben inszenierte Bewerbung fände sicher keinen Rückhalt in der Bevölkerung – nur wenn sie aus der Gesellschaft kommt. Wir als organisierter Sport versuchen gerade, diesen Stein ins Rollen zu bringen. Gleichzeitig sprechen wir mit Experten, die sagen: Die Stadt braucht dieses oder jenes dringend. Und wie könnten diese Ziele mit einer Bewerbung weiter befördert werden? Olympia kann ein unheimlicher Hebel sein, um ganz verschiedene Dinge in Bewegung zu bringen. Das versuchen wir den Leuten nahezubringen. Berlin hat als wachsende Metropole einen großen Bedarf, sich weiterzuentwickeln. Da kann sich durch eine Olympia-Bewerbung, die nun mal zeitlich begrenzt ist, ein gemeinsamer Ehrgeiz entwickeln, etwas umzusetzen. Wir müssen ja zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein.

Gibt es aktuelle Zahlen, wie hoch die Zustimmung in Berlin zu Olympischen Spielen gerade ist? Und wie kann man es schaffen, wenigstens die Grünen mehr einzubinden, die mit ihren Konzepten und der Forderung nach Nachhaltigkeit gerade bei jungen Menschen momentan gut ankommen? Dass man die Leute über eine andere Ebene holt, weg vom Leistungssportgedanken?

Teuffel: Ein sehr großer Anteil der Bevölkerung hat im Moment Olympische und Paralympische Spiele überhaupt nicht auf dem Schirm. Auch keine Haltung, Einstellung, Meinung dazu. Da liegt die große Herausforderung, genau diese Menschen zu begeistern. Die Spiele waren früher das Größte im Sport, dann kamen Gigantismus, Doping, manche Städte haben sich auch verhoben mit der Ausrichtung. Aber wenn man es richtig macht, von unten macht, als Bürgerspiele, unsere Spiele, kann man Dinge damit erreichen, an die man im ersten Moment gar nicht denkt.

Härtel: Der Sport kann eine Klammer für die zukünftige Entwicklung unserer Stadt sein. Das müssen wir deutlich machen. Nicht nur, dass um Medaillen gewetteifert wird. Sondern das, was der Sport leisten kann über seine eigenen Aufgaben hinaus. Menschen zusammenbringen, sie dazu bringen, sich zu bewegen, etwas für die Gesundheit beitragen, das faire Miteinander. Wir können zeigen, dass uns auch die Umwelt, das Klima am Herzen liegt. Sport so zu definieren, dass er Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen erreichen kann, muss unser Ziel sein. Diese Klammer zu sein, darin liegt eine Chance des Sports. Wir erleben ja immer noch, dass durch Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele Mitgliederzuwächse da sind. Trotzdem müssen wir zeigen, dass wir mehr sind als Leistungssport. Deshalb versuchen wir Umweltverbände, Kirchen, Bildungseinrichtungen einzubinden. Thema: Was kann so eine Bewerbung auch für euch bewirken? Für alle?

Teuffel: Gleichzeitig muss man erkennen, dass die Begeisterung für den Sport nicht nachgelassen hat. Sehen Sie die Finals im vergangenen Jahr. Das waren keine Boomsportarten, sondern teilweise eher Randsportarten. Trotzdem haben sich 3.000 Besucher am Olympischen Platz Bogenschießen angeschaut.

Anschließend haben sich bei uns beim Familiensportfest im Olympiapark lange Schlangen gebildet, weil alle mal so einen Profibogen in der Hand halten und sehen wollten, wie das geht, damit auf eine Schiebe zu schießen. Die Finals waren eine gute Brücke, das zum Teil entrückte Ereignis Olympische Spiele wieder näher an die Basis des Sports heranzuführen.

