Berliner Spaziergang

Die Liebe des Kanuten Marcus Groß zum Wasser

Der Berliner Kanute Marcus Groß hat allein zweimal olympisches Gold gewonnen. Nun steckt er in einer nicht ganz einfachen Lage.

Kanute Marcus Gross lebt und trainiert am Krossinsee in Köpenick.

Kanute Marcus Gross lebt und trainiert am Krossinsee in Köpenick.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE

Berlin. Der Rückweg beginnt anstrengend. Fritz ist müde, er weint, will nicht mehr laufen. Zum Glück sind Papas Arme stark, er wuchtet den Kleinen mühelos auf die Schulter. Nur möchte Fritz dort nicht bleiben, er will sich lieber in den Armen wiegen lassen. Aber so viel Kraft in diesen auch stecken mag, es geht nicht lange gut. Die Muskeln werden fest in dieser starren Haltung, sie schmerzen.

Selbst der größte Athlet kennt offenbar diese kleinen Schwächen, die der Alltag hin und wieder zum Vorschein bringt. Bei Marcus Groß mit seinen breiten Schultern, seiner Heldenfigur, wäre man davon kaum ausgegangen, doch sein muskulöser Körper ist eben auf Bewegung ausgelegt.

Der Olympiasieger lebt beschaulich am Rand von Berlin

Im Kanu bringt er so viel Energie auf das Paddel, dass ihm olympische Goldmedaillen überreicht werden. Zwei waren es 2016 in Rio. Dazu ist er Besitzer dreier goldener WM-Medaillen. Acht Mal war Groß bereits Europameister. Aber sein kleiner Sohn Fritz ist gerade einfach zu schwer, als wir dem Krossinsee den Rücken kehren und die Gartenkolonie am Schmöckwitzwerder Süd ansteuern.

Hier am südlichen Rand von Köpenick, unmittelbar an der Grenze zu Brandenburg, lebt es sich beschaulich. Wasser und Wald dominieren die Landschaft. „Ich bin so wasserverbunden, ich paddle auch in meiner Freizeit“, sagt der dreifache Weltmeister. Deshalb wollte er immer direkt am Wasser wohnen. „Hier kann ich mein ganzes Leben lang paddeln.“

Zumindest in diesen heißen Sommertagen kann es wohl kaum etwas Besseres geben. Wenn er sich sein Boot schnappt, muss er nur kurz über den Sandweg vor dem Grundstück und dann noch ein paar Meter bis zu einem kleinen Hafen, der von Seerosen idyllisch umrandet wird. Rein ins Boot und ab, etliche Seen und Kanäle sind von hier aus zu befahren. Ein ideales Trainingsrevier.

Zur Sammlung gehört auch ein Renn-Canadier

Diesmal bleibt er hier, wir planen ja einen Spaziergang und keine Spazierfahrt. Obwohl wir beide auch gemeinsam paddeln könnten, Boote hat Groß reichlich. Fast ein Dutzend liegt im Garten auf dem Hänger. Für jeden Anlass das passende.

Wettkampfboote, kleine Boote für Kinder, Familienboote, ein Zweier fürs Meer. Sogar ein Renn-Canadier. „Ich finde, wenn man Kanusportler ist, sollte man zumindest auch damit ein paar Meter fahren können“, erzählt der Paddler vom Grünauer Kanuverein 1990. Klingt vielleicht banal, aber sich in einem Renn-Canadier zu halten, ist ein Balanceakt sondergleichen.

Marcus Groß sitzt normalerweise in einem Kajak. Und wenn nicht, spaziert er gern durch das grüne Refugium vor der Haustür. Mit seiner Frau, die auch mal Kanutin war. Mit Fritz (3) und Tochter Elli (1), die vielleicht mal Kanusportler werden. „Die Kinder sind schon wasserbegeistert“, sagt der Vater nicht ohne Stolz. Die Umgebung verführt einfach dazu. Fritz würde am liebsten so oft es geht mit Papa zur Badestelle am Krossinsee paddeln. Weil wir laufen, ist er eben mit dem Laufrad dabei.

