Ringen

Gehobene Mattematik

Das Ziel von Debora Lawnitzak heißt Olympia 2020. Die Trainerin der Ringerin heißt Tabea Lawnitzak und ist ihre Zwillingsschwester

Die Ringerinnen Debora(blau) und Tabea Lawnitzak

Die Ringerinnen Debora(blau) und Tabea Lawnitzak

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Sie sind Geschwister. Aber sie waren auch Rivalinnen, von denen jede immer die Beste sein wollte. „Wenn wir gegeneinander gekämpft haben, dann ist es oft eskaliert“, sagt Ringerin Debora Lawnitzak über die Zeiten, in denen ihre Schwester Tabea und sie um die sportliche Vorherrschaft in der Familie stritten. Debora nahm sogar extra sechs Kilo ab, damit sie in eine andere Gewichtsklasse wechseln und Tabea damit aus dem Weg gehen konnte.

Seitdem hat sich ihr Verhältnis verändert. Tabea hat sich mittlerweile aus dem Leistungssport verabschiedet, wenngleich sie immer noch bei deutschen Juniorenmeisterschaften antritt und dort in diesem Jahr sogar noch einmal Silber gewann. In erster Linie unterstützt sie nun ihre Zwillingsschwester auf dem weiteren Weg nach oben. „Sie hilft mir dabei, noch besser zu werden“, sagt Debora Lawnitzak. Tabea hat sich längst mit ihrer neuen Rolle angefreundet: „Ich bin stolz auf meine Schwester. Wenn sie gewinnt, dann ist das auch ein Sieg für mich.“

Erst Karate, dann Judo: Sie war ein richtiger Raufbold

Debora Lawnitzak ist eines der größten deutschen Talente im Ringen. Dreimal war die 18-Jährige aus Hohenschönhausen bislang Juniorenmeisterin. Auch bei den Frauen stand sie schon mehrfach auf dem Treppchen. Bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2016 in Frankreich erreichte sie einen ausgezeichneten fünften Platz. Aktuell bereitet Debora Lawnitzak sich gerade auf die Europameisterschaften im Nachwuchsbereich Ende Juni in Dortmund vor.

Doch der Blick ist schon jetzt auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio gerichtet. „Das ist mein großer Traum“, sagt sie. Allerdings gibt es in ihrer Gewichtsklasse bis 59 Kilogramm mit Olympiastarterin Luisa Niemesch und der EM-Dritten Laura Mertens starke nationale Konkurrenz. „An diesen beiden muss ich erst einmal vorbeikommen“, sagt Debora Lawnitzak. Ihre Schwester Tabea ist überzeugt, dass sie das schaffen kann: „Debora arbeitet sehr hart, sie will immer besser werden.“ Allerdings habe sie vor allem gegen internationale Gegner oft noch zu viel Respekt. Tabea glaubt: „Sie könnte noch viel besser sein, wenn sie einfach mal ihren Kopf ausschaltet und im Wettkampf das zeigt, was sie im Training kann.“

Der griechisch-römische Stil, bei dem nur Griffe oberhalb der Gürtellinie erlaubt sind, ist beim Ringen den Männern vorbehalten. Frauen kämpfen ausschließlich in der Freistilvariante, bei der auch Angriffe mit den eigenen Beinen und gegen die Beine des Gegners gestattet sind. Debora Lawnitzak nutzt diese Freiheiten allerdings nur selten, denn ihre Stärke auf der Ringermatte sind eher die Würfe. „Wahrscheinlich ein Überbleibsel aus Judo-Tagen“, sagt sie. Vier Jahre lang trainierte sie Judo, davor mit Karate eine weitere Kampfsportart: „Als Kind war ich ein ziemlicher Raufbold.“

Mädchen außerhalb jeder Schablone

Mit zehn Jahren fing sie beim SV Luftfahrt mit dem Ringen an, gemeinsam mit Tabea. Der Verein aus Baumschulenweg fördert das Frauen- und Mädchenringen seit vielen Jahren, sucht in Schulen gezielt nach Nachwuchs. Das alljährliche Internationale Frauen- und Mädchenringturnier ist das größte seiner Art in Deutschland.

„Wir sind sehr stolz auf unseren Verein“, sagt Debora Lawnitzak. Deshalb blieben die Schwestern dem SV Luftfahrt auch dann noch treu, als sie 2011 an das Leistungszentrum in Frankfurt (Oder) wechselten. Dort besuchen sie seither die Sportschule und haben die Möglichkeit, zweimal täglich auf die Matte zu gehen. „Die Bedingungen in Frankfurt sind einfach optimal“, sagt Debora. Sie wird deshalb vermutlich auch nach dem Abitur im nächsten Jahr dort bleiben.

Der SV Luftfahrt ist nicht der einzige Verein mit Faible für das Frauenringen. Filmemacherin Anna Koch produzierte vergangenes Jahr einen Dokumentarfilm („Schultersieg“) über vier junge Ringerinnen vom Frankfurter Sportinternat. „Wir waren fasziniert von starken Mädchen, die außerhalb von Schablonen liegen. Die nicht stark sind, weil sie sind wie Männer oder weil sie dargestellt sind wie Superheldinnen, sondern die einfach aus sich heraus Stärke entwickeln und etwas Widersprüchliches machen zu dem Mädchenbild, das man hat“, beschrieb die Regisseurin im RBB-Magazin „Stilbruch“ ihre Beweggründe für den Film.

Ein Filmteam hat sie fünf Jahre lang begleitet

Eine dieser Ringerinnen war Debora Lawnitzak. Fünf Jahre begleitete sie das Filmteam auf ihrem Weg, selbst bei der Jugendweihe war die Kamera ganz nah dran. „Das war manchmal anstrengend, aber es hat sich gelohnt: Es ist ein toller Film geworden“, sagt sie. Als sie sich das erste Mal auf der großen Leinwand sah, brach sie in Tränen aus, genau wie Tabea. In diesem Moment war alle Rivalität vergessen.

Die Morgenpost berichtet in ihrer Serie regelmäßig über erfolgreiche Berliner Sportler, die ins Rampenlicht drängen

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