Stadionfest

Istaf verbreitet einen Hauch von Rio im Olympiastadion

Beim Istaf starten sieben Olympiasieger und neun Europameister. Diskus-Star Christoph Harting ist krank und muss seine Teilnahme absagen.

Tianna Bartoletta ist eine von sieben Olympiasiegern, die beim Istaf an den Start gehen

Tianna Bartoletta ist eine von sieben Olympiasiegern, die beim Istaf an den Start gehen

Foto: Ennio Leanza / dpa

Berlin.  Die Goldmedaille war ein schönes Mitbringsel, die damit verbundenen Prämien und Sponsorenverträge ein willkommener Bonus, doch am meisten freute sich Weitspringerin Tianna Bartoletta nach ihrem Olympiasieg in Rio de Janeiro auf die Pizza, mit der sie ihren Erfolg feierte. Pizza ist das Leibgericht der Amerikanerin, auf das sie trotz Leistungssport nur ungern verzichtet. Vielleicht haben ihr die Veranstalter des Istaf ja ein besonders großes Exemplar versprochen, damit sie an diesem Sonnabend im Olympiastadion (ab 15.05 Uhr) an den Start geht. Bartoletta ist eine von sieben Goldmedaillengewinnern der kürzlich zu Ende gegangenen Olympischen Spiele, die in Berlin dabei sind, dazu kommen neun amtierende Europameister, darunter alle fünf deutschen EM-Gewinner. „Das verspricht tollen Sport“, sagt Meetingdirektor Martin Seeber. „Wir bieten den Zuschauern 16 spannende und hochkarätig besetzte Disziplinen.“ Bis Freitag waren 45.000 Karten für das Istaf abgesetzt.

Zehn Jahre liegen zwischen den beiden WM-Titeln

Das gilt insbesondere für den Weitsprung, wo mit Melanie Bauschke (LAC Olympia 88) auch eine Springerin aus Berlin am Start sein wird. Gleich drei Athletinnen können eine Bestleistung über sieben Meter vorweisen, allen voran Tianna Bartoletta, die bei ihrem Olympiasieg 7,17 Meter gesprungen war. Dabei ist es noch gar nicht allzu lange her, dass die 31-Jährige noch nicht einmal mehr die Sechs-Meter-Marke packte. Nach ihrem ersten WM-Titel 2005, damals noch unter ihrem Mädchennamen Tianna Madison, hatte sie immer mehr abgebaut, bis sie 2009 zeitweise ganz mit dem Weitsprung aufhörte. „Ich war übergewichtig und habe nicht mehr richtig trainiert. Es war mir echt peinlich, wie ich als ehemalige Weltmeisterin nicht mehr mithalten konnte“, erzählt sie. Sie konzentrierte sich auf den Sprint, nebenbei war sie außerdem als Bob-Anschieberin im Team USA aktiv. Auf dem Eis reaktivierte sie ihren schnellen Absprung, kehrte zurück – und wurde 2015 zum zweiten Mal Weltmeisterin, zehn Jahre nach ihrem ersten Titel. Nur eine andere Leichtathletin hat es bislang geschafft, nach einem solch langen Zeitraum noch einmal Gold zu gewinnen: Heike Drechsler, eine Weitspringerin.

Bei den Spielen überließ Bartoletta nichts dem Zufall. Minutengenau plante sie ihren Tag, für die Taxifahrer hatte sie laminierte Kärtchen mit der Route vorbereitet. „So hat sie den Kopf frei und kann sich ganz auf den Sport konzentrieren“, erklärt ihr Ehemann John, der zugleich ihr Manager ist. Das Prinzip zahlte sich aus: Außer im Weitsprung gewann Bartoletta auch mit der 4x100-Meter-Staffel die Goldmedaille.

Für Stabhochspringer Thiago Braz da Silva ist die Reise zum 75. Stadionfest, das zum Jubiläum erstmals seit 1970 wieder bis in den Abend unter Flutlicht stattfindet, bereits seine zweite nach Berlin in diesem Jahr. Als der Brasilianer im Februar beim Istaf Indoor in der Mercedes-Benz Arena den Sieg davontrug, da war das noch eine faustdicke Überraschung gewesen. Nun kommt er als Favorit, nachdem er sich vor zwei Wochen in Rio zum Olympiasieger gekrönt hatte und dort mit 6,03 Metern als neunter Mensch über sechs Meter gesprungen war.

Um seinen Erfolg hatte es im Nachgang jedoch heftige Diskussionen gegeben, nachdem das brasilianische Publikum seinen Kontrahenten Renaud Lavillenie aus Frankreich während des Wettkampfs und später auch bei der Siegerehrung gnadenlos ausgepfiffen hatte. Braz da Silva verstand es selbst nicht und bemühte sich noch im Stadion darum, Lavillenie zu trösten, doch Freunde werden beide nach den unsportlichen Vorfällen wohl nicht mehr werden: Beim Diamond-League-Meeting in Zürich am Donnerstag würdigten sie sich keines Blickes. Lavillenie wird in Berlin nicht springen, hier sind stattdessen der Olympia-Dritte Sam Kendricks (USA) und Europameister Robert Sobera (Polen) die schärfsten Konkurrenten.

Ein fiebriger Infekt verhindert das Bruder-Duell im Diskus

Genau wie der Brasilianer hat auch 800-Meter-Läufer David Rudisha gute Erinnerungen an Berlin. 2010 war der Kenianer im Olympiastadion in 1:41,09 Minuten Weltrekord gelaufen, einen von 16 in der Geschichte des Istaf, den er selbst seitdem allerdings noch zwei Mal verbessern konnte. Auch Rudisha reist als Olympiasieger an, nachdem er in Rio seinen Titel von London 2012 erfolgreich verteidigen konnte. Sportlich ist der 27-Jährige längst ein Weltstar der Leichtathletik, trotzdem bekommt er bei weitem nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie beispielsweise Sprinter Usain Bolt (Jamaika), mit dem er privat gut befreundet ist. Bolt und er seien „Brüder von verschiedenen Müttern“, hat der Kenianer einmal gesagt – allerdings mit grundverschiedenen Charakteren. Denn während Bolt sich extrovertiert gibt und als Showmaster seinesgleichen sucht, ist Rudisha eher ein ruhiger Typ. Wenn er einmal etwas twittert, dann ist es ein höfliches Dankeschön an die Flugcrew, die ihn sicher nach Rio gebracht hat.

Auch beim Istaf wird David Rudisha wieder vor allem Leistung sprechen lassen wollen, die großen Worte überlässt er anderen. Sein Verhalten erinnert an das von Diskuswerfer Christoph Harting (SCC Berlin), der schon die ganze Saison über auf Interviews verzichtet und auch nach seinem Olympiasieg nicht viel zu sagen hatte. Beim Istaf sollte er eigentlich gegen seinen älteren Bruder Robert Harting werfen, das Duell war als einer der Höhepunkte der Veranstaltung vorgesehen. Doch daraus wird nun nichts: Wegen eines fiebrigen Infekts musste Christoph Harting seine Teilnahme am Freitag kurzfristig absagen. Er wird lediglich als Zuschauer im Stadion sein. Seeber: „Das ist eine Absage, die uns wirklich weh tut.“