Alternativ

Deutsche Fußballer können doch noch Europameister werden

In der Bunten Liga treffen sich Spieler, die nicht im Verein sein wollen. Freitag beginnt ihre EM – mit zwei Berliner Teams.

2015 gewann Rotor Zürich bei der Alternativen Europameisterschaft der Fußballer den Titel im Sportforum Hohenschönhausen

2015 gewann Rotor Zürich bei der Alternativen Europameisterschaft der Fußballer den Titel im Sportforum Hohenschönhausen

Foto: Lucius

Berlin.  Die Eröffnungsfeier der Alternativen Europameisterschaft (AEM) in Irland steigt am Freitag um 18 Uhr. Direkt im Anschluss werden die ersten Partien angepfiffen. Dann ist das Berliner Team Bulibären komplett. So jedenfalls der Plan.

Mehrere Spieler müssen vorher noch arbeiten, fliegen erst am Tag selbst nach Dublin und fahren 200 Kilometer quer durch Irland nach Galway. Von Ost nach West. Zeitlichen Puffer gibt es kaum, anders geht es nicht. „Arbeit geht nun einmal vor“, sagt Volkmar Lucius, der die Bulibären betreut.

Vier Wochen dauerte die große EM in Frankreich, mit 51 Spielen, darunter reichlich schwere Kost. Die AEM dauert drei Tage, mit zwölf Teilnehmern aus Irland, der Schweiz und Deutschland. Aus Berlin startet neben den Bulibären auch FC Kickers Pufendorfer. Die Spieler reisen auf eigene Kosten an, Hostels dienen als Unterkünfte. Gewinnen ist schön, jedoch nicht alles. „Auf Leute zugehen, sie kennenlernen, ist mindestens genauso wichtig“, sagt Lucius.

„Wo kicken noch Spaß macht“

In der Schweiz gibt es alternativen Fußball seit Ende der 70er Jahre, in einigen deutschen Städten wie Köln und Aachen ebenfalls schon seit Jahrzehnten. Sie wurden meist von links orientierten Studenten ins Leben gerufen.

Der politische Aspekt spiele keine Rolle mehr, sagt Lucius. Er ist 1. Vorsitzender der Bunten Liga Berlin, die er 2003 mitgegründet hat. Die Bulibären sind deren Auswahlteam. „Wo kicken noch Spaß macht“, wirbt die Bunte Liga Köln im Internet für sich. „Alternativer Fußball für Berlin“, heißt es in der Hauptstadt.

Gemeint ist eine „Alternative zum Vereinsfußball“, sagt Lucius. Als Wertung will er das nicht verstanden wissen. Mehr als Angebot für Spieler, die vielleicht keine Lust haben, zwei Mal in der Woche zu trainieren und Sonntagfrüh um 9.15 Uhr am anderen Ende der Stadt in der Kreisliga C aufzulaufen.

Einmal im Monat Spiele in Lichtenberg

Und manche Freundeskreise bolzten schon lange zum Spaß, wollten dies auch im Wettkampf gemeinsam tun. Trotz unterschiedlicher individueller Leistungsstärke. Was schwer möglich ist in Vereinen, das ist kein Problem in der Bunten Liga. Hier kann jeder mitmachen, der nicht in einem Verein spielt. Das Angebot wird bestens angenommen: Momentan sind 400 Spieler aktiv.

Über 25 Mannschaften verteilen sich auf drei Klassen. Pro Monat ist ein Spieltag auf dem Sportplatz Prendener Straße in Lichtenberg angesetzt. Jeder gegen jeden, Kleinfeld, immer zwölf Minuten. Dann trifft Halbe Lunge auf Disko Partizani, Vollpfosten spielt gegen S.K. Lazion. Ohne Spielerpässe, ohne Trainer, ohne Schiedsrichter. Einfach Fußball, einfach Fairplay.

„Anfangs haben wir von der Turnierleitung bei strittigen Szenen reingerufen“, sagt Lucius, „das ist schon lange nicht mehr nötig.“ Abseits gibt es nicht, Entscheidungen über Fouls, Ecken und Einwürfe treffen die Mannschaften selbst. Klingt nach echter Fußball-Romantik. „Und es funktioniert“, betont der pensionierte Sportlehrer.

Zwei Spieler haben Uni-Klausuren

Amtierender – und vermutlich kommender – Berliner Meister ist der FC Lambajuuun, der auch die meisten Spieler bei der EM stellt. Die findet mit Schiedsrichter statt, zweimal 35 Minuten pro Partie. Gespielt wird auf Großfeld und Rasen. „Für uns ist es eine doppelte Umstellung“, sagt Lucius. Das Halbfinale wird trotzdem angepeilt. Schließlich kommen die Berliner mit der Empfehlung des zweiten Platzes im Jahr 2015. Da hatte man Heimvorteil, Austragungsort war das Sportforum Hohenschönhausen.

Die Europameisterschaft wird zum elften Mal ausgetragen, die Bulibären waren immer dabei. 2014 holten sie den Titel. Doch diesmal gibt es Personalengpässe im Kader: Zwei Mann stellten kurzfristig fest, dass sie wegen Uni-Klausuren nicht mitfahren können, einer hat sich bei einem anderen Turnier den Knöchel gebrochen.

Bleiben 13 Spieler. Und die große Hoffnung bei Volkmar Lucius, dass alle rechtzeitig in Galway eintreffen. Wenn es eng wird, würde er auch ein paar Minuten aushelfen. Volkmar Lucius ist 66 Jahre alt.