Finals2019

Moderner Fünfkampf: Die hohe Kunst der Kombination

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Marcel Stein
Annika Schleu beim Schießen mit der Laserpistole.

Annika Schleu beim Schießen mit der Laserpistole.

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Moderner Fünfkampf ist anspruchsvoll. Aufmerksamkeit bringt er Annika Schleu aber nur selten. Die Finals2019 können das ändern.

Berlin. Paris, Südkorea, Tokio. Die kommenden Wochen halten für Annika Schleu jede Menge Abwechslung bereit. Nach Ungarn und Großbritannien geht es auch noch. „Das wird eine relativ spannende Zeit“, sagt die Spandauerin. Wettkämpfe und Trainingslager bringen sie an Orte, die man sonst in so kurzer Zeit kaum ansteuern würde. Doch bei aller Weitschweifigkeit liegt das interessanteste Ziel für sie diesmal quasi direkt vor der Haustür, in Berlin.

Das hat mit dem Sport zu tun, den Annika Schleu betreibt. Der Moderne Fünfkampf verlangt den Athleten unheimlich viel ab, an Trainingsaufwand, an Variabilität. Er ist eine große Kunst der Kombination. Aber Aufmerksamkeit zieht er eben fast gar nicht auf sich. Außer vielleicht bei Olympischen Spielen, alle vier Jahre mal. Das ist undankbar und auch nur schwer zu ändern. Anfang August aber wird der übliche Vierjahresrhythmus durchbrochen, dann finden in Berlin die Finals2019 statt. Ein ganzes Wochenende steht im Zeichen der Bewegung, zehn Sportarten suchen parallel ihre deutschen Meister. Das Fernsehen überträgt sehr viel live.

DM liegt nicht unbedingt günstig

Ein bisschen wie Olympia also. Wer kann da schon widerstehen? „Wenn unser Verband die DM allein ausgetragen hätte, wäre sie wahrscheinlich an einem anderen Datum gewesen“, erzählt Schleu. Direkt im Anschluss findet nämlich die EM in Großbritannien statt, und die ist sogar wichtiger als die WM in Ungarn, weil bei der EM eine große Chance besteht, sich schon für Olympia 2020 zu qualifizieren. Unter die ersten Acht muss man kommen. Bei der WM Anfang September wäre Platz drei nötig. Der Fokus liegt also klar auf den kontinentalen Titelkämpfen, die nationalen passen da kaum in den Zeitplan der Vorbereitung. Aber die Finals2019 bieten nun mal etwas ganz Besonderes: öffentliches Interesse.

Annika Schleu kann mit dem Kompromiss gut leben. „Unserem Verband sind die Finals sehr wichtig“, sagt sie. Die Veranstaltung, „von der wir extrem profitieren“, kann ihren Sport mehr ins Bewusstsein rücken, mehr als es Titel vermögen. Davon hat Schleu ja schon ein paar, vier Mal stand die 29-Jährige bei Weltmeisterschaften im Team oder der Staffel bereits ganz oben. Sie ist die beste deutsche Fünfkämpferin, gewann 2018 WM-Silber im Einzel. Letzteres hat ihr zwar nicht mehr Bekanntheit gebracht, aber dafür eine Gewissheit.

Fechten als kleines Problem

Die ist auch nicht zu vernachlässigen. Bei der WM im Vorjahr gelang ihr die erste internationale Podest-Platzierung im Einzel bei Titelkämpfen, ein Meilenstein. „Insofern, weil ich es endlich geschafft habe“, sagt sie. Vierte war sie bei Olympia 2016, dann WM-Fünfte. Ein Einzeltitel „ist nun realer geworden“. Nur lässt sich eben beim Fünfkampf nie alles genau planen. „Es kommt ganz viel darauf an, ob man es schafft, seine ganzen guten Einzelleistungen an einem Tag abzuliefern“, erzählt Schleu. Das kann man beim Schwimmen, Laufen, Fechten und Schießen gut trainieren, das Springreiten bleibt mit den zugelosten Pferden aber immer „ein bisschen die unbekannte Variable“. Da bringt nur die Erfahrung die Sicherheit.

In dieser Saison läuft es so weit gut, am Wochenende startet sie beim Weltcup in Prag. Bislang war Schleu konstant unter den Top Ten, so soll es auch diesmal sein. „Bei uns können so viele unterschiedliche Sachen gut und schlecht laufen. Deshalb ist es ein großer Erfolg, dass ich mich stabil in den Top Ten etabliert habe“, erzählt die Berlinerin, die im Prinzip nur eine kleine Schwäche hat. „Das Fechten gibt bei mir einen ziemlich großen Ausschlag, da wackle ich.“ Ihr Trainer meint, dass das an ihrem Charakter liegen könnte. Beim Fechten müsse man auch mal Schwein sein. Das gelingt ihr nicht so gut. „Wenn eine Disziplin erst mal zu einer Problemdisziplin geworden ist, dann ist es schwierig, dort mit Selbstbewusstsein und Überzeugung anzutreten. Gerade im Fechten ist das aber sehr wichtig“, so Schleu. Daher steckt sie viel Training in diese Disziplin.

Selbstvertrauen für die EM holen

Vielleicht gibt das irgendwann den Ausschlag, der zum ersten Einzel-WM-Titel führt. Oder zu Olympia-Gold. Vielleicht verschafft das dann wiederum mehr Aufmerksamkeit. Lena Schöneborn jedenfalls hatte es mit diesen Erfolgen zu einiger Bekanntheit gebracht. Inzwischen hat sie ihre Karriere beendet, dem Verband ist das Zugpferd abgesprungen. „Für meinen Leistungsanspruch hat sich wenig verändert, ich spüre nicht mehr Druck“, sagt Schleu, die zuletzt dreimal die deutschen Meisterschaften gewonnen hat und für die nun bei den Finals2019 vor allem eines zählt: „Wenn ich jetzt mal die Chance habe, vor einer größeren Kulisse aufzutreten, dann möchte ich da auch meine Leistung zeigen.“ Und Selbstvertrauen für die anschließende EM sammeln.

Mehr über die Finals lesen Sie hier

Am 3./4. August finden in Berlin die Finals2019 statt. Erstmals bündeln zehn Sportarten ihre deutschen Meisterschaften, 194 Titel werden vergeben, rund 3400 Athletinnen und Athleten sind am Start. Die Morgenpost stellt bis zu den Finals in jeder Woche einen Sportler aus einer der Sportarten vor. https://finals2019.berlin.de/