Berliner Champions

Mit dem Skateboard nach Tokio

Caroline Dynybil freut sich auf die olympische Skateboard-Premiere 2020 in Japan. Die Branche kann sich damit nur schwer anfreunden.

Caroline Dynybil zählt zu den besten Skateboarderinnen Deutschlands

Caroline Dynybil zählt zu den besten Skateboarderinnen Deutschlands

Foto: David Heerde

Berlin.  Am Anfang war es bloß eine Schwärmerei unter Teenagern. Weil Caroline Dynybil in den besten Kumpel ihres Bruders verliebt und weil dieser zufällig Skateboarder war, fing die damals Neunjährige auf ihrem kleinen bayerischen Dorf selbst mit dem Skateboarden an. Sie konnte damals noch nicht ahnen, dass sie der Versuch, ihren Liebling zu beeindrucken, eines Tages womöglich zu den Olympischen Spielen bringen könnte. 2020 in Tokio wird die Sportart erstmals olympisch. Dann zählt Caroline Dynybil als eine von Deutschlands besten Skateboarderinnen zu den Anwärtern auf ein Ticket nach Japan.

Ihre Disziplin ist das Streetskaten. Dabei werden diverse Tricks an Hindernissen wie Mauern, Treppen, Geländern und Rampen durchgeführt. Daneben gibt es das Park Skateboarding, bei dem die Fahrer in einer Art Halfpipe ihre Sprünge präsentieren. Für Außenstehende mutet das auf den ersten Blick spektakulärer an, dafür sind beim Streetskaten andere Qualitäten gefragt. „Es ist viel technischer und die Tricks sind deutlich komplizierter. Da ist viel mehr Präzision gefragt“, erklärt Caroline Dynybil, die inzwischen in Prenzlauer Berg zu Hause ist.

Die 26-Jährige vom 1. Berliner Skateboard-Verein kann es kaum erwarten, ihr Können auf der größten Bühne des Sports zu zeigen. „Der Gedanke, vielleicht bald bei Olympia dabei zu sein, ist überwältigend“, sagt sie. Diese Vorfreude teilen allerdings längst nicht alle in der Szene. Viele haben Sorge, dass die Skater mit einer Olympiateilnahme ihre Seele verkaufen. Skateboarding war immer schon mehr gewesen als bloß ein Sport: ein individualisierter Lebensausdruck, eine Subkultur – und somit aus Sicht der Kritiker kaum kompatibel mit Olympia mit all seinen Regeln und Vorgaben.

Die Sportart ist mehr als nur Zeitvertreib

Hans-Jürgen Kuhn von der Sportkommission Skateboard im Deutschen Rollsport- und Inlineverband nannte es im Sportausschuss des Bundestags kürzlich eine „Top-Down Entscheidung“ des Internationalen Olympischen Komitees, das Skateboard olympisch wird. Das IOC wolle damit das Image der Sommerspiele aufwerten. Kuhn warnte vor einer Spaltung der Skaterszene: Einige der Topathleten seien bereit, sich den olympischen Regeln zu unterwerfen, andere nicht. Besonders das Thema Anti-Doping wird heiß diskutiert. Schließlich ist gelegentliches Kiffen in der Szene durchaus verbreitet – Marihuana steht aber auf der Dopingliste.

Caroline Dynybil hat sich entschieden. „Olympia ist unsere große Chance, künftig noch stärker als Sportart und nicht nur als ein Zeitvertreib wahrgenommen zu werden“, sagt sie. Allerdings war auch sie nicht sofort Feuer und Flamme gewesen. Zwischenzeitilich hatte sie kaum noch Wettkämpfe absolviert und stattdessen vor allem Skatevideos produziert. „Ich wollte etwas Eigenes hinterlassen“, sagt sie. Die meisten Wettkampfresultate würden schnell wieder in Vergessenheit geraten, dagegen werde ein gut gemachtes Video im Internet auch Jahre später noch gern geklickt. „Ich wollte kreativ sein“, so Dynybil. Skaten sei immer auch Kunst, „es ist ein performatives Kunstwerk“, sagt sie.

Die Berlinerin weiß, wovon sie spricht – sie studiert Kunst- und Bildgeschichte und ist gelegentlich auch selbst als Malerin tätig. „Nach der Olympiaentscheidung des IOC habe ich dafür aber kaum noch Zeit“, sagt sie. Seitdem startet sie wieder häufiger bei Wettkämpfen. Beim Weltcup in Vigo in Spanien erreichte sie zuletzt Platz acht, beim internationalen Frauen-Contest „Suck my Trucks“ in Berlin wurde sie im August sogar schon Sechste.

Es fehlt an geeigneten Trainingsstätten in Berlin

Für die Spiele in Tokio qualifizieren sich von jedem Kontinent pro Geschlecht und Disziplin die vier besten Sportler. „Ich kann das schaffen“, sagt Dynybil. Allerdings müsse sie dafür noch stabiler werden. Wenn es beim Filmdreh nicht auf Anhieb klappt, wird die Szene eben noch einmal gedreht.

Im Wettkampf dagegen müssen die Tricks gleich beim ersten Mal sitzen. Dafür trainiert sie jeden Tag. Gerade im Winter fehlt es in Berlin jedoch an geeigneten Trainingsstätten. Lediglich zwei Skaterhallen existieren in der Stadt – und die sind oft entsprechend voll.

Caroline Dynybil fliegt deshalb in der kalten Jahreszeit oft nach Spanien und hofft ansonsten jedes Jahr, „dass der Winter nicht allzu lang wird“. Bei gutem Wetter bietet Berlin nämlich durchaus einige gute Skater-Spots. Dynybils Lieblingsort liegt rund um das Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten im Volkspark Friedrichshain. Dort kann sie alles andere um sie herum vergessen. „Man muss immer voll konzentriert bei der Sache sein, ansonsten fliegt man auch ganz schnell mal auf die Nase“, sagt sie. „Der Kopf wird frei von allen anderen Dingen. Da hat Skaten durchaus etwas Meditatives.“