Der Sport verändert sich sehr stark. Bei den nächsten Spielen kommen etwa Klettern, Skateboard und Street-Basketball hinzu. Wie schwer haben es die klassischen Sportarten, für die Berlin einmal stand, wie Eisschnelllauf, Schwimmen oder Turnen?

Teuffel: Die Basis bleibt, Schwimmen, Turnen, Leichtathletik, wo die Grundmotorik geschult wird, wo man seine Kinder nach wie vor gern hinschickt. Viele Vereine haben ihre Angebote weiterentwickelt, das geht über Matte, Kasten und Ringe hinaus. Da sind ganz neue Spielformen entstanden, die Kinder begeistern können. Später kann man sich entscheiden für Klettern, Karate oder eine andere Sportart. Die motorische Grundausbildung zu haben, ist für den Anfang immer gut.

Härtel: Ich glaube auch nicht, dass Sportarten wie Eisschnelllauf dauerhaft zurückgehen. Da ist der momentan kriselnde Verband selbst in der Pflicht, Angebote zu schaffen. Es gibt nach wie vor viele Menschen, auch Kinder, die gern aufs Eis gehen wollen. Das ist beliebt. Wie gewinnt man die Freude daran? Das ist die Frage. Die Ressourcen sind in Berlin vorhanden.

Sie sind jetzt beide gut ein Jahr im Amt. Wie hat sich der Vereinssport entwickelt? Steigen die Zahlen der Mitglieder, fallen sie?

Teuffel: Es geht weiter nach oben, wir sind jetzt bei rund 672.000 Vereinsmitgliedschaften. Es geht in allen Bereichen aufwärts, sowohl in den olympischen Kern- wie in den Trendsportarten. Darüber freuen wir uns, weil wir überzeugt sind, dass der Vereinssport Dinge kann, die sonst niemand kann. Dass der Verein eine Art soziale Heimat ist. Ankommen, aufgehoben sein, dazugehören, sich persönlich entwickeln können: Das passiert tagtäglich in Vereinen. Aber die Herausforderungen werden größer. Stichwort Ehrenamt. Junge Menschen engagieren sich gern, nur die Art hat sich verändert. Dem müssen wir Rechnung tragen. Heute engagieren sie sich eher für Projekte und weniger für Institutionen. Das ist der Grund, warum Parteien oder Gewerkschaften massiv an Mitgliedern verloren haben. Wir sind bisher von diesem Phänomen verschont geblieben, müssen aber darauf achten, dass es so bleibt. Indem wir auch das projekthafte Engagement versuchen zu fördern. Okay, du bist nicht Kassenwart oder Schriftführer. Deine Aufgabe im Verein ist es, eine neue Sportart aufzubauen. Sei es Klettern. Oder das Vereinsheim mit Wlan auszustatten. Oder den Social-Media-Auftritt des Vereins zu entwickeln. Da kannst du dich einbringen. Stichwort: Gib uns dein Talent.

Muss man sich also um das Fortbestehen von Vereinen keine Sorgen machen?

Härtel: Wir kommen an die Kinder und Jugendlichen gut ran. Aber wir haben auch Probleme. Einerseits bei der Gewinnung von Übungsleitern, der Sport muss ja gut und qualifiziert organisiert werden. Aber zum Beispiel auch bei den Menschen, die in der Rush Hour des Lebens angekommen sind, beruflich vorwärts wollen, eine Familie gründen. Da gibt es erstmal einen Einbruch, so zwischen 30 und 50 Jahren. Aber viele kommen wieder. Entweder über die eigenen Kinder oder man wird älter und hat andere Anforderungen an den Sport und fühlt sich im Verein dann doch besser aufgehoben als in einem Fitness-Center, weil eher ein sozialer Zusammenhalt da ist. Das spielt für viele eine wichtige Rolle. Gerade bei denen, deren Kinder dann aus dem Haus sind. Wir haben auch Lichtblicke zum Beispiel im Schwimmverband, wo wir trotz der Bäderproblematik durch die Aktivitäten mit Ferienschwimmen und Schulschwimmzentren, in deren Umfeld sich Vereine einbringen, auch merken, dass sich dort höherer Zuspruch für die Vereine abzeichnet.

