Sportpolitik

Klaus Böger: „Kultur ist die Raupe Nimmersatt“

Klaus Böger fordert als Landessportbund-Chef eine maßvollere Verteilung der Fördergelder vom neuen Senat und greift die Kultur an.

Klaus Böger im Garten des Landessportbundes in Berlin vor dem Olympiastadion. Der ehemalige Bildungssenator ist seit 2009 LSB-Präsident

Klaus Böger im Garten des Landessportbundes in Berlin vor dem Olympiastadion. Der ehemalige Bildungssenator ist seit 2009 LSB-Präsident

Foto: dpa Picture-Alliance / Bernd von Jutrczenka / picture alliance / dpa

Berlin.  Seit sieben Jahren ist Klaus Böger (71) ehrenamtlicher Präsident des Landessportbundes Berlin (LSB). Von 1999 bis 2006 war er Senator für Bildung, Jugend und Sport, von 1994 bis 1999 Vorsitzender der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

Herr Böger, zurzeit verhandeln SPD, Linke und Grüne über einen Koalitionsvertrag. Wird dort heftig über den Sport in Berlin diskutiert?

Klaus Böger: Sicher nicht, es gibt da einen Grundkonsens. Das Problem in der vergangenen Legislaturperiode lag aber auch nicht im Koalitionsvertrag, sondern darin, dass er nicht erfüllt wurde. Das Wichtigste für das Kulturgut Sport ist, dass wir als LSB eine stabile Förderzusage bekommen über eine Legislaturperiode. Die gibt es in allen Bundesländern, nur in Berlin nicht. Wir kriegen die Lottomittel ...

... die sinken ...

... genau. Und wir kriegen immer noch einen Zuschuss. Bezugspunkt für die Berechnung ist dabei allerdings das Jahr 2008. Inzwischen haben wir viel mehr Mitglieder, wir hatten Tarifsteigerungen. Also die Fördervereinbarung muss endlich kommen.

„In Reinickendorf wurden die Hallen gut gepflegt. Da regiert die CDU“

Glauben Sie, es wird mit Rot-Rot-Grün besser als mit Rot-Schwarz?

Verbal sind eigentlich alle dem Sport zugeneigt. Wie stark der Sport dann am Ende in den Bezirken ist, hängt von der Umsetzung ab. Ein Beispiel: In Reinickendorf ist der Sport beim Bezirksbürgermeister untergebracht. Dort wurde in der vergangenen Legislaturperiode alles Geld für den Sport auch ausgegeben, das da war. Die Hallen wurden gut gepflegt. Dort regiert die CDU. In Kreuzberg dagegen darfst du Sport gar nicht aussprechen, sonst bekommst du schon Probleme. Es ist für mich auch nicht wichtig, in welchem Senatsressort der Sport am Ende landet. Entscheidend ist, dass der- oder diejenige, die davor sitzt, engagiert eintritt für den Sport.

Der LSB hat 630.000 Mitglieder in Berlin, ist die mit Abstand größte Personenvereinigung. Warum werden Sie so wenig gehört und unterstützt?

Der Sport ist sehr organisationsfähig, aber zu wenig konfliktfähig. Sportler sind nicht diejenigen, die zuerst auf der Straße stehen und protestieren.

Vielleicht sollten Sie das tun?

Da gebe ich Ihnen Recht. Man muss vielleicht mal Kante zeigen.

Bevor es zu Massen-Demos kommt: Was wünschen Sie sich denn von der Politik?

Die Vereine sind das Rückgrat der Stadtgesellschaft. Hier wird sozialer Zusammenhalt trainiert und vorgelebt. Das muss unterstützt werden mit einer stabilen finanziellen Grundförderung. Wir brauchen pro Jahr zehn Millionen Euro, bekommen aber nur 9,2 Millionen. Ich hoffe, der neue Senat erkennt: Eine wachsende Stadt braucht auch eine wachsende Sport-Infrastruktur. Das heißt, der vorhandene Bestand muss saniert, neue Sportanlagen müssen gebaut werden. Kindern und Jugendlichen Sportmöglichkeiten zu bieten, ist genauso eine Herausforderung für die Politik wie genügend Wohnungen zu schaffen. Es ist schlimm, dass in einer Stadt wie Berlin Kinder Sport treiben wollen, aber abgewiesen werden, weil keine Sportstätten da sind. Genau das ist der Fall. Sogar in der Premiumsportart Fußball.

Ihre Forderungen klingen nicht übertrieben anspruchsvoll, eher nachvollziehbar. Sind andere Ressorts genauso bescheiden?

Wenn wir solche Steigerungsraten hätten wie die Kultur, würden wir kein Wort mehr sagen (lacht). Die Kultur ist wie die Raupe Nimmersatt, einfach unersättlich. Die erzählen zum Beispiel von der City Tax, dass sie die für die Kunst allein haben wollen. Das ist eine Unverschämtheit. Es gibt eine Aufteilung, dass auch ein Teil in den Sport fließt. Anderes Beispiel: Ich predige meinen Leuten, Lotto zu spielen, weil ein Teil ihres Geldes dann an den Sport geht. Ich habe noch nie gehört, dass ein Kultur-Mensch Lotto gedankt hätte. In vielen Berliner Museen würden Sie nur noch weiße Wände sehen, wenn Sie alles abhängen, was aus Lottomitteln finanziert worden ist.

„Die E-Mail von Tim Renner ist eine Posse“

Kultur-Staatssekretär Tim Renner hat aber mit seiner versehentlich in die Öffentlichkeit gekommenen E-Mail noch ein bisschen mehr Unterstützung gewünscht ...

