Surfen

Die Magie des Ozeans

Wie der Berliner Surfer Afridun Amu seiner Heimat Afghanistan mit seinem Sport helfen will.

Der Surfer Afridun Amu in der perfekten Welle.

Der Surfer Afridun Amu in der perfekten Welle.

Foto: Privat

Berlin.  Im Nachhinein ärgert sich Afridun Amu ein bisschen, dass er die ganze Sache nicht gefilmt hat. Sechs Jahre ist es jetzt her, dass der Berliner das erste Mal beim Nationalen Olympischen Komitee von Afghanistan vorsprach, ob es die Gründung eines Surfverbandes unterstützen würde. Vorsorglich hatte Amu Videomaterial mitgebracht, als wenn er bereits ahnte, dass es in einem Land, das Tausende Kilometer von der Küste entfernt liegt, sonst schwierig werden könnte, die Faszination des Surfsports allein mit Worten zu vermitteln. „Ihre verdutzten Blicke zu sehen, war allein schon Gold wert“, sagt er.

Die Funktionäre waren schnell fasziniert

Tatsächlich staunten die Afghanen nicht schlecht. Nicht nur, dass überhaupt solch riesige Wellen existierten – es gab tatsächlich auch noch Menschen, die sich freiwillig dort hineinbegaben. Doch je mehr Afridun Amu darüber berichtete, desto intensiver verwandelte sich die anfängliche Fassungslosigkeit der Funktionäre in Faszination. 2012 wurde der afghanische Surfverband ins Leben gerufen, mit Amu als erstem Präsidenten, drei Jahre später gab es die erste Meisterschaft. Mangels Meerzugang trafen sich die Sportler in Portugal.

„Die Freude am Wellenreiten ist universell“, sagt Amu. Bei ihm selbst fing es einst damit an, dass er nach dem Abitur mit ein paar Freunden durch Europa tourte. „Der Ozean hat auf mich schon immer eine große Magie ausgestrahlt“, sagt er. An der französischen Atlantikküste erlebte er dann zum ersten Mal diesen Augenblick, in dem der Surfer und die Welle eins werden: „In diesem Moment kann ich komplett abschalten. Ich bin im Hier und Jetzt und denke an absolut nichts anderes. Das hat schon etwas sehr Meditatives.“

Die besten Wellen sind bis zu sechs Meter hoch

Deshalb verbringt Afridun Amu so viel Zeit wie möglich an den Surf-Hotspots der Welt. Erst kürzlich ist er auf den Azoren gewesen. Auf der Inselgruppe mitten im Atlantik herrschen im Winter die besten Bedingungen für Surfer, mit bis zu sechs Meter hohen Wellen. Amu hat den Aufenthalt vor allem dafür genutzt, an seiner Technik zu feilen. Weil er erst relativ spät mit dem Surfen begonnen hat, besteht in diesem Bereich noch viel Verbesserungspotenzial, damit er sich 2020 seinen großen Traum erfüllen kann: die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio, wo Surfen erstmals im Programm steht.

Bei Weltmeisterschaften war er bereits zweimal am Start. Und wenn es ihn gerade nicht in die Ferne zieht, ist Amu auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof anzutreffen, wo er auf einem Carveboard trainiert – einer Art Surfbrett auf Rollen. „Damit kann man die Surfbewegung ziemlich gut imitieren“, erklärt er. Überhaupt habe sich das Surfen in den vergangenen Jahren zunehmend vom Ozean entkoppelt. In München wird auf der Eisbachwelle gesurft, in Berlin eröffnet im kommenden Monat in Lichtenberg eine Indoor-Surfhalle. „Dieser Bereich ist gerade enorm am Wachsen“, sagt Amu. So erscheint plötzlich auch die Idee eines afghanischen Surfverbands gar nicht mehr so abwegig.

In Kabul geboren, nach Berlin geflohen

In diesem Jahr war der 31-Jährige erstmals seit seiner Kindheit wieder in der Heimat. Afridun Amu ist in Kabul geboren; als er sechs Jahre alt war, floh die Familie nach Berlin. Bei seiner Rückkehr durfte eines im Gepäck natürlich nicht fehlen: ein Surfbrett. Für ein Filmprojekt reiste Amu in das Pandschir-Tal, um dort auf dem gleichnamigen Fluss zu surfen. „Das Flusssurfen ist wegen der Strömungen und der vielen Felsen im Wasser eine besondere Herausforderung“, sagt er. Die Region gilt als relativ sicher – das Tal war eines der wenigen, das von den Taliban nicht eingenommen wurde. Amu bezeichnet die Gegend als das „Bayern von Afghanistan“, nicht nur wegen der imposanten Bergwelt. „Es ist auch die Mentalität der Menschen dort. Die Leute in Pandschir sind ein patriotisches Völkchen, das sehr stolz auf seine Herkunft ist“, sagt er und lacht. „Und sie sprechen einen Dialekt, der für persische Ohren in etwa so fremd klingt wie der bayerische für die meisten Deutschen.“

Afridun Amu will der Welt ein anderes Bild von Afghanistan vermitteln, abseits von Krieg und Terror. Und er will seinen Landsleuten Hoffnung spenden. „Beim Thema Entwicklungshilfe denkt man zuerst an Straßen, an Zugang zu sauberem Wasser. Aber die Menschen dort wollen nicht nur überleben, sondern auch leben“, sagt er.