30 Jahre Mauerfall

Patrick Hausding ist ein bisschen froh, Ossi zu sein

Patrick Hausding wurde acht Monate vor der Maueröffnung geboren. Im Osten ist der Sportstar geblieben, nimmt das aber nicht so wahr.

Wasserspringer Patrick Hausding hat viele Medaillen gewonnen, wenn er vom Turm sprang. Immer synchron mit Sascha Klein.

Wasserspringer Patrick Hausding hat viele Medaillen gewonnen, wenn er vom Turm sprang. Immer synchron mit Sascha Klein.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Patrick Hausding war auf den Tag acht Monate alt, als die Mauer fiel. Erinnerungen hat er also nicht. „Vielleicht habe ich gerade in die Windel gemacht, als es passierte“, sagt der beste deutsche Wasserspringer lächelnd. Aber es gibt Erzählungen, oft gehörte, die irgendwie das Gefühl vermitteln, er sei selbst bewusst dabei gewesen. Wie diese: „Mein Papa ist nach Hause gekommen und hat gesagt, mach mal den Fernseher an, die Mauer ist offen.“

Mit seinen Eltern wohnte er in Lichtenberg. Die Mutter hatte gar nicht mitbekommen, was von Herrn Günter Schabowski in der Mohrenstraße verkündet wurde. Und erst Berlin, dann Deutschland, dann die ganze Welt veränderte. Die deutsche Teilung war bei den Hausdings nie so das ganz große Thema gewesen wie in vielen anderen Familien. Omas, Opas, Onkel und Tanten lebten entweder in Ost-Berlin oder in Brandenburg. In dem Punkt gab es keine Leidenspunkte. Man lebte, so gut es eben unter den Umständen ging.

Hausding sagt „Raum“ und niemals „Zimmer“

Klein-Patrick sowieso. Er wuchs zunächst an der Fanninger Straße auf, danach an der Kubornstraße, beides in Lichtenberg. Als seine Schwester geboren wurde, zogen die Hausdings nach Friedrichsfelde Ost, „in eine Drei- bis Vierraumwohnung“. Klingt lustig in den Ohren eines Westdeutschen, er weiß das, „die sagen Drei-Zimmer-Wohnung, aber ich habe nie Zimmer gesagt!“ Er spürt sie noch, diese kleinen Unterschiede zwischen Ost und West. „Wessis reden anders als Ossis“, sagt er, obwohl sie doch eigentlich dieselbe Sprache sprechen sollten. Manchmal bricht das durch.

Auch sonst? Entdecken Sportler heute noch Unterschiede? „Ich bin in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen“, stellt Hausding fest, „ich habe zwar noch einen alten DDR-Ausweis. Aber wer damals geboren ist“, so wie er, „ist jetzt 30, da verschwindet immer mehr Ost- und Westdenken.“ Trotzdem hat er beobachtet, dass er sich in manchen Situationen anders verhält als die von drüben. Was Rationalität angeht, Einsatz, Effizienz, die Bereitschaft, für den Erfolg zur Not auch durch Dreck zu robben – „das ist halt ein Ossi, sagen dann die Wessis“.

„Das ist halt ein Ossi, sagen die Wessis“

Die Trainer wurden im Osten immer gesiezt, es ist teilweise heute noch so; Westtrainer werden meistens mit dem Vornamen angesprochen. Die Arbeitsebene ist eine andere. „Ich sage anders, nicht besser oder schlechter.“ Jan Kretzschmar war für ihn immer „Herr Kretzschmar“, bis zum Schluss 2017. Dessen Nachfolger Christoph Bohm ist zwar auch Ossi, aber „Christoph“ – fünf Jahre Altersunterschied sind einfach zu wenig. „Keine Ahnung, was die höhere Erfolgsquote bringt, Distanz oder Kumpeltyp“, fragt sich Hausding. Erfolge feierte er mit beiden.

Andere Geschichte, die Hausding einfällt. Er isst seinen Teller leer, immer, „auch wenn es Büfett ist, also umsonst. Das gehört zu meiner Ethik“. Bei ihm ist auch nicht in der Wohnung den ganzen Tag das Licht angeschaltet, er muss nicht eine halbe Stunde duschen. „Ich will nicht sagen, dass ich geizig bin. Ich bin nur nicht verschwenderisch.“ Ist das Ossi – Wessi? Eher nicht, eher unterscheidet das Menschen, die von Eltern erzogen wurden, die im Überfluss lebten, von solchen, in deren Familien das Geld zusammengehalten werden musste. Hausding sagt, er sei sogar ein bisschen froh, im Osten geboren zu sein: „Ich habe gute Werte mitbekommen für meine Charakterbildung. Ich weiß die einfachen Dinge des Lebens zu schätzen.“

Dankbar, dem Dopingsystem entgangen zu sein

Dankbarkeit, ein freier Mensch zu sein, ohne Grenzen leben zu können, empfindet er nicht. Als Sportler hat er die ganze Welt gesehen, aber das wäre ihm bei seinen Leistungen auch im DDR-System wohl möglich gewesen. „Ich bin nur froh, nicht 20 Jahre eher geboren zu sein, wegen des ganzen staatlichen Dopings, das gab es bestimmt auch im Wasserspringen, es war ja durchgängig so bei den olympischen Sportarten.“ Dankbar sei er, damit nichts am Hut gehabt zu haben.

Eine erfolgreiche Karriere hatte er trotzdem. Vor allem an der Seite eines – Wessis, des vier Jahre älteren Sascha Klein aus Aachen. Sie sprangen synchron vom Turm, wurden gemeinsam 2013 in Barcelona Weltmeister, 2008 in Peking Olympia-Zweite, insgesamt neunmal Europameister. Aber auch allein hat er viele Medaillen gewonnen, ein halbes Dutzend EM Goldmedaillen, vom Drei-Meter-Brett Olympia-Bronze 2016 in Rio und WM-Silber 2017 in Budapest. Er ist das Gesicht des deutschen Wasserspringens, und es wird die Disziplin hart treffen, wenn er 2020 nach Tokio kürzer treten wird. Das werden seine vierten und letzten Olympischen Spiele, wenn er gesund bleibt, so viel steht fest.

Hausding stolz: „Ich habe Westkontakt“

Um seine Zukunft macht sich Patrick Hausding keine großen Sorgen. „Ich bin ein sehr ruhiger Sportler in den Endjahren“, sagt er, „ganz entspannt.“ Er will sein Lehramtsstudium Englisch/Sport beenden, sich als erstes für ein Referendariat an der Sportschule am Sportforum Hohenschönhausen bewerben, „ein bisschen was vormachen kann ich ja“.

Und vermutlich wird er im Osten der Stadt leben bleiben. Er wohnt jetzt mit seiner Freundin, einer kroatischen Wasserspringerin, im Komponistenviertel in Weißensee. Zieht ihn der Westen denn gar nicht an? „Wieso“, kontert er grinsend: „Ich habe Westkontakt!“ Seinen Kumpel aus Schulzeiten besucht er hin und wieder an der Kantstraße. In Dahlem war er schon, in Charlottenburg, Tegel wegen des Flughafens, „ich bin schon ganz schön rumgekommen in Berlin“.

Aber wenn er ehrlich ist: Er macht sich gar keinen Kopf über Ost und West. „Ich sehe heute keinen großen Unterschied mehr, auf welcher Seite man wohnt. Dafür sind wir schon zu lange wieder ein Berlin.“ Ist eben doch eine Menge passiert, seit der Vater damals nach Hause kam und sagte: „Mach mal den Fernseher an, die Mauer ist offen.“