An der Fußgängerbrücke am Oder-Spree-Kanal, an der wir uns treffen, blättert die Farbe ab. Rost breitet sich großflächig aus. Sie sieht nach einer Herausforderung für Fritz aus, die schmale Radspur führt mit einem ordentlichen Anstieg nach oben. Wegen der vielen Boote, die hier langfahren. Ein paar Jugendliche sehen in der Konstruktion verbotenerweise eine Sprungplattform.

Fritz ist geübt mit dem Laufrad, rauf, drüben wieder runter, kein Problem. Die Familie nutzt die Brücke über den Kanal häufig, weil der Weg zur nächsten großen Straße hier etwas kürzer ist. „Ich habe auch dem Dopingkontrolleur mal den Tipp gegeben, lieber hier zu parken und dann zu Fuß über die Brücke zu uns zu kommen“, sagt der 29-Jährige. Sportler müssen sich oft kontrollieren lassen, ob alles mit rechten Dingen zugeht.

Die Substanz, die Marcus Groß in Fahrt bringt, heißt Nutella. Unverdächtig bezüglich einer verbotenen Leistungssteigerung, aber bei übermäßigem Genuss durchaus gefährlich. Bis an die 100 Kilogramm hat ihn dieser über den Winter mal geführt. „Ein großes Glas kriege ich in einer Woche schon leer.“ Allein, Frau und Kinder essen es gar nicht.

„Frühstück ist für mich die wichtigste Mahlzeit am Tag. Das muss auch lecker sein. Wenn ich Nutella dabeihabe, ist zumindest eine Grundlage immer identisch“, erzählt Groß. Mit der Schokocreme kann er kurioserweise sein Gewicht ganz gut regulieren. „Ich brauche etwas Gewicht, das ich in der Saison verlieren kann.“ Mit einer rein sportgerechten Ernährung kommt er zu leicht aus dem Winter. Hartes Training und Wettkämpfe lassen die Pfunde schließlich weiter schwinden. Liegt er irgendwann unter 84 Kilogramm, „fehlen Kraft und Substanz“. Mit Nutella lässt sich die kritische Marke besser halten.

Das Traumpaar Groß-Rendschmidt wurde aufgelöst

Sogar nach zu den Olympischen Spielen nach Rio de Janeiro nahm er Schokocreme-Gläser mit. Sein Bootspartner damals, der Essener Max Rendschmidt, ist genauso verrückt nach dem Zeug. Im Zweier und im Vierer holten sie über 1000 Meter zusammen Olympiagold. Sie waren ein Traumpaar, gewannen auch zwei WM-Titel.

Doch mit der Veränderung des olympischen Programms wurde ihr Boot aufgelöst. „Das war vielleicht die größte Enttäuschung meiner Karriere“, erzählt Groß. Obwohl er auch danach wieder Weltmeister wurde im K2 über die olympischen 1000 Meter, weil er es mit seiner hervorragenden Technik versteht, sich optimal in ein Teamboot einzubringen. Doch es lief eben immer alles so einfach mit Rendschmidt, der jetzt den Vierer über 500 Meter antreibt.

Von seinem früheren Bootskollegen steht noch ein altes Moped, eine Schwalbe, in seiner Garage. Daneben hat sich unter einer Plane eine alte Leidenschaft versteckt. Eine rote Ducati 999, eine richtige Rennmaschine. „Ich kann mich schwer davon trennen“, sagt Groß über das Motorrad, das ziemlich schwierig zu fahren ist, weil man fast wie im Liegestütz darauf kauert. „Nach einer halben Stunde werden die Arme schwer.“

Das Motorrad hat Marcus Groß eingemottet

Die letzte Spritztour liegt aber lange zurück, seit ein paar Jahren ist das Motorrad eingemottet. Andere Dinge genießen Priorität. Wir gehen an der Akademie vorbei, einem großzügig angelegten Hotel mit Wasserzugang und großem Spielplatz, beliebt bei den Kindern. Ein Nachbar kommt des Weges, ein kurzer Plausch. „Wir sind erst seit zwei Jahren hier, aber kennen schon fast jeden“, sagt der Kanute. Die Abgeschiedenheit hier unten bringt alle näher zusammen, man hilft sich. Und zu tun gibt es schließlich immer etwas.

