Hockey

Hockey in Angst vor Zwei-Klassen-Gesellschaft

Einige führende deutsche Hockeyklubs wollen die Bundesligen selbst organisieren. Doch dagegen bildet sich Widerstand, auch in Berlin.

Spielszene zwischen den Damen des Berliner HC (dunkle Trikots) und Rot-Weiss Köln: Berlin ist gegen die Bundesligareform, Köln dafür.

Spielszene zwischen den Damen des Berliner HC (dunkle Trikots) und Rot-Weiss Köln: Berlin ist gegen die Bundesligareform, Köln dafür.

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Ralf Kardes / picture alliance / Beautiful Sports

Berlin. Auf dem nächsten Bundestag des Deutschen Hockey-Bundes am 25. Mai in Grünstadt wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit turbulent zugehen. DHB-Präsident Wolfgang Hillmann sieht sich seit Wochen heftiger Kritik ausgesetzt, eine Wiederwahl wird schwierig. In der Kleinstadt in Rheinland-Pfalz wird aber noch über ein anderes Thema kontrovers diskutiert werden.

Einige Vereine wollen die Professionalisierung der Sportart vorantreiben, indem sie die Organisation ihrer Bundesligaspiele selbst übernehmen. Der Crefelder HTC reichte einen entsprechenden Antrag auf Übertragung des Spielbetriebs auf einen zu gründenden Ligaverband zum Bundestag ein. 15 Klubs, vor allem aus Nordrhein-Westfalen und Hamburg, haben sich angeschlossen.

Treibende Kräfte Mannheim, Krefeld, Hamburg

Es gibt 58 Bundesligavereine, die derzeit mit 132 Frauen- und Männerteams in allen ersten und zweiten Ligen in der Halle und auf dem Feld unterwegs sind, die diese Änderung also betrifft. In Berlin sind das aktuell der Berliner HC, die Zehlendorfer Wespen, der TC Blau-Weiss, TuS Lichterfelde (mit je vier Teams), Mariendorfer HC (2), Berliner SC, Spandauer HTC, Rotation Prenzlauer Berg und SC Charlottenburg (je 1). Weitere Vereine kämpfen in der Regionalliga um den Bundesligaaufstieg. Der Antrag braucht eine Zwei-Drittel-Mehrheit, um den Bundestag zu passieren.

Derzeit ist eher unwahrscheinlich, dass er eine so große Zustimmung erhält. Obwohl die treibenden Kräfte, neben Krefeld sind das der Mannheimer HC, Uhlenhorst Mülheim, Polo Club Hamburg und UHC Hamburg, die ihren Spielern bereits Geld zahlen, gern auf Vorbilder wie Volley- oder Handball verweisen: Hockey ist in Deutschland immer noch weitgehend Amateursport. Eine familiäre Veranstaltung mit insgesamt rund 85.000 Mitgliedern. Viel Geld ist nicht im System. Dennoch hat Deutschland in keiner anderen Ballsportart mehr olympische Medaillen gewonnen.

Der stärkste Kritikpunkt: Woher 400.000 Euro nehmen?

„Ich halte gar nichts davon“, sagt Ralf Stähler, Präsident der Zehlendorfer Wespen, zu den Plänen der Verselbstständigung, „ich glaube nicht, dass du im Hockey von oben ein anderes Konzept zur Professionalisierung aufsetzen kannst. Beim Volleyball oder Basketball haben sich auch zuerst die Vereine professionalisiert, dann kam die Profiliga. Wenn wir versuchen, das andersherum anzufangen, fallen wir auf die Nase.“ Um die Sorgen zu zerstreuen, sollen am Wochenende zu dem Thema Infoveranstaltungen in den Regionen stattfinden, bei denen die Befürworter ihre Pläne vorstellen und Fragen beantworten.

Der stärkste Kritikpunkt vieler Klubs: Die Antragsteller haben bisher nicht geäußert, welche konkreten Kosten auf die Vereine zukommen. Selbst wenn der neue Ligaverband zunächst nur mit drei Personen beginnen würde, zwei Managern für Spielbetrieb und den angepeilten Verkauf der „Marke Hockey-Bundesliga“ sowie eine Schreibkraft, kämen leicht 350.000 bis 400.000 Euro jährlich zusammen.

TuS Lichterfelde: Dann bleibt nur die Regionalliga

„Solange das nicht durchfinanziert ist“, findet Blau-Weiss-Klubdirektor Wolfgang Roeb, „macht das keinen Sinn. Woher das Geld kommen soll, ist unklar. Das ist unseriös. So eine Struktur auf dem Rücken anderer ist einfach nicht okay.“ Sehr gelassen und zugleich klar sieht Ronald Schwebs, Vorsitzender der Hockeyabteilung im TuS Lichterfelde, der Entwicklung entgegen. „Wir haben kein Geld dafür“, sagt er, „woher nehmen? Ganz sicher werden wir uns nicht verschulden.“ Wenn also die Liga nicht finanzierbar sei für seine Abteilung, „bleibt uns nur die Regionalliga“.

Das wäre bitter, weil gerade die wackeren Lichterfelder eine erstklassige Jugendarbeit leisten. Immer wieder wurde so der Sprung in die Bundesliga geschafft. Derzeit stehen zwei ehemalige Lichterfelderinnen im A-Kader der Nationalmannschaft; vor zwei Jahren wurden die Mädchen A des Klubs deutscher Meister in der Halle. In zwei, drei Jahren würden sie an die Tür zur ersten Liga klopfen. Bisher hat das System Hockey so funktioniert, nicht nur beim TuSLi: Ein Verein kann erstklassig sein, ohne Geld für Stars auszugeben. Sogar deutscher Meister werden, wie 2012 der BHC.

Angst vor einer Zwei-Klassen-Gesellschaft

Jürgen Häner, Präsident des Berliner Hockey-Verbandes, der in verschiedenen Gremien das Projekt begleitet hat und weiter daran mitarbeitet, versteht die Verunsicherung sehr gut. „Vereine wie Rot-Weiss Köln oder Mannheimer HC müssen sich keine Sorgen machen, wie teuer einmal eine solche Lizenz für den zu gründenden Ligaverband sein wird. Die können das bezahlen. Im Osten ist das aber anders. Dort besteht die große Sorge, abgehängt zu werden.“ Es gebe ein Gefühl, dass eine Zwei-Klassen-Gesellschaft drohe. Nicht viel anders sei es in München oder Nürnberg.

„Wir wollen, dass Leute Hockey spielen, weil sie Spaß dran haben und nebenher studieren“, sagt Häner, „nicht Profihockey! Das ist bisher Konsens.“ Gut möglich, dass dieser Konsens verschwindet, wenn sich die Top-Vereine mit ihren Plänen durchsetzen. Sie wollen, dass der Neustart sogar schon zur Feldsaison 2020/21 kommt. „Liebe Leute“, wünscht sich Wespen-Präsident Stähler, „lasst uns mal einen Schritt nach dem anderen machen. Eine Hauruck-Aktion bringt nichts neben der Präsidiumswahl.“

Viele Bälle gleichzeitig in der Luft für einen kleinen Verband

Zumal sich alle Bundesligaklubs zusätzlich gemeinsam mit dem Dilemma herumärgern, ihre besten Spieler kaum noch bei sich zu haben, weil sie wegen der internationalen Turniere ständig mit den Nationalmannschaften unterwegs sind. „Für einen kleinen Verband wie uns“, sagt Stähler, „sind ein bisschen zu viele Bälle gleichzeitig in der Luft.“