Berliner Champions

Meret de Vries meistert den Balanceakt auf zwei Rädern

Meret de Vries ist eine der besten Kunstradfahrerinnen in Deutschland. Begonnen hat für die 17-Jährige alles auf der Showbühne.

Kunstradfahrerin Meret de Vries und ihr Wettkampfgerät

Kunstradfahrerin Meret de Vries und ihr Wettkampfgerät

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Sechs Wochen lang hatte Meret de Vries kaum trainiert. Ein Knöchelbruch hatte die Kunstradfahrerin außer Gefecht gesetzt, die deshalb erst zwei Wochen vor den Berliner Meisterschaften wieder aufs Fahrrad steigen konnte. Es war ihr erster Wettkampf in diesem Jahr, ein echter Kaltstart in die Saison, und eigentlich wollte die 17-Jährige nur irgendwie durchkommen. Aber dann fand sie sich unverhofft ganz oben auf dem Siegertreppchen wieder.

Und nicht nur das: Ihre Punktzahl war sogar so gut, dass sich de Vries erneut für die Junior-Master-Serie qualifizierte, bei der sich die besten Einer-Kunstradfahrer aus Deutschland in mehreren Wettkämpfen messen. Erst im vergangenen Jahr hatte sie als erste Sportlerin der Sportfreunde Kladow im Einzel den Sprung auf die nationale Ebene geschafft, was zuvor nur den Kladower Einrad-Teams gelungen war.

Dabei hat die Berlinerin Pech, dass die Konkurrenz hierzulande so stark ist. Deutschland ist weltweit die führende Nation im Kunstradfahren. „In anderen Ländern wäre ich wahrscheinlich schon WM-Kandidatin“, sagt sie.

Turnen auf dem Fahrrad

Mit ihren Erfolgen ist Meret de Vries das Aushängeschild der kleinen Berliner Kunstradszene. In der gesamten Stadt betreiben gerade einmal zwei Vereine diese exotische Sportart, beide aus Spandau. „Wenn ich unseren Sport beschreiben soll, sage ich immer, es ist wie Turnen auf dem Fahrrad“, sagt sie.

Zwar ist das Kunstradfahren dem Radsport- und nicht dem Turnverband angegliedert. Doch genau wie beim klassischen Geräteturnen müssen die Athleten auch dort Elemente wie Handstände, Stützwaagen oder Stützgrätschen vorführen. Bloß dass das Turngerät in diesem Fall eben nicht fest verankert ist, sondern wegrollen kann. Darin liegt die besondere Herausforderung dieser Disziplin.

Die Räder sind Spezialanfertigungen: mit Spezialreifen und einer starren 1:1-Übersetzung, die auch das Rückwärtsfahren erlaubt. Bremsen gibt es keine. „Verkehrstauglich ist so ein Kunstrad nicht“, sagt Meret de Vries. Dafür sind Lenker und Sattel so beschaffen, dass man mit Gymnastikschuhen gut auf ihnen stehen und seine Übungen präsentieren kann.

30 Übungen in fünf Minuten

Insgesamt 30 davon muss die Gatowerin während ihres fünfminütigen Auftritts zeigen. Neben den turnerischen Elementen zählen dazu auch Stände, Sprünge und Drehungen sowie die sogenannten Steiger: Übungen, bei denen de Vries nur auf ihrem Hinterrad umherfährt.

„Das sieht alles schon ziemlich spektakulär aus“, sagt sie. Kunstradfahrer sind wahre Artisten auf dem Rad – da überrascht es nicht, dass sich schon einige Athleten nach dem Ende ihrer aktiven Karriere sogar dem „Cirque du Soleil“ angeschlossen haben.

Auch bei Meret de Vries fing vor elf Jahren alles mit einem Showauftritt an: Ihre Trainerin Julia Schulze sprach die damals Sechsjährige an, die direkt nebenan wohnte, ob sie nicht Lust hätte, es einmal auszuprobieren. Hatte sie. Und weil es bei dieser Aufführung eben um Micky Maus ging, trug Meret de Vries bei ihren ersten Fahrversuchen ein paar extra große Kostümohren.

De Vries betreut schon die Anfänger

Mittlerweile betreut sie in ihrem Verein selbst die Anfänger. „Mit dem Kunstradfahren kann man als Kind anfangen, sobald man das normale Fahrradfahren sicher beherrscht“, sagt sie. Gerade die Jüngeren müssten allerdings erst lernen, sich nicht von äußeren Einflüssen ablenken zu lassen, sondern sich ganz auf die Übung zu konzentrieren, weil sie ansonsten schnell auf dem Boden landen. Dafür gibt es beim Kunstradfahren massig Punktabzug.

Anfangs fuhr Meret de Vries ausschließlich Einrad, doch bald darauf fing sie zusätzlich mit dem Kunstradfahren an. Bei den Sportfreunden Kladow ist sie heute eine von nur drei Athleten, die beides parallel betreibt. „Das ist eher ungewöhnlich“, meint ihre Trainerin.

Neben dem Einer-Kunstradfahren existieren weitere Varianten zu zweit – wobei zum Teil auch beide Sportler auf einem Rad fahren und sich gegenseitig auf den Schultern tragen –, zu viert oder sogar zu sechst. Mit dem Einrad gibt es ausschließlich Teamwettbewerbe mit vier oder sechs Teilnehmern. „Das alles funktioniert nur, wenn man gut aufeinander abgestimmt ist“, sagt de Vries.

Kraft, Ausdauer und Dehnfähigkeit sind gefragt

Überhaupt macht Übung beim Kunstradfahren den Meister. „Die einfachen Übungen lernt man noch relativ schnell“, sagt de Vries. „Aber wenn es schwieriger wird, versucht man sich manchmal wochenlang vergeblich an einer Übung. Das sind dann die Momente, in denen viele aufgeben.“

Neben Kraft, Ausdauer, Dehnfähigkeit und einem guten Gleichgewichtsgefühl ist beim Kunstradfahren deshalb vor allem ein starker Wille gefragt. Den hat auch Meret de Vries während ihrer Knöchelverletzung bewiesen. Aufs Rad steigen konnte sie in dieser Zeit zwar nicht, doch dafür schuftete sie umso härter beim Krafttraining. Ein Einsatz, der sich am Ende bezahlt machte.