Berliner Champions

Bei Emilia Lehmeyer geht alles nach Plan

Geherin Emilia Lehmeyer ist deutsche Meisterin über 20 Kilometer. Die Zweifel an ihrer Disziplin kann sie jedoch nicht nachvollziehen.

Geherin Emilia Lehmeyer hat die EM 2018 in Berlin im Blick

Geherin Emilia Lehmeyer hat die EM 2018 in Berlin im Blick

Foto: Massimo Rodari

Berlin.  Wenn Emilia Lehmeyer gefragt wird, welchen Sport sie macht, dann antwortet sie häufig: „Das, was so ein bisschen komisch aussieht.“ Die 20-Jährige ist Geherin – das charakteristische Hüftwackeln, mit dem sich die Sportler in dieser Disziplin fortbewegen, wirkt auf viele Betrachter erst einmal ungewohnt. Ein Bein muss immer auf dem Boden, das vordere zudem beim Aufsetzen stets gestreckt sein: So steht es in den Regeln.

Gehen sei eigentlich gesünder als Laufen, weil die Knie weniger belastet werden, erklärt Emilia Lehmeyer – trotzdem könnten viele mit der Sportart nichts anfangen. Genau das fasziniert sie daran. „Gehen macht nicht jeder, das finde ich reizvoll“, sagt sie. „Wenn ich trainiere, spüre ich, wie mir die Leute hinterherschauen.“

Bereits als Zehnjährige hatte Lehmeyer beim Polizei SV Gefallen an der exotischen Leichtathletik-Disziplin gefunden. Sie erinnert sich noch gut an ihre ersten Gehversuche: „Am Anfang schaut man eigentlich nur nach unten auf seine Füße, nach ein paar Monaten hat man die Bewegung dann aber automatisiert.“

Schnellste Kilometer in rund vier Minuten

Doch je länger ein Rennen dauert, desto schwieriger wird es auch für die Profis, sauber und regelgerecht zu gehen. „Da muss man sich richtig konzentrieren, das ist auch mental sehr anstrengend“, sagt Lehmeyer. Trotzdem schafft sie im Wettkampf die schnellsten Kilometer in rund vier Minuten und ist damit flotter als viele Hobbyläufer. „Laufen kann jeder. Beim Gehen kommt noch die technische Komponente dazu“, meint die junge Sportlerin aus Marienfelde.

Ihre Strecke sind die 20 Kilometer, ihr Rekord liegt bei 1:34:24 Stunden, aufgestellt bei der diesjährigen U23-Europameisterschaft in Polen. Sie ist zudem amtierende deutsche Meisterin über 20 Kilometer. Erst im vergangenen Oktober war Lehmeyer von den zehn Kilometern auf die doppelt so lange Distanz gewechselt – seitdem hat sie ihre Bestzeit schon vier Mal verbessern können.

Trainingsumfang und -intensität sind seither deutlich gestiegen, allerdings geht die Berlinerin im Vergleich zu anderen Athleten immer noch relativ wenig. Stattdessen läuft sie viel, macht Geräteturnen, Step-Aerobic oder fährt Fahrrad, was Bundestrainer Ronald Weigel – einst selbst ein Weltklasseathlet – bereits zu der Bemerkung verleitete, sie könnte noch deutlich besser sein, wenn sie erst einmal anfangen würde, professionell zu trainieren.

Bei Teamkollegen sorgt sie für weiche Waden

Emilia Lehmeyer hat sich bewusst so entschieden. „Ich habe gemerkt, dass ich diesen Ausgleich brauche.“ Sie singt im Chor ihrer Kirchengemeinde, leitet dort die Ministrantengruppe, zudem will sie ihr Studium in Regelstudienzeit durchziehen, um etwas in der Hand zu haben – „das ist gerade als Geherin sehr wichtig“, sagt sie. Sie studiert Physiotherapie, ist jetzt im fünften Semester. Im Trainingslager sorgt sie bei den Teamkollegen für weiche Waden und hat sich damit quasi schon unersetzlich gemacht.

Für ihre Disziplin gilt das nicht. Zwar konnten die Geher zuletzt die Pläne des Leichtathletik-Weltverbands IAAF, die 50 Kilometer der Männer ab 2019 aus dem Programm der Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele zu streichen, erfolgreich abwehren. Doch die Debatte ist damit noch lange nicht vom Tisch.

Die Zukunft des Gehens bleibt ungewiss. Gerade jetzt, wo Emilia Lehmeyer gut genug wäre, um auch international mitzumischen, droht ihrer Disziplin also womöglich das Aus – oder zumindest gravierende Regeländerungen. „Ich finde die ganze Diskussion abartig“, sagt sie. Kritiker verweisen auf die zahlreichen Dopingfälle im Gehsport, doch dieses Argument lässt Lehmeyer nicht gelten: „Das gilt für die 100 Meter genauso, und die würde auch niemand abschaffen.“ Auch die Länge des Wettkampfs rechtfertige allein noch keine Streichung, schließlich würden auch Marathonläufe in voller Länge übertragen.

Sensoren im Schuh würden für mehr Transparenz sorgen

Regeländerungen könnten das Gehen jedoch attraktiver machen. Ideen gibt es dafür einige: die Einführung einer Zeitstrafe (Pit-Stop) anstatt einer Disqualifikation; oder spezielle Sensoren in den Schuhen, die anzeigen, wenn beide Beine in der Luft sind und Disqualifikationen damit leichter nachvollziehbar machen.

Emilia Lehmeyer weiß noch nicht so recht, was sie davon halten soll. Bislang lautet die Regel, dass eine Flugphase mit dem menschlichen Auge nicht mehr zu erkennen sein darf. Sollten die Kampfrichter künftig tatsächlich elektronische Hilfsmittel einsetzen dürfen, dann könnte dies dazu führen, dass die Rennen langsamer werden, weil selbst kleinste Verstöße geahndet würden. „Und das wäre dann auch nicht unbedingt attraktiver“, sagt die 20-Jährige.

Zumal sie eigentlich hofft, sich weiter verbessern zu können. Ihr nächstes Ziel ist die Europameisterschaft 2018 in ihrer Heimat Berlin. „Das ist mein großer Traum“, sagt Lehmeyer. Als die Geher-Gemeinde kürzlich mit dem Reisebus zu den Weltmeisterschaften nach London fuhr, da war sie nicht dabei, sondern im Urlaub. Zur EM in der eigenen Stadt könnte sie dann im nächsten Jahr mit dem gelben BVG-Bus anreisen.