Wasserball

Marko Stamm: „Wir müssen lernen, übers Wasser zu laufen“

Vor der Wasserball-EM spricht spricht Nationalspieler Marko Stamm über die Probleme, in seiner Sportart wahrgenommen zu werden.

Spritzige Angelegenheit: Marko Stamm (l.) im Wasserball-Länderspiel gegen Russland.

Spritzige Angelegenheit: Marko Stamm (l.) im Wasserball-Länderspiel gegen Russland.

Foto: Thomas Eisenhuth / picture alliance / Thomas Eisenhuth/dpa-Zentralbild/ZB

Berlin. Die deutschen Wasserballer kämpfen von Dienstag bis zum 26. Januar bei den Europameisterschaften in Budapest weniger um eine Medaille als vielmehr darum, sich ihre Olympia-Hoffnung zu bewahren. Dafür muss in der schweren Vorrundengruppe mit dem Olympia-Zweiten Kroatien (Dienstag, 10 Uhr), Außenseiter Slowakei (Donnerstag, 10 Uhr) und dem Olympia-Vierten Montenegro (Sonnabend, 18.30 Uhr) mindestens Rang drei und damit die Chance auf den Viertelfinaleinzug erreicht werden. Die Berliner Morgenpost sprach mit Nationalspieler Marko Stamm (31) von Rekordmeister Spandau 04 über die Aussichten, seine Erinnerungen an Peking und die Schwierigkeiten der Wasserballer im Kampf um Öffentlichkeit.

Berliner Morgenpost: Herr Stamm, bei Ihren ersten Olympischen Spielen 2008 in Peking waren Sie 19? Erinnern Sie sich noch daran?

Marko Stamm: Die werde ich nie vergessen. Es gab so unglaublich viele Eindrücke. Schon, als wir zur Eröffnungsfeier ins Stadion einmarschiert sind, alle zusammen die Nationalhymne gesungen haben. Ich glaube, das wird keiner der Sportler, die dabei waren, jemals vergessen. Aber auch alles andere, ich könnte eine Stunde davon erzählen. Einfach nur beim Essen in der Mensa des olympischen Dorfes zu sein. Das war quasi wie im Zoo, wo man die ganze Zeit neue Tiere entdeckt. Jetzt saß man mit aufgerissenen Augen und offenem Mund da und freute sich, was für tolle Sportler da neben einem sitzen. Oder wenn jemand Geburtstag hatte, standen alle auf, auch Leute, die man gar nicht kannte, und sangen ein Geburtstagsständchen. Von solchen Dingen habe ich noch ganz vieles im Kopf.

Damals wurde gelästert, Sie seien nachnominiert worden, weil Ihr Vater Hagen Stamm Bundestrainer war. Wie sind Sie damit umgegangen?

Natürlich trifft dich das, wenn deine Leistung immer so ein bisschen runtergestuft wird. Andererseits bin ich damit groß geworden, ich war immer der Sprössling. Das war auch in Peking noch so. Aber in der Mannschaft war es kein Thema. Und nach außen wurde ich ganz gut geschützt. Außerdem habe ich schon da mit sportlichen Leistungen überzeugt. Es war sogar ein Extra-Ansporn für mich, es diesen Leuten zu zeigen, dass sie falsch liegen.

Wer hätte damals gedacht, dass Peking Ihre letzten Spiele werden könnten?

Stimmt, seitdem waren wir nicht mehr dabei. Damit hätte ich niemals gerechnet damals. Seitdem sind wir zweimal haarscharf dran vorbeigeschliddert. Das ist traurig. Aber ich bin guter Dinge, dass es nicht meine letzten Olympischen Spiele waren.

Dann muss es jetzt klappen, Sie sind 31.

Mal sehen. Ich merke natürlich, dass ich nicht mehr das gleiche Spiel mache wie früher, dass ich meine Kräfte besser einteilen muss. Dafür habe ich die Erfahrung, eigentlich alle Situationen schon mal gehabt zu haben. Ich schließe nicht aus, dass ich noch bis zu den Spielen 2024 in Paris dabei bin. So lange ich so viel Spaß habe wie jetzt, werde ich mitspielen, wenn ich darf. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, höre ich deshalb nicht auf mit Wasserball.

Wie groß ist die Gefahr, beim aktuellen Anlauf zu scheitern?

Die sehe ich nicht. Trotzdem werde ich so spielen, als wäre es die letzte Chance.

So wie bei der WM vergangenes Jahr in Südkorea? Da sind Sie zum Helden der deutschen Mannschaft geworden. Weil Sie trotz eines Bänderrisses am Fuß gegen Brasilien ins Wasser sprangen, quasi vom Rollstuhl ins Becken, und Ihr Team mit fünf Treffern zum Sieg führten?

Naja, Held – wir haben da alle an unserem Maximum gespielt. Ich wurde eigentlich mehr mitgerissen von meinen Mitspielern. Da hätte man mir den Fuß auch noch abhacken können, ich wäre trotzdem ins Wasser gesprungen, so groß war die Euphorie damals in der ganzen Truppe. Da waren alle Schmerzen vergessen. Abgesehen davon, war es für mich im Wasser viel angenehmer mit meiner Verletzung als außerhalb (lacht). Mehr wehgetan hat es nach dem Spiel, als das Adrenalin aus dem Körper raus war.

Und wie ist die Stimmung jetzt? Sie haben gerade ein deprimierendes Testturnier in Montenegro hinter sich, mit Niederlagen gegen die Gastgeber, Frankreich und Georgien.

Vor diesem Turnier hätte ich noch gesagt: ähnlich wie bei der WM. Jetzt haben wir einen kleinen Dämpfer bekommen. Aber wenn die Generalprobe so schlecht läuft, wird die Show ja oft ganz gut. Das war ein Schuss vor den Bug. Vielleicht haben wir das gebraucht, um zu sehen, dass nicht alles einfach so läuft. Jeder hat sich zu sehr auf den Nebenmann verlassen. Wir müssen unsere Tugenden ausspielen, alle füreinander ackern. Sobald sich da einer rausnimmt, funktioniert unser ganzes System nicht mehr. Wir schaffen das nur miteinander, Arm in Arm. Sonst kriegen wir Denkzettel wie in den drei Spielen dort. Jetzt merke ich auch, wie bei allen das Kribbeln wieder losgeht. Wir kriegen die Kurve schon noch.

Sie haben gerade in einem Testspiel 10:10 gegen den WM-Zweiten Spanien gespielt, das stützt Ihre These. Bei der EM geht es auch um die Olympia-Qualifikation. Inwieweit ist das in Ihrem Kopf?

Natürlich ist sie das. Wir wollen alle nach Tokio. Das heißt, wir müssen zuerst bei der EM liefern. Und dann gegebenenfalls beim Qualifikationsturnier im März in Rotterdam. Dafür reicht das EM-Viertelfinale in jedem Fall, vermutlich auch noch Platz neun oder zehn.

Um sich direkt zu qualifizieren, was müssten Sie in Budapest erreichen?

Europameister werden oder ins Finale kommen. Spanien, Italien und Serbien sind schon für Tokio qualifiziert. Wenn die alle ins Halbfinale kämen, würde sogar Rang vier oder fünf reichen. Aber das ist nicht das, wo wir hinwollen. Natürlich nähmen wir das gern mit, aber da müssten schon alle Feiertage eines Jahres auf einen Tag fallen. Wir haben uns vorgenommen, wir machen unseren Weg über die Olympia-Qualifikation.

Noch einmal zurück nach Südkorea: So skurril das erscheint – die Bilder vom verletzt spielenden Marko Stamm erregten mehr Interesse in der Öffentlichkeit als das sportliche Geschehen. Was sagt das über das Ansehen des deutschen Wasserballs?

Es muss wirklich erst so etwas passieren, das ist sehr schade. Bei uns in Deutschland ist das so. Ich hatte gerade ein lustiges Erlebnis beim Bäcker. Da saß ein Mann neben mir am Tisch, der hatte seine Zeitung ausgebreitet und schaute sich zwei Doppelseiten nur mit Wasserball an. Allerdings war die Schrift serbisch. Schön wär’s, wenn es das bei uns auch gäbe. Aber hier muss erst mal irgendetwas Beklopptes passieren. Dass wir uns in Badehosen in die S-Bahn stellen oder dass sich einer verletzt und trotzdem spielt. So ist es das leider.

Was müsste anders werden?

Gute Frage. Vielleicht sollten wir jetzt mal langsam lernen, über Wasser zu laufen, keine Ahnung. Es ist natürlich gerade in Berlin schwer, wo das Angebot so riesengroß ist. Wenn man dann als Wasserballer nicht Weltmeister oder Europameister wird, ist das anscheinend nicht so berichtenswert.

Ihr Vater Hagen Stamm, der auch jetzt wieder Bundestrainer ist, hat vor Kurzem einen Sportkanal der öffentlich-rechtlichen Sender gefordert.

Man sieht es in Italien, in Serbien und in vielen anderen, ich sage mal: sportverrückteren Nationen. Wo alles außer Fußball im Fernsehen läuft. Und da stimmen die Einschaltquoten doch auch. Dann entsteht mehr Nähe zu den Sportlern, es wird leichter, Nachwuchs zu begeistern, wenn sie es im Fernsehen sehen. In anderen Ländern funktioniert es, die Randsportarten zu zeigen. Mir leuchtet nicht ein, warum das bei uns nicht gehen soll. Da fehlt es einigen Leuten an Mut. Bei den deutschen Finals in Berlin hat man erkennen können, dass viele Leute sich für ein breites Sportangebot interessieren. Nicht nur für Fußball.