Teuffel: Beim Schwimmen zeigt sich besonders gut, was Vereine können. Auch im Verhältnis zur Schule. Vereine können Kindern Schwimmen besonders gut beibringen. Sie haben strukturelle Vorteile, weil sich Übungsleiter und Übungsleiterinnen regelmäßig weiterbilden müssen. Und sich ganz aufs Schwimmen konzentriert haben. In der Schule ist Schwimmen logischerweise nur eine Sportart unter vielen. Trainer und Trainerinnen in Vereinen sind eben auch mehr im Wasser dabei, nicht nur am Beckenrand. In den vergangenen Herbstferien haben wir es durch Intensivkurse geschafft, die Nichtschwimmerquote um 25 Prozent zu senken in den Bezirken, wo solche Kurse angeboten worden sind.

Wie kann der Landessportbund mehr für die Vereine tun?

Teuffel: Ganz formal betrachtet sind wir ein Verband der Verbände. Das war einmal anders, da waren wir ein Verband der Vereine. Uns geht es im Kern darum, die Vereine zukunftsfähig zu machen. Durch unterschiedliche Maßnahmen: personell, organisatorisch, durch Beratung, Coaching. Die Vereine sollen spüren, wir bringen ihnen Wertschätzung entgegen. Wir bieten ihnen Gelegenheit der Mitsprache, auch der Mitsprache über die Satzung. Das steckt hinter einer Kommission, die wir zu diesem Zweck gegründet haben.

Härtel: Viele unserer Vereine sind Träger von Innovation und vorbildlichem Engagement. Daraus hat sich ihrerseits der Wunsch entwickelt, dass der Landessportbund sie mehr unterstützt. Das muss bei uns stärker zum Ausdruck kommen. Darum diskutieren wir darüber, wie wir ihnen ein direkteres Mitspracherecht geben können, das sie bisher nur über ihre Verbände haben. Wir wollen das in einer Art Berliner Modell hinbekommen. Diese Kommission zu bilden, die das austariert, wurde einstimmig auf unserer Mitgliederversammlung beschlossen, was ein großer Erfolg ist.

Teuffel: Wir haben Vereine, Berliner TSC, SC Charlottenburg, Turngemeinde in Berlin und viele andere, die größer sind als einzelne Fachverbände. Die haben 6000, 7000 Mitglieder, eine Geschäftsstelle mit fünf hauptamtlichen Mitarbeitern; und vom Trainingsbetrieb rede ich noch gar nicht.

Mal zusammengefasst: Bei all dem Wandel, den es in der Gesellschaft gibt, ist der Sportverein nicht vom Tod bedroht? Oder angestaubt, überholt?

Härtel: Nein, er ist Heimat für viele und ein Motor gesellschaftlicher Veränderungen. Nicht nur mit seinen sportlichen, sondern auch mit seinen sozialen Angeboten. Der Zusammenhalt, der sich dadurch entwickeln kann, ist etwas, was wir auch deutlich machen. Der Sport in der Nachbarschaft mit all den anderen zusammen, dahin müssen wir uns öffnen. Es geht ja oft einfach um fehlende Sporträume. Wir können Kontakt aufnehmen mit Jugend-, Nachbarschafts-, Gemeindeeinrichtungen. Es gibt viele Möglichkeiten, wo man Pilates machen oder Tischtennis unterbringen kann, auch ohne dreigeteilte Sporthalle. Und natürlich brauchen wir Sporthallen und -plätze. Sie sind die Lebensader der Vereine.