... das ist eine Posse. Ich glaube, da hat er 500.000 Euro gefordert für ein Projekt mit Flüchtlingen, das macht sich ja immer gut, am Tempelhofer Feld mit der Volksbühne. Ich stelle 40.000 Euro bereit seit drei, vier Monaten, damit wir dort Sportangebote machen können. Da wird man doch irre, wenn man von solchen Summen hört. Wollen wir uns mal darüber unterhalten: Wo können Sie Menschen, die kaum die Sprache beherrschen, kaum Ausbildung haben, kaum sozialen Rückhalt haben, leichter mitbekommen als mit Sport? Etwa mit einem differenzierten Kulturprogramm, das einmal in „Aspekte“ läuft und wo drei ausgebildete Syrer sagen, das sei aber toll gewesen? Das wird maßlos überschätzt. Was die Integration im Alltag bedeutet – da kann der Sport, der auch Verhalten prägt und Sprache fördert, viel mehr bewirken. Vielleicht muss man dem Sport am Ende falsche Bescheidenheit vorwerfen.

Die Flüchtlinge haben den Sport in Berlin ohnehin ziemlich in Atem gehalten. Wann bekommen Sie Ihre Sporthallen zurück?

Vor gut einem Jahr sind wegen des Zustroms Hallen belegt worden. Nicht schön für den Sport, aber unter dem Druck der Verhältnisse vermutlich notwendig. Wie hat der Sport reagiert? Wir haben Angebote für Flüchtlinge gemacht. Haben das ein Jahr durchgehalten mit schweren Einschränkungen für die Vereine. Im Mai hat der Senat verkündet, Ende des Jahres würden alle Hallen dem Sport wieder zur Verfügung stehen. Daran glaube ich nicht. Staatssekretär Statzkowski sagt, für das Turnfest 2017 werde auch das Korber-Sportzentrum bereit sein. Das Turnfest findet um Pfingsten statt. Da frage ich: Wie kommt einer nur auf die Idee, so etwas zu sagen? Wir haben noch keinen Bescheid für die Zusage der Sanierungskosten. Wenn er kommt, wird er sicher zu niedrig sein. Wir brauchen 3,7 Millionen Euro. Wenn er da ist, müssen Sie die Arbeiten ausschreiben...

...wie immer mit öffentlichen Geldern...

...dann müssen Sie erst mal eine Firma finden, die Ihnen den Hallenboden saniert. Solch eine Firma schütteln Sie nicht aus dem Ärmel, die sind hoch nachgefragt. Das geht nicht so schnell.

„Stand jetzt sind von 63 Sporthallen 20 freigezogen von Flüchtlingen“

Wie viele Hallen sind aktuell wieder frei?

Stand jetzt sind von 63 Sporthallen 20 freigezogen von Flüchtlingen. Saniert ist keine, Sanierungsaufträge gestellt sind zwei. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, werden, aber nur wenn es gut läuft, die Hallen zu Beginn der Saison 2017/18 wieder in Betrieb sein.

So pessimistisch? Warum?

Weil alles unnötigerweise so lange dauert. Was mich am meisten nervt in Berlin: Wenn die Politik eine Entscheidung gefällt hat, können wir noch lange nicht starten. Da verschwindet die Umsetzung in einem Bermudadreieck zwischen Sportverwaltung, Sozialverwaltung, Finanzverwaltung, Bezirksverwaltung. Das ist ein Erzübel in Berlin.

Was können die Vereine tun?

Für die hat das natürlich Konsequenzen. Ein Beispiel: Die Karower Dachse haben erhebliche Mitgliederverluste und prüfen jetzt, eine Umlage zu machen, um Ersatzflächen zu mieten. Denn bevor dafür Geld fließt, fordert der Senat einen Nachweis der Wirtschaftlichkeit. Der Verein kommt dann natürlich ins Rotieren. Soll er jetzt aus Rücklagen eine Halle mieten als Ersatz für die Halle, die von den Flüchtlingen belegt ist? Das ist das Gegenteil von dem, was von der Politik versprochen wurde. Das schafft viel Unmut.

Bei so viel Unmut und dem Imageverlust des Spitzensports, warum steigen die Mitgliederzahlen trotzdem Jahr für Jahr?

In vielen Bereichen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass sportliche Bewegung absolut wichtig für das Leben ist, für Kinder und Jugendliche besonders. Diese Begeisterung kriegen Sie auch nicht kaputt durch Computerspiele oder Doping, Olympia-Ablehnung, Blatter und die Geschäftemacherei. Eine andere Frage ist, ob Eltern noch ihre Kinder unterstützen mögen auf dem Weg zum Leistungssport.

Apropos Olympia: Trauern Sie noch, dass die Spiele erst an Berlin und dann auch an ganz Deutschland vorbeigezogen sind?

Ich bereue nicht, dass und wie ich mich für die Olympia-Bewerbung Berlins engagiert habe. Aber nach dem, was sich in diesem Jahr vor Rio und in Rio in Sachen Doping abgespielt hat rund um das IOC mit seinem Präsidenten Thomas Bach, sehe ich kein Motiv und keinen Ansatz mehr, für Olympia in Deutschland zu werben. Da müssen erst grundlegende Fragen geklärt werden, so geht das nicht. Das waren Tiefschläge gegen das, was in der olympischen Charta steht. Wenn man erlebt, dass ein hochehrwürdiger Mann wie Hans Wilhelm Gäb (80/ehemaliger Opel-Chef und hochrangiger deutscher Sportfunktionär, d.Red.) seinen olympischen Orden zurückgibt, daran kann man erkennen, welche Art von Erschütterung eingetreten ist bei wirklich großartigen Leuten, die Sport gelebt haben. In Deutschland sind Olympische Spiele gegenwärtig kein großartiges Thema.