Amateurfußball

"Immer beleidigender": Randale auf Berliner Fußballplätzen

Sportrichter Sebastian Thiel spricht über die krasse Entwicklung, prügelnde Senioren und Sport als Spiegel der Gesellschaft.

Manchmal geht es handgreiflich zu auf Fußballfeldern – hier in einer Partie zwischen Viktoria und den Offenbacher Kickers

Manchmal geht es handgreiflich zu auf Fußballfeldern – hier in einer Partie zwischen Viktoria und den Offenbacher Kickers

Foto: imago/Jan Huebner

Berlin. Rote Karten, Abbrüche, Verstöße gegen die Meldeordnung – das Sportgericht des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) hat viel zu tun. Von den etwa 1000 Fällen pro Saison wird ein Fünftel mündlich verhandelt. Sebastian Thiel (35) ist einer von über 20 ehrenamtlichen Sportrichtern beim BFV. Der Rechtsanwalt spricht über die Entwicklung auf den Plätzen, neu angesetzte Spiele und kuriose Streitereien.

Berliner Morgenpost: Herr Thiel, was war Ihr letzter Fall aus dem Fußball?

Sebastian Thiel: Nach einem Spiel der „Unteren Herren“ auf Kleinfeld hat ein Spieler einen Gegner beschimpft. Dieser hat ihn geschlagen. Daraufhin kam es zur Rudelbildung.

Und die Folge?

Fünf Rote Karten. Wir haben insgesamt 20 Spiele Sperre ausgesprochen.

Ist das Normalität auf Berlins Plätzen?

Fünf Mal Rot ist sehr außergewöhnlich. Aber es war im Endeffekt kein wirklich schlimmer Fall. Insgesamt war es eine verhältnismäßig ruhige Hinrunde.

Sie sind seit 2008 dabei, haben weit über 100 Verhandlungen geleitet. Hat sich etwas verändert?

Sogenannten Trash Talk gab es schon immer, jetzt ist es beleidigender geworden. Die Konflikte in der Gesellschaft werden mehr rausgetragen auf die Fußballplätze. Und die krassen Fälle werden zwar nicht häufiger, aber krasser.

Welches Ihrer Fälle waren extrem?

Ich war Beisitzer in der Verhandlung, nachdem Schiedsrichter Gerald Bothe niedergeschlagen worden war…

…im September 2011, von einem Seniorenspieler der TSV Helgoland. Bothe verschluckte seine Zunge, ein Spieler der gegnerischen Mannschaft rettete ihm dann das Leben.

Vor der Verhandlung gab es erstmals Zugangskontrollen unter den Zuschauern. Die Atmosphäre war ungemütlich. Es saßen zahlreiche Schiedsrichter im Zuschauerraum, die am Ende applaudiert haben, als wir den Spieler auf die Schwarze Liste gesetzt haben (lebenslange Sperre, d. Red.). Sehr heftig war auch die Verhandlung, nachdem ein Trainer bei einem B-Jugendspiel als Schiedsrichter eingesprungen war und dabei von einem Zuschauer mit einem Messer schwer verletzt wurde. Wir konnten die Sache nach drei Verhandlungstagen nicht befriedigend lösen, weil der Täter nicht zweifelsfrei zu identifizieren war. So etwas übersteigt auch unsere Möglichkeiten und ist ein Fall für die staatlichen Gerichte.

Sind das Ausnahmen auf Berlins Plätzen oder wird es immer gewalttätiger?

Ich höre öfter, dass Krieg herrsche im Berliner Amateurfußball. Das stimmt nicht. Es gibt solche schlimmen Fälle, aber die sind zum Glück sehr selten.

Landen auch kuriose Fälle beim Sportgericht?

Es haben mal zwei Teams über das Ergebnis gestritten. Ein Betreuer hatte im elektronischen Spielberichtsbogen erst 4:3 eingetragen, dann 3:4.

Klingt knifflig.

Wir haben das Spiel nach Aussage des Schiedsrichters für Mannschaft A gewertet.

Auch vor dem Sportgericht wird also gelogen und getrickst.

Die einen erzählen, der Himmel ist gelb. Die anderen sagen, er ist grün. Ohne neutrale