Teuffel: Der Verein ist sehr vital. Man müsste ihn erfinden, wenn es ihn noch nicht gäbe. Es gibt aber bestimmte Kriterien, die die Zukunftsfähigkeit eines Vereins ausmachen, das ist zum Beispiel die Kooperationsfähigkeit. Wenn Kinder keine Zeit mehr haben, in den Verein zu gehen, weil sie nach der Kita oder Schule platt sind, dann muss ich als Verein eben selbst dahingehen, vorausgesetzt ich habe die personellen Möglichkeiten. Vereine, die sich so aufstellen, haben eine gute Zukunft vor sich. Und die sagen, ich will nicht nur einen Gemischtwarenladen anbieten, sondern was ich anbiete, soll auch Qualität und ein Profil haben.

Härtel: Die Vereine müssen sich also auch selbst verändern, sie müssen die Zeichen der Zeit erkennen. Erkennen, wie heute junge Menschen ticken, um sie mitzunehmen. Angebote so gestalten, dass junge Leute sagen: Das ist toll für mich. Wir wollen auch deutlich machen, wie wir zum Thema Umweltschutz stehen. Wir haben eine freiwillige Vereinbarung zum Schutz des Müggelsees getroffen und wollen uns dort an bestimmte Kriterien halten. Genauso ist es mit Sportanlagen. Eine vereinseigene Sportanlage kann man heute sehr viel umweltfreundlicher gestalten. Dazu holen wir uns Rat und Unterstützung. Wir engagieren uns auch in einem Bereich wie Fairtrade.

Wo denn? Und wird das angenommen?

Härtel: Wo zum Beispiel fair gehandelte Sportartikel, Bälle oder Sportkleidung, angeboten werden. Wir stellen fest, dass viele Menschen staunen, dass wir so etwas machen. Es wird sehr gut angenommen. Das trifft den Zeitgeist, deshalb sagen wir unseren Vereinen: Leute, geht da mit. Wir unterstützen das.

Sie haben ein Leitbild für Vereine entwickelt. Da steht auch drin, dass der Sport ein politischer Akteur ist. Bricht das nicht alte Regeln?

Teuffel: Wir können uns doch nicht unpolitischer machen, als wir sind. Das, was wir machen, das ist Ringen um bestimmte materielle und immaterielle Werte. Indem wir bestimmte Forderungen stellen an die Politik, sind wir automatisch politischer Akteur. Wir handeln politisch, wenn wir den Senatsverwaltungen für Inneres und Sport, Bildung, Stadtentwicklung oder Gesundheit sagen, bitte nehmt die Entwicklung von Sportstätten auf eure Agenda, plant den Sport bei diesem oder jenem Projekt ein – das ist Politik.

Härtel: Wir sind politisch, aber parteiübergreifend. Das darf man nicht verwechseln. Wir wollen keine parteiideologischen Auseinandersetzungen. Das merkt man ja auch daran, wo wir uns eingebracht und Forderungen gestellt haben. Da war die Frage der Unterkunft für die Geflüchteten. Unsere Hallen waren belegt, und wir haben natürlich gefordert, die Hallen so schnell wie möglich wieder freizugeben. Gleichzeitig aber haben wir gesagt: Unterbringung ist das eine, aber wir fordern auch die Unterstützung für die Integrationsarbeit unserer Vereine. Wir sind da vorangegangen. Heute bekommen wir große Unterstützung. Wir haben Geflüchtete als Übungsleiterinnen und Übungsleiter ausgebildet. Gleichzeitig haben sie bei uns die Sprache gelernt an unserer Sportschule. Das ist für uns natürlich auch hochpolitisch, indem wir klar sagen, wie so etwas funktioniert. Und wenn sie dann auch bei uns im Sport bleiben, dann entstehen daraus automatisch politische Forderungen an andere Bereiche wie Schule und Jugend, wo wir meinen, dass da mehr Anstrengungen für die Integration erforderlich sind.

Haben Sie im Berliner Sport Berührungspunkte mit der AfD? Vielleicht, weil Sie sich gegen Rassismus positionieren?