Als die Familie das Grundstück mit dem alten Haus kaufte, war alles verwuchert. „Früher war ich immer handwerklich interessiert, konnte es aber nie ausleben.“ Nun holt er alles nach, erledigt viel selbst, verlegt Leitungen, hebt Gruben aus, hackt Holz. Etliche Raummeter stapeln sich im Garten, die viele Stunden Krafttraining ersetzt haben. Bodenständiger kann ein Spitzensportler nicht sein. Familie, Haus, Gartenarbeit, Garage, Werkstatt – so fühlt sich Glück an für Marcus Groß.

Auch die Olympiasiege halfen bei der Modernisierung. „Die Prämie steckt in der Fußbodenheizung.“ 20.000 Euro gab es nach den Erfolgen von Rio. Die hätte er auch für eine Goldmedaille allein bekommen, die zweite wurde nicht extra prämiert. Aber Diskussionen darüber wie im Fußball? „Das hat nichts mit dem Sinn des olympischen Sports zu tun“, findet Groß, der ebenso offen wie selbstbewusst ist.

„Fußballer nehmen den anderen die Aufmerksamkeit weg.“

Dass der Fußball überhaupt zum olympischen Programm gehört, gefällt ihm nicht: „Der hat da nichts zu suchen, weil Olympia nicht das höchste der Gefühle ist für die Fußballer. Die nehmen den anderen Sportarten dort viel Aufmerksamkeit weg.“ Ohnehin stehe alles immer mehr im Schatten der Kicker: „Für die Sportgesellschaft in Deutschland ist das nicht gesund.“ Wenn Sportarten abseits des Fußballs kaum mehr wahrgenommen werden, will sie irgendwann vielleicht keiner mehr ausüben.

Am Schmöckwitzwerder Süd hat die kleine Baracke geschlossen, an der groß „Biergarten“ steht, offenbar für immer. Ein paar Meter sind es noch am Campingplatz vorbei bis zur Badestelle am Krossinsee. Trotz der unvergesslichen Erfolge in Rio denkt der Berliner gern auch an London zurück. 2012 endete Olympia für ihn mit Platz vier im Vierer, voller Frust schlug er sein Paddel auf die Knie. Obwohl es aus Karbon besteht und nur schwer bricht, zertrümmerte er es. Der erste große Titel ließ einfach zu lange auf sich warten, das brachte Groß kurz aus der Fassung.

Ein Jahr später erst war es soweit mit dem Premierensieg bei einer WM. „London waren aber trotzdem fast die geileren Spiele. Mehr Fans, das Dorf war schöner, alles war besser organisiert“, sagt der Kanute. Eine Hälfte des Paddels hängt heute zu Hause über der Treppe in der Dachschräge. Er fasst es nicht an, „es bringt Unglück“. Wobei er den vierten Platz längst nicht mehr als Unglück betrachtet. Tokio sollen 2020 seine dritten Spiele werden, aber die nationale Konkurrenz ist enorm. „Die Trainer werden wahrscheinlich Probleme haben, sich zu entscheiden“, glaubt Groß.

In diesem Sommer klappte der Urlaub mit der Familie

Was auch ein bisschen daran liegt, dass er diesen Sommer viel Zeit für die Familie hatte, ungewöhnlich viel. Sogar ein kurzer Urlaub war drin. „Zum ersten Mal mitten in der Saison“, sagt Marcus Groß. Verletzungen und Krankheiten zwangen ihn ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Japan zu einer längeren Pause.

Kein guter Zeitpunkt, die Trainer wollen sich in Richtung Olympia schon ein Bild machen, viel testen. Weil er so lange fehlte, muss Groß bei der Weltmeisterschaft vom 21. bis 25. August in Szeged/Ungarn erstmals ausschließlich in einer nicht olympischen Bootsklasse, dem Kajakzweier über 500 Meter, an den Start gehen. Und nächste Saison dann ganz hart darum kämpfen, in das Team für Tokio zu kommen.

Vor uns liegt der See. Die Badestelle ist nicht sonderlich groß, durch die Campinggäste kann es schnell voll werden. Aber im Moment lädt sie zum Verweilen ein. Doch der Weg war anstrengend für Fritz, er fängt an zu murren, will nicht baden. Also nur eine kurze Rast und gleich zurück. So viel Wasser, so viel Wald. Wie sieht es mit Mücken aus hier? „Ist ganz schön doll.“ Er hat extra ein teures Gerät gekauft, das mit Kohlendioxid arbeitet und die Viecher einsaugt.

Trotz der nicht ganz einfachen sportlichen Situation wirkt Marcus Groß entspannt, lächelt viel. Als er im Mai den ersten Weltcup verpasste, „habe ich schon kurz Puls bekommen. Ich wollte mir zwar nichts anmerken lassen, aber meine Frau sagte, ich sei angespannt“, erzählt er. Der Sport lässt den blonden Recken eben nicht los, Paddeln ist seine große Leidenschaft.

Nach der Karriere arbeitet der Kanute Marcus Groß als Bundespolizist

Doch sein Blick darauf hat sich verändert. Durch die beiden Olympiasiege 2016 in Rio: „Ich war erfolgreicher, als ich es jemals gedacht hätte. Ich habe nichts mehr zu verlieren.“ Durch den Abschluss der Ausbildung bei der Bundespolizei 2018: „Das macht vieles leichter.“

Der größte Druck, den er immer verspürte, nämlich die Frage, was nach dem Sport kommt, hat sich aufgelöst. Während viele Athleten nach der Karriere ihren Weg erst finden müssen, hat er mit 29 Jahren die Gewissheit, „dass ich meinen Lebensunterhalt wie jeder andere Mensch verdienen kann“. Früher fühlte sich das harte Training wie ein Muss an, heute „mache ich es, weil ich es cool finde“. Der Spaß am Sport ist zum Hauptantrieb geworden.

Die Umgebung unten in Schmöckwitz wird diesen Spaß immer fördern, sie macht einfach Lust auf das Paddeln. Dieser Eindruck prägt sich auf dem Rückweg zur Fußgängerbrücke ein. Als wir erneut die Akademie passieren, hat Fritz sich erholt. Der kleine Mann sitzt wieder auf dem Laufrad.

Marcus Groß - zur Person

Karriere: Geboren wurde Marcus Groß am 28. September 1989 in Görlitz. Sein Weg im Kanu-Rennsport begann schon verheißungsvoll. Bereits 2009 bei seiner ersten Weltmeisterschaft gewann er die Bronzemedaille im Kajak-Zweier. Auf seinen ersten WM-Titel musste er dennoch bis 2013 warten. Dafür wurde Groß später allerdings gleich dreimal Weltmeister und acht Mal Europameister. Seine Laufbahn krönte er 2016 in Rio de Janeiro mit zwei Olympiasiegen, einmal im Kajak-Zweier und einmal im Kajak-Vierer. Hinzu kommen noch Silber- und Bronzemedaillen bei WM, EM sowie den Europaspielen.

Auszeichnung: Wegen seiner herausragenden Erfolge wurde der Kanute im Dezember 2016 zum „Berliner Sportler des Jahres“ gewählt. Darüber hinaus erhielt Groß mit dem Silbernen Lorbeerblatt die höchste sportliche Auszeichnung Deutschlands.