Nachwuchssportler

Gisèle Wender – mit dem richtigen Instinkt für große Rennen

Gisèle Wender (17) ist das größte deutsche Talent über 400 Meter Hürden. Dies will sie auch bei den Jugend-Spielen wieder beweisen.

Gisèle Wender ist Nachwuchssportlerin des Monats September

Gisèle Wender ist Nachwuchssportlerin des Monats September

Foto: Eberhard Thonfeld / camera 4

Berlin.  Als Gisèle Wender am letzten Tag der Leichtathletik-U18-EM ihren Opa anrief, wussten beide nicht, wer wem zuerst gratulieren sollte. Sie ihm zum Geburtstag – oder er ihr zum Titel. Ihr Großvater war bereits informiert, auf seiner Feier lief der Livestream aus Györ (Ungarn). Mit dem Europameistertitel über 400 Meter Hürden machte ihm seine Enkelin das perfekte Geschenk.

Gisèle siegte bei der EM mit persönlicher Bestleistung von 58,88 Sekunden. Damit konnte sie ihren Erfolg aus dem Vorjahr toppen, als sie bei der U18-WM in Nairobi die Bronzemedaille geholt hatte. Schon dort war die Sportlerin aus Karlshorst die beste Europäerin, weshalb sie bei der EM aber nicht automatisch als Favoritin galt.

Die Vorbereitung verlief in diesem Jahr kompliziert – aufgrund eines Sehnen- und Bänderanrisses konnte Gisèle erst spät ins Training einsteigen. „Zwischenzeitig dachte ich schon, die Saison wäre gelaufen“, sagt sie. Doch sie kam rechtzeitig in Form, lief gleich im ersten Rennen die Norm und feierte in Györ schließlich den bislang größten Erfolg. Dafür gab es im September bereits zum zweiten Mal die Auszeichnung zum Berliner Nachwuchssportler des Monats.

„Ich laufe eher instinktiv“

Nach ihrem EM-Sieg gewann sie auch bei den deutschen Jugendmeisterschaften. „Wenn ein wichtiges Rennen ansteht, explodiert Gisèle immer förmlich“, sagt Christina Scheibe, ihre Trainerin beim SV Bau-Union. „Sie braucht diese Atmosphäre, um richtig abzugehen.“ Nervosität ist bei ihr kaum zu spüren, selbst wenn wie bei der WM im vergangenen Jahr 50.000 Zuschauer im Stadion sind.

Wie kaum eine andere beherrscht sie es, die Anspannung in solchen Momenten in positive Energie umzuwandeln. „Ich versuche, den Kopf auszuschalten und einfach zu laufen“, meint Gisèle. Während andere Athleten zwischen den Hürden die Schritte zählen, um den Rhythmus zu halten, nimmt sie es, wie es kommt. „Ich laufe eher instinktiv“, so die 17-Jährige.

Die 400 Meter Hürden gelten als eine der anspruchsvollsten Disziplinen der Leichtathletik. Doch Gisèle Wender hat sich bewusst dafür entschieden: „Ich habe eine gute Ausdauer und eine gute Hürdentechnik, da lag das irgendwie nah“, sagt sie.

Großes Ziel sind die Olympischen Spiele

Im Erwachsenenbereich ist das Niveau in Deutschland momentan nicht allzu hoch, so dass Talente schnell vordringen können. Bereits im kommenden Jahr, wenn sie in die U20-Klasse aufrückt, will sich die Berlinerin vermehrt der älteren Konkurrenz stellen. „Wenn ich gesund bleibe, ist in Zukunft einiges drin. Am Limit bin ich jedenfalls noch nicht“, sagt sie. Auch der EM-Lauf sei keinesfalls perfekt gewesen.

Ihr großes Ziel ist die Teilnahme an Olympischen Spielen. Einen Vorgeschmack gibt es im Oktober bei den Jugend-Spielen in Buenos Aires. Die Saison ist also noch nicht vorbei, und vielleicht sogar von Vorteil, dass sie aufgrund der Verletzung erst so spät einsteigen konnte. „So habe ich noch genug Kraft für einen weiteren Höhepunkt“, sagt sie. Und vielleicht darf ihr Großvater ja bald noch mal gratulieren.

Jeden zweiten Dienstag im Monat stellen wir Berlins Nachwuchssportler des Monats vor. Alles zur Wahl und Stimmabgabe unter www.morgenpost.de/nachwuchssportler

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