Doping

Pechsteins schwere Last mit dem Fehlurteil

Nach zehn Jahren vergeblichen Kampfes gegen ihre Dopingstrafe verzichtet Claudia Pechstein auf zwei ihrer vier Rennen bei der WM.

Claudia Pechstein ist auf dem Eis eine der Besten aller Zeiten. Doch die Justiz lässt ihr keine Gerechtigkeit zukommen.

Claudia Pechstein ist auf dem Eis eine der Besten aller Zeiten. Doch die Justiz lässt ihr keine Gerechtigkeit zukommen.

Foto: ATP / picture alliance / ATP

Inzell/Berlin.  In zwei Wochen wird Claudia Pechstein 47 Jahre alt, zur Weltspitze im Eisschnelllauf gehört sie noch immer. Doch noch etwas anderes jährt sich. Etwas, das das Leben der Berlinerin verändert und sie fast gebrochen hat. „Es ist nicht einfach für mich, die ganzen Emotionen nochmals durchleben zu müssen“, sagt sie vor dem heutigen WM-Start in Inzell. Genau zehn Jahre ist es her, dass der Weltverband Isu sie zum Ziel eines Dopingprozesses machte, der heute fast wie ein Komplott wirkt und der den Glauben an eine faire Behandlung von Athleten durch die Sportgerichtsbarkeit erschüttert hat.

Vor lauter Schluchzen kein Wort herausbekommen

Alles begann in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar 2009. Da wurde Pechstein bei der Mehrkampf-WM in Hamar (Norwegen) informiert, dass bei ihr erhöhte Werte an Retikulozyten (junge, rote Blutkörperchen) gemessen worden seien. „Ich kann mich an jedes Detail erinnern“, sagt sie, „wie mein ganzer Körper zu zittern begann und ich vor lauter Schluchzen kein Wort mehr herausbekam. Rückblickend ist eigentlich nichts mehr, wie es mal war, außer, dass ich noch als Eisschnellläuferin aktiv bin.“ Die Isu legte der Berlinerin offenbar nahe, sich krank zu melden und auf Wettkämpfe am zweiten Tag zu verzichten. Sollten die Werte bei einem weiteren Bluttest normal sein, könne sie wieder laufen.

Die internen Regeln der Isu sahen dieses Vorgehen vor für den Sachverhalt der erhöhten Blutwerte. An Regeln aber, das wurde bald deutlich, fühlte sich der Verband in diesem Fall kaum gebunden. Viel mehr schien es darum zu gehen, eine fünfmalige Olympiasiegerin auszuschalten. Eine Woche später folgte die Mitteilung, dass ein Dopingverfahren eingeleitet würde. Erst danach wurde der angekündigte Kontrolltest vorgenommen, der Befund war unauffällig.

Die schlimmste Erfahrung ihres Lebens

Statt der Rückkehr zur Normalität kam es am 5. März 2009 zur Anklage. Zwei Monate später bot man Pechstein inoffiziell wohl an, das Verfahren, das noch nicht öffentlich bekannt war, einzustellen, sollte sie ihre Karriere beenden. Doch der Glaube an Gerechtigkeit war da noch stark in der Berlinerin, sie lehnte ab, weil sie nie gedopt hat. Beweise für Doping lieferten die Messwerte ohnehin nicht. Aber seit Beginn 2009 ließ die Weltantidopingagentur (Wada) den indirekten Beweis zu. Ohne jedoch die genauen Richtlinien dazu publiziert zu haben. Die erhöhten Retikulozytenwerte genügten dem Isu-Schiedsgericht trotzdem, um Pechstein Ende Juni 2009 zu verurteilen und für zwei Jahre zu sperren. „Unschuldig an den Pranger gestellt zu werden, war die schlimmste Erfahrung meines Lebens“, erzählt die Berlinerin. Dabei hatten Experten darauf hingewiesen, dass eine Blutanomalie der Grund für die erhöhten Blutwerte sein könnte.