Härtel: Natürlich hat Rassismus bei uns keinen Platz. Die AfD hält sich in Berlin im Sport zurück. Uns ist nicht bekannt, dass in unseren Vereinen oder Verbänden AfD-Mitglieder parteipolitisch auftreten. Ich habe auch in Vereinen bisher nicht erlebt, dass jemand gesagt hätte, wir tun zu viel für Geflüchtete.

Bei der letzten Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes hat auch Innenminister Seehofer gesprochen und einen Goldenen Plan für den Sport angekündigt, über den zehn Milliarden Euro investiert werden soll. Ist der Sport dann nicht mehr Bittsteller, sondern wird endlich als wichtiger gesellschaftlicher Mitspieler anerkannt? Und hat das konkrete Auswirkungen auf Berlin?

Härtel: Noch ist nichts beschlossen. Ich habe die Kernaussage aber positiv aufgenommen, dass in den nächsten Jahren nachhaltig in die Infrastruktur des Sports investiert werden soll. Wir wären sehr froh darüber, wenn eine klare Strategie dahintersteckt. Dass man regelmäßig in Sportanlagen investieren muss, ist nur logisch.

Teuffel: Es ist tatsächlich ein Richtungswechsel. Früher hat man gesagt, der Bund ist zuständig für den Spitzensport, für Breitensport und Nachwuchs-Leistungssport sind es die Länder und Kommunen. Jetzt wurde festgestellt, dass viele Kommunen nicht mehr in der Lage sind, ihre Anlagen selbst zu sanieren. Oder neue zu bauen. Was für Berlin besonders wichtig ist, weil wir hier einen relativ geringen Anteil an vereinseigenen Sportanlagen haben. Hier ist das meiste in öffentlicher Hand. Das muss in Schuss gehalten werden. Und neue Anlagen für neue Sportarten werden gebraucht. Für Berlin ist die große Herausforderung, dass dieses Geld abgerufen und die Baumaßnahmen umgesetzt werden müssen. Die Bedarfe müssen erst angemeldet werden von den Bezirken. Sonst nützt der tollste Goldene Plan nichts.

In Ihrem ersten Jahr an der LSB-Spitze – was waren die Höhepunkte in der Zeit?

Härtel: Was Veranstaltungen betrifft, waren die Finals das Highlight. Weil es auch ein neues Format war. Aber auch, wenn man mit den Sportlerinnen und Sportlern gesprochen hat. Oft im direkten Kontakt war, beim Bogenschießen, beim Triathlon, Modernen Fünfkampf oder den Kanuten an der Oberbaumbrücke – das war faszinierend. Das zusammen mit unserem Familiensportfest im Olympiapark war großartig. Man kann auch 1. FC Union gegen Hertha nennen, eine spannende Geschichte. Mir geht’s aber nicht nur um Profisport, sondern auch um das, was der Breitensport leistet. Deshalb sind auch die Schulschwimmzentren zu nennen. Ich hätte nicht erwartet, was das freisetzen kann. Dass ein Konzept des Schwimmverbandes mit unserer Unterstützung und den Bezirken sich so entwickeln kann, dass etwas Sichtbares entsteht. Dass mit den Schwimm-Intensivkursen in den Herbstferien von Sportjugend, Schwimmverband und sieben Vereinen z. B. die Quote der Nichtschwimmer bei den Schülerinnen und Schülern deutlich zurückgeht. Man kann einfach mal zeigen, dass das Erfolg hat. Oft wird gefragt, was bringt denn das? Es sind die kleinen Dinge, die zeigen, dass auch die kleineren Zielgruppen wichtig sind. Worüber ich mich noch freue ist, dass wir zunehmend Anerkennung erhalten, wie offen wir kommunizieren mit Vereinen und Verbänden und dass es uns gelingt, bürokratische Hemmnisse im Alltag abzubauen, z. B. bei den vielen Förderprogrammen.

