Finals 2019

Zur Not muss ein Brief an die Kanzlerin helfen

Triathletin Laura Lindemann ist bei den Finals in Berlin die Favoritin. Doch die 23-Jährige will auch in Tokio um eine Medaille kämpfen.

Laura Lindemann in ihrer stärksten Teildisziplin, beim Laufen. Die Triathletin gilt bei den Finals 2019 in Berlin als Favoritin.

Laura Lindemann in ihrer stärksten Teildisziplin, beim Laufen. Die Triathletin gilt bei den Finals 2019 in Berlin als Favoritin.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Berlin. Laura Lindemann kommt direkt von einer Prüfung zum Interview, stilecht mit dem Fahrrad. Die Triathletin hatte eine „Klausur in Staats- und Verfassungsrecht, öffentliches Dienstrecht und ein bisschen Geschichte“, wie sie fröhlich erzählt. Das klingt etwas kompliziert, aber sie ist guter Dinge, bestanden zu haben. Die 23-Jährige ist bei der Landespolizei in Brandenburg angestellt und absolviert seit vergangenem Herbst in Potsdam ein Studium zum gehobenen Dienst in der Sportfördergruppe. Auch die aktuell beste deutsche Triathletin braucht ein zweites Standbein.

Schmerzhafter Sturz auf Schotter

Es kann ja viel passieren in ihrem Sport. Ein bisschen zerschunden sieht sie heute aus. Beide Ellenbogen sind aufgeschrammt, auch an der Hüfte hat sich Schorf gebildet. Eine blöde Geschichte. Nach ihrem zweiten Platz beim Weltcup in Antwerpen wollte sie tags darauf nur ein bisschen auslaufen. „Meine Beine waren wohl müde“, sagt Laura Lindemann. Sie lief auf einer leicht abfallenden Schotterpiste, kam ins Schlittern und stürzte. Auf Schotter wird das leicht zur blutigen Angelegenheit.

Solche Stürze tun weh, aber Laura Lindemann steckt Schmerzen und Rückschläge weg. Wie vergangenes Jahr bei der Europameisterschaft in Glasgow, wo sie in einen Fahrradunfall verwickelt war, einige Minuten auf die Spitzengruppe verlor und sich trotzdem mit der schnellsten Laufzeit bis auf Rang vier vorarbeitete. „Ich bin ein Wettkampftyp“, sagt sie. Im Training sage der Kopf schon mal, Mensch, ist das hart heute. Obwohl sie nicht mehr trainiert, als auf dem Plan ihres Trainers Ron Schmidt vorgegeben ist. Nicht übertreiben, argumentiert sie, „nicht immer kommt von viel auch viel“. Im Wettkampf jedoch sei das anders: „Da vergesse ich alles.“ Da zählt nur eines: nach vorn kommen. So weit wie möglich.

Zweimal Europameisterin, dreimal Weltmeisterin

Bisher ist sie damit schon ziemlich weit gekommen. Laura Lindemann ist in Spandau aufgewachsen und war ursprünglich Schwimmerin. Weil es damit nicht recht vorwärts ging, wechselte sie nach Potsdam an die Sportschule. Mit dem Schwimmen lief es immer noch nicht besser. Es gab sogar Gedanken, mit dem Leistungssport aufzuhören. Dann kam die Idee mit dem Triathlon, als letzte Chance. Ein Jahr Eingewöhnungszeit hat sie gebraucht. Schnell Rad gefahren sie nie zuvor, gelaufen nur mal so zum Ausdauertraining. Und dann kam 2013 die Leistungsexplosion, schon in ihrer zweiten Saison als Triathletin.

Da wurde sie mit 17 Jahren EM-Zweite und WM-Dritte bei den Juniorinnen. In den folgenden Jahren gewann sie je zweimal den EM- und den WM-Titel. 2016 wurde sie Weltmeisterin bei den U23-Jährigen, dabei war sie erst 20. Drei deutsche Meistertitel bei den Frauen hat sie auch schon gewonnen, und 2017 wurde sie in Düsseldorf erstmals Europameisterin in der Eliteklasse. Vordere Platzierungen sind bei ihr Standard. Wie sie das schafft? In anderen Sportarten und vorzugsweise bei Männern würde man von „Kampfschwein“ sprechen. Da sie eine Frau ist, sagen wir lieber: Ihr Siegeswille ist enorm ausgeprägt.

Vor Ärger schrieb sie an Angela Merkel

So wie ihr Wille, nie aufzugeben. Für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro war sie von der Deutschen Triathlon-Union zwar vorgeschlagen, vom Deutschen Olympischen Sportbund aber nicht nominiert worden. In ihrem Ärger schrieb sie, 20 Jahre jung, einen Brief an Angela Merkel. Ob die Kanzlerin sich tatsächlich eingeschaltet hat, ist nicht überliefert, in jedem Fall war Lindemann in Brasilien doch dabei. Und auf Rang 28 beste Deutsche.

Es sollen nicht ihre letzten Olympischen Spiele gewesen sein. Tokio 2020 steht vor der Tür, auch 2024 in Paris oder 2028 in Los Angeles wäre sie noch nicht zu alt für eine Teilnahme, eher im besten Alter. Die meisten ihrer härtesten Konkurrentinnen in Europa haben die 30 schon überschritten. Die olympische Distanz beträgt 1500 Meter Schwimmen, 40 Kilometer auf dem Rad und 10 Kilometer Laufen. Bei der Sprintdistanz, auf der sie noch stärker ist, sind es die halben Distanzen. Ihre Sportart verlangt Laura Lindemann einiges ab, bis zu 30 Stunden in der Woche trainiert sie, freie Tage gönnt sie sich nicht. „Weil es nach einem Tag Pause schwerer ist, wieder reinzukommen.“

Ziel ist olympische Medaille – oder zwei?

Ihr Antrieb? „Man will alles erreichen, was möglich ist, am besten jetzt.“ Vielleicht eine olympische Medaille, „und wenn man eine hat – warum nicht auch zwei?“ Zunächst freut sich Titelverteidigerin Laura Lindemann allerdings auf die deutschen Meisterschaften Anfang August in ihrer Geburtsstadt. Endlich mal keine lange Anreise, endlich mal vor Familie und Freunden kämpfen. Das Format mit den Finals findet sie „eine coole Idee. Das lockt mehr Zuschauer an. Triathlon ist immer noch eine Randsportart.“

Wenn sie ihre hohen Ziele erreichen will, muss sie – kurios genug – vor allem im Schwimmen besser werden. „Radfahren und Laufen mache ich lieber“, gibt sie freimütig zu. Aber ihre ursprüngliche Sportart Schwimmen ist nun mal die Auftaktdisziplin im Triathlon, und ein guter Start in den Wettkampf ist sehr wichtig. Außerdem hat das Schwimmen einen großen Vorteil: Man kann nicht stürzen.

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