Aber Meinungen, die die Sichtweise der Isu in Zweifel zogen, wurden offenbar systematisch ignoriert. Selbst klarste Argumente gegen die Dopingtheorie halfen Pechstein nicht. Auch nicht Ende Oktober 2009 vorm Internationalen Sportgerichtshof Cas, der entlastende Gutachten nicht zuließ, der eine vorläufige Untersuchung als finales Ergebnis deklarierte und zur Basis seiner Entscheidung machte. Den nicht störte, dass keine der Messungen in einem von der Wada akkreditierten Labor vorgenommen worden war. Den nicht interessierte, dass die Wada wenige Wochen nach der Verhandlung die Richtlinien für die indirekte Beweisführung veröffentlichen würde. Deren Inhalt kannte der Cas bereits, zehn abweichende Blutparameter waren demnach notwendig für den Dopingnachweis. Nicht nur einer wie bei Pechstein.

Justiz lässt fahrlässige Urteile der Sportgerichte zu

„Angesichts der immensen Konsequenzen ist es erstaunlich, wie leicht das Schiedsgericht in seiner Beweisführung über die strengeren Maßstäbe der Weltantidopingagentur und die auch nach der Durchführung der Beweisaufnahme noch bestehende Möglichkeit der Alternativursache der hohen Retikulozytenwerte hinweggeht“, hieß es in einer Anmerkung des Landgerichts München am 26. Februar 2014.

Mehr als ideellen Wert hatten die Worte nicht, die angestrebte Klage auf Schadensersatz wurde vom Gericht abgelehnt. Falscher Zuständigkeitsbereich, formelle Vorgaben nicht erfüllt – Pechstein musste im Laufe der Jahre viele solcher juristischen Niederlagen einstecken. Weil sich niemand zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem fadenscheinigen Dopingurteil berufen fühlte. Dabei hatten Mediziner bereits im März 2010 erklärt, dass der Fall gelöst sei und eine vom Vater vererbte Blutanomalie die erhöhten Retikulozytenwerte verursacht. „Ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, die nicht an der Wahrheit interessiert sind, sondern selbst dann bockig auf ihrem Standpunkt beharren, wenn alle Fakten eine andere Sprache sprechen“, so Pechstein, die sogar an Selbstmord dachte in den ersten Monaten der Sperre.

DOSB übernimmt die moralische Rehabilitation

Das nach Dopingurteilen obligatorische Disziplinarverfahren bei der Bundespolizei, bei der Pechstein verbeamtet ist, wurde 2010 im August eingestellt, die Angemessenheit des sportrechtlichen Beweismaßes in der Urteilsbegründung schon damals bezweifelt. Der deutsche Sport übernahm Anfang 2015 schließlich die moralische Rehabilitation, eine Expertenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes sprach Pechstein vom Dopingvorwurf frei. „Man kann nur um Entschuldigung bitten für all das, was Claudia medial und psychologisch zugefügt worden ist“, erklärte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Einer der wichtigsten Momente für die Berlinerin seit den Urteilen der Sportgerichte, die mit einer unfassbaren Fahrlässigkeit agierten. Und deren gesprochenes Unrecht unumkehrbar scheint, weil die staatliche Justiz sie gewähren lässt.

Der finanzielle Schaden Pechsteins ist quantifizierbar, auf über vier Millionen Euro klagt sie. Der seelische Schaden bleibt unermesslich. Erst zwei Tage vor WM-Beginn in Inzell wurde wieder eine Berufung abgelehnt. Diesmal vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Der Cas wurde damit als unabhängiges Schiedsgericht bestätigt, obwohl in der Zusammensetzung mehrheitlich von den Sportverbänden bestimmt. All die juristischen Tiefschläge konnten Pechstein bislang nicht zermürben, doch nun verzichtete sie sogar auf den Start bei zwei ihrer vier geplanten WM-Rennen. „Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte so kurz vor dem WM-Start geht an die Substanz“, so die Berlinerin.

Ansonsten steht eine Aufgabe aber nicht zur Debatte, juristische Rehabilitation ist Pechsteins Ziel. Ob es jemals dazu kommt, ist ungewiss. Beim Bundesverfassungsgericht liegt noch eine Beschwerde vor. „Ich hoffe sehr, dass mir das Bundesverfassungsgericht den Weg aufzeigen wird, wo ich meine Unschuld vor Gericht beweisen kann. Ich werde auch jetzt nicht aufgeben, denn ich bin nachweislich UNSCHULDIG!“, schrieb Pechstein im Netz.