Kein so gutes Bild auf die Sportstadt Berlin wirft, dass die Special Olympics World Games nicht, wie angekündigt, in einem behindertengerechten Jahnstadion stattfinden können.

Härtel: Der Zeitplan ist nicht einzuhalten. Aber mit dem Olympiapark gibt es eine gute Alternative. Natürlich sind wir enttäuscht, aber es war nicht zu schaffen. Aber wir werden sicher auch Signale für mehr Barrierefreiheit in unserer Stadt setzen können.

Und warum geht es mit dem Stadion für Hertha nicht vorwärts?

Härtel: Im März will sich der Senat ja zur Standortfrage äußern. Da geht es um Tegel und den Festplatz. Aber beides scheint unrealistisch. Weil eine verkehrliche Anbindung nicht vor 2030 denkbar ist – sei es mit U-Bahn oder S-Bahn. Das geht nicht!

Was denken Sie denn, wo es am Ende landen wird?

Härtel: Tempelhof halten wir auch für ausgeschlossen. Ich neige immer wieder dazu, zu fordern: Leute, nehmt noch einmal ernsthaft den Olympiapark in den Blick. Hier ist alles vorhanden. U-Bahn, S-Bahn, beste verkehrliche Infrastruktur. Wenn man sich für Olympische und Paralympische Spiele bewerben wollte, muss man dieses Olympiapark-Gelände sowieso zukunftsfähig entwickeln. Dann bräuchte man hier sicher auch ein weiteres Stadion.

An welchen Standort denken Sie denn konkret?

Härtel: Da muss man auch mal heilige Kühe angehen. Ich halte nichts von Denkverboten. Sonst bewegt sich gar nichts. Jetzt soll im Auftrag der Senatssportverwaltung wieder ein Gutachten über die Entwicklung des Olympiaparks entstehen. Das ist ja auch gut, dass da konzeptionell noch mal dran gearbeitet wird. Nur ist meine Befürchtung, dass am Anfang erst mal steht, was alles unter Denkmalschutz steht.

Sie wollen jetzt aber keinen Ärger mit den Denkmalschützern anfangen, oder?

Härtel: Wir brauchen das Reiterstadion nicht, da können keine internationalen Veranstaltungen mehr stattfinden. Beim Schwimmbad sehe ich es ein bisschen anders, aber wir brauchen die Tribüne nicht. Warum soll man die für 24 Millionen Euro ertüchtigen? Wofür? Auch dort findet kein internationaler Schwimmwettbewerb mehr statt. Deshalb muss das Schwimmbad natürlich nicht geschlossen werden. Es ist genügend Fläche da. Nein, man müsste über das Maifeld noch mal nachdenken. Ich weiß, da holt jeder tief Luft. Aber sagen Sie mir, was dort stattfindet? Die einzige Antwort ist dann immer Polo und DFB-Village.

Teuffel: Was wirklich Nazi-mäßig ist im Olympiapark, das ist das Maifeld. Das wurde von Hitler persönlich gewollt. Und da halten wir die Hand drüber und sagen: Auf keinen Fall anfassen! Warum? Das ist doch merkwürdig. Wenn man sich nur mal ansieht, wie Nürnberg mit dem Reichsparteitaggelände umgegangen ist. Die Tribünen gesprengt hat. Autorennen dort veranstaltet hat. Und wir erklären jeden Grashalm auf dem Maifeld für heilig.

Härtel: Um nicht missverstanden zu werden, wir müssen uns mit der Geschichte immer auseinandersetzen. Jede Architektur, jede Innovation muss das mit im Blick haben. Und muss auch sagen, dass wir Geschichte da nicht ausradieren wollen. Aber man kann sich doch mal in einem Wettbewerb damit befassen, wie so etwas gelingen kann. Man muss sich doch wenigstens inhaltlich damit vertiefend auseinandersetzen können.