Berliner Amateurfussball

Gewalt gegen Schiris: „Justin Bieber, was pfeifst Du da?“

Trotz zahlreicher Maßnahmen des Berliner Fußball-Verbandes steigt die Zahl der Gewaltausbrüche im Nachwuchsbereich erheblich.

Jetzt wird es ihm aber zu bunt: Aggressionen gegen den Schiedsrichter kennt man aus den Männer-Ligen. Doch schon im Nachwuchsbereich spielen sich oft erschreckende Szenen ab

Jetzt wird es ihm aber zu bunt: Aggressionen gegen den Schiedsrichter kennt man aus den Männer-Ligen. Doch schon im Nachwuchsbereich spielen sich oft erschreckende Szenen ab

Foto: imago/Picture Point / IMAGO

Berlin.  Die Saison ging dem Ende entgegen. Lange Zeit war es verhältnismäßig ruhig gewesen auf Berlins Amateurplätzen. Dann traf in der Kreisliga der C-Jugend Borussia Pankow auf Union Südost. Es kam zu Pöbeleien, der Schiedsrichter brach ab, Zuschauer und Verantwortliche gerieten aneinander, Polizei rückte an.

Die Mannschaften waren zu diesem Zeitpunkt längst in der Kabine. „Solche Geschehnisse sind beängstigend“, sagt Gerd Liesegang, Vizepräsident beim Berliner Fußball-Verband (BFV). Seit Jahrzehnten engagiert er sich für Fairness und ein gesittetes Miteinander auf dem Fußballplatz.

„Ausraster dieser Art werden wir nie komplett verhindern können“, sagt Liesegang. Er nennt die Zahlen für die abgelaufene Saison: 88 Abbrüche, je 44 im Jugend- und Erwachsenenbereich. Ein Jahr zuvor gab es nur 79 Abbrüche (Junioren 34, Erwachsene 45).

„Zu ehrgeizige Eltern“

Rund 34.000 Partien gehen in Berlin im Laufe einer Saison über die Bühne, 0,0026 Prozent fanden diesmal ein vorzeitiges Ende. Klingt wenig. Aber: „Hinter jedem abgebrochenen Spiel steckt ein Schicksal. Ein Schiedsrichter war so in Angst, dass er die Partie nicht beenden konnte. Das darf nicht sein“, sagt Liesegang.

Sorge bereitet ihm vor allem der Nachwuchsbereich, nicht nur wegen der gestiegenen Zahl an Abbrüchen. „Zu ehrgeizige Eltern“ seien oft das Problem, besonders in den ganz jungen Altersklassen. Nicht selten gepaart mit Übungsleitern, die absolut nicht als Vorbild für die kleinen Fußballer taugen.

„Wilde Sau“ nennt Liesegang das Verhalten einiger. Der BFV bietet einen „Kinder- und Jugendführerschein“ an, als Schnellkurs für Betreuer und Trainer ohne Lizenz im Nachwuchsbereich. Der Haken: Diejenigen, die es am nötigsten haben, nehmen die Angebote des Verbandes nur selten an.

Anti-Gewalt-Seminare und Grillpartys

Liesegang stellt „Wellenbewegungen“ fest. Der BFV kämpft gegen die Probleme, bekommt sie besser in den Griff – bis andere Eltern kommen, die Unruhe reinbringen. „Dann fangen wir bei Null an.“ Er kennt all das seit Langem.

Komplett zu gewinnen ist der Kampf gegen Gewalt und Aggressionen nicht. Von einer Saison ohne Abbrüche träumt Liesegang nicht einmal. 20 wäre eine Zahl, die er als Riesenerfolg werten würde. Dass auch dies kaum realisierbar ist, weiß der 59-Jährige.

„Ihr tut ja nichts“, den Satz kennt Liesegang gut. Dabei macht der Verband viel, investiert mit Hilfe des Senats jährlich eine hohe fünfstellige Summe, unterstützt beispielsweise die Vereine bei Ordnerschulungen, veranstaltet Anti-Gewalt-Seminare oder bezahlt Grillpartys, damit sich Mannschaften nach ihrer Partie auch außerhalb des Platzes kennenlernen.

Ein Spieler von Meteor 06 III noch ein Jahr gesperrt

Wenn alles nichts fruchtet, bleibt das letzte Mittel. Die zweiten Herren von Union Südost etwa wurden im Herbst nach wiederholten Verfehlungen vom Spielbetrieb suspendiert. Eine Sperre bis Ende Juni 2017 wurde gegen einen Akteur von Meteor 06 III verhängt, nachdem die Partie bei TuS Makkabi III ausgeartet war.

Es gibt aber auch Dinge, die Liesegang freuen: Die Anzahl der Meldungen für die Fair-Play-Geste des Monats steigt. Die Zahl der Sportgerichtsverfahren lag in der Vergangenheit meist bei etwa 1000 pro Saison, diesmal sind es 800.

Neben üblen Entgleisungen – oft verbal, manchmal körperlich – hat sich das Gericht auch mit kuriosen Fällen zu beschäftigen. Ein Spieler flog vom Platz, weil er eine Gelbe Karte mit den Worten „Ja, ja“ kommentierte. Woanders sah ein Ersatzspieler Rot, nachdem er „Justin Bieber, was pfeifst du denn da?“ Richtung Schiri-Assistent gerufen hatte.

„Die Situation auf den Plätzen ist in der letzten Saison insgesamt nicht schlechter geworden“, lautet Liesegangs Fazit. Das wäre bereits ein Erfolg.