Sportlerin des Jahres

Elena Krawzows Sprung ins Wasser ist wie ein neues Leben

Elena Krawzows Leben war schwer. Wegen ihrer Sehschwäche fühlte sie sich aussortiert. Als sie zu schwimmen begann, wurde alles anders.

Elena Krawzow mag Foto-Shootings. Als Schwimmweltmeisterin ist sie ein gefragtes Modell.

Elena Krawzow mag Foto-Shootings. Als Schwimmweltmeisterin ist sie ein gefragtes Modell.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Ausgerechnet Wasser. Elena Krawzow mag das flüssige Element nicht besonders, mochte es nie, nass und kalt, wie es nun mal ist. Sie hat erst mit 13 Jahren schwimmen gelernt. Noch einmal 13 Jahre später ist sie mehrmalige Welt- und Europameisterin und nun auch Berlins Sportlerin des Jahres. „Ich freue mich und bin sehr stolz, gewonnen zu haben“, sagte sie, gerade erst von einem Wettkampf in den Niederlanden zurückgekehrt, wo sie sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifiziert hat.

Sie ist eine selbstbewusste, fröhliche junge Frau geworden, trotz allem. Obwohl sie fast blind ist. Und ausgerechnet dem Wasser verdankt sie sehr viel. „Ich konnte zeigen“, sagt sie, „dass ich doch etwas kann.“ Sogar besser als alle anderen auf der Welt.

Elena Krawzows Familie flieht wegen der Armut aus Kasachstan

Anfangs läuft ihr Leben nicht so, dass sie daran hätte glauben können. Elena Krawzow wird 1993 in Nowowoskresenowka geboren, einem Dorf in Kasachstan. Der Vater hat auf dem Land nach dem Zerfall der Sowjetunion keine feste Arbeit mehr. Statt Geld bringt er oft Zucker oder Brot mit, wenn überhaupt. „Eine schwere Zeit“, erinnert sich die 26-Jährige. Die Familie hungert und will weg für ein besseres Leben. Weil die Oma deutschstämmig ist, soll es Deutschland werden. Zunächst kommen sie nur bis Woronesch in Russland.

Elena ist sieben. Nach einer Weile finden die Eltern Jobs. Aber ihre Tochter kneift in der Schule beim Lesen die Augen so merkwürdig zusammen. Die Ärzte stellen die Schockdiagnose Morbus Stargardt. Die Mitte der Netzhaut verliert durch diese Krankheit drastisch an Schärfe. Sie tritt in Schüben auf, nach jedem Schub lässt die Sehkraft nach. Das Mädchen kommt in ein Internat, weg von der Familie. Es leidet sehr. Bis die Ausreise nach Deutschland, nach Bamberg, endlich genehmigt ist.

Elena Krawzow fühlt sich aussortiert

Die Familie ist wieder zusammen, doch nur kurz. Elena besucht eine Grundschule. „In Deutschland habe ich mich anfangs wie ein Alien gefühlt“, sagt sie, „ich habe die Sprache nicht verstanden, die Kultur, kannte das Essen nicht.“ Auch mit den Augen geht es immer schlechter. Erneut fühlt sie sich aussortiert, denn sie muss auf eine Sehbehindertenschule in Nürnberg. Sie sträubt sich, doch es hilft nichts. „Ein Jahr habe ich mich verschanzt in dem Internat. Dann habe ich auf einer Freizeitveranstaltung Michi kennengelernt.“

Der Erzieher Michael Heuer beschäftigt sich von nun an wie ein väterlicher Freund mit dem „cleveren Mädchen“ und fragt irgendwann: Willst du nicht mal Sport machen? Zum ersten Mal in ihrem Leben joggt sie, macht das Sportabzeichen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie echte Erfolgserlebnisse. Für das Goldene Sportabzeichen muss sie 50 Meter schwimmen. „Ich kann nicht schwimmen!“, protestiert sie zwar, aber wie ein Hund paddelnd schafft sie die Strecke doch irgendwie. Danach bringt ihr Heuer das Schwimmen richtig bei.

Mit dem Schwimmen beginnt für Elena Krawzow das Leben neu

Damit beginnt ein ganz anderer Abschnitt für Elena Krawzow. „Michi ist die Person, die mir meinen Weg in die neue Welt gezeigt hat. Das Tor zum Leben“, sagt sie dankbar. Heuer schickt seinen Schützling in einen Schwimmverein. Von nun an geht alles in einem rasanten Tempo weiter. Erste Wettkämpfe, erste Siege. Ein Start bei deutschen Meisterschaften. „Da hatte es mich schon gepackt. Ich wollte mehr.“ Sie trifft Sportler aus dem Nationalteam, die ihr von Trainingslagern und schönen Reisen erzählen. Sie ist noch nie geflogen. Sie will das auch alles. Genau wie die schönen Trainingsanzüge, die sie tragen.

Elena Krawzow ist jetzt nicht mehr ausgeschlossen. Früher durfte sie nicht in einer normalen Schulklasse lernen wie alle anderen. Nicht an Camps teilnehmen wegen ihrer Behinderung. Sie spürt, „mit Schwimmen kann ich mehr aus meinem Leben machen. Daran habe ich mich richtig festgebissen“. Ihr Vater hält von alldem wenig. Er hatte für seine Tochter eine andere Rolle vorgesehen, die traditionelle einer Frau, die an den Herd gehört. Er begleitet sie nicht zum Training oder zu Wettkämpfen. Das tut Michael Heuer. Wenn ihr das Trainieren mal zu viel wird, denkt sie trotzdem nicht ans Aufhören, „das habe ich mich wegen Michi nicht getraut. Er hat mich doch immer so sehr unterstützt“. Außerdem hat sie ein klares Ziel: „Ich wollte mich beweisen mit Schwimmen.“

In Rio steht sie erstmals als Verliererin da

Das gelingt ihr. Sie holt erste große Titel im Juniorinnenbereich. In London 2012 folgt völlig unerwartet die paralympische Silbermedaille über 100 Meter Brust, ihre Paradestrecke. Dann WM-Gold, EM-Gold. Sie arbeitet hart dafür, „ich liebe Disziplin“, sagt Elena Krawzow. Vor den Olympischen Spielen in Rio wechselt sie nach Berlin zu Trainer Phillip Semechin. Der beschreibt sie so: „Elena ist total professionell, eine sehr beständige, extrem motivierte Athletin. Sie ist über Monate hinweg total fokussiert. Das zeichnet sie aus.“ Krawzow schwimmt Weltrekord über 100 Meter Brust. Doch dann wird sie nur Fünfte im Finale von Rio. „Das war ein Weltzusammenbruch für mich“, sagt sie. Das Gefühl, als Verliererin dazustehen, kennt sie als Sportlerin nicht. Eine Weile will sie nicht mehr schwimmen.

Aber dafür ist sie viel zu sehr Kämpferin. Mit 22 Jahren hatte sie ihren letzten Krankheitsschub, ihr blieb eine Sehkraft von drei Prozent. „Die drei Prozent, die ich noch habe, nutze ich bis zum Anschlag aus“, sagt sie, fest davon überzeugt, dass es keinen weiteren Schub geben wird. Sie kommt klar mit ihrem Leben mit der Behinderung, nimmt Freunde mit, wenn sie Hilfe braucht. Lesen kann sie noch, WhatsApp-Nachrichten, auch Briefe. Sie fotografiert sie mit ihrem Handy und liest sie dann in Vergrößerung.

Ihr Manager betreute vorher schon Florian Wellbrock und Sarah Köhler

Auch der sportliche Erfolg ist zurück. Seit Dublin, wo 2018 die EM stattfand. Sie gewinnt drei Goldmedaillen, natürlich über 100 Meter Brust, dazu über 50 Meter Freistil und 200 Meter Lagen. „Ich war wie befreit“, sagt sie. In diesem Jahr bei der WM in London kommt eine weitere Goldmedaille im Brustschwimmen hinzu.

2020 in Tokio will sie nun das schaffen, was ihr noch fehlt: olympisches Gold gewinnen. Vielleicht schwimmt sie sogar noch weiter bis Paris 2024. Sie ist jetzt eine richtige Profisportlerin, hat einen Manager. Volker Drost betreut auch die deutschen Vorzeigeschwimmer Sarah Köhler und Florian Wellbrock. Jetzt hat Elena Krawzow durch ihn mehrere Sponsoren.

Ihr Leben ist schön. Und eine Gewinnerin ist sie schon längst. Spätestens, seit Elena Krawzow ins kalte Wasser sprang. Ausgerechnet ins Wasser.

Berlins Sportler des Jahres 2019

Frauen: 1. Elena Krawzow (Para-Schwimmen/15,87 Prozent), 2. Lisa Marie Kwayie (Leichtathletik/13,51), 3. Lara Lessmann (BMX-Freestyle/12,77), 4. Claudia Pechstein (Eisschnelllauf/10,99), 5. Lisa Jahn (Kanu/10,88).

Männer: 1. Patrick Hausding (Wasserspringen/17,40 Prozent), 2. Jacob Schopf (Kanu/15,18), 3. Ali Lacin (Para-Leichtathletik/12,20), 4. Alexander Nobis (Moderner Fünfkampf/10,43), 5. Max Kepler (Baseball/9,72).

Mannschaften: 1. 1. FC Union (Fußball/35,27 Prozent), 2. BR Volleys (Volleyball/13,69), 3. Alba Berlin (Basketball/9,41), 4. Spandau 04 (Wasserball/8,31), 5. Füchse Berlin (Handball/6,72).

Manager/Trainer: 1. Urs Fischer (Trainer 1. FC Union/35,12 Prozent), 2. Cédric Enard (Trainer BR Volleys/12,32), 3. Hagen Stamm (Präsident Spandau 04/9,77), 4. Aito Reneses (Trainer Alba Berlin/8,34), 5. Bob Hanning (Manager Füchse Berlin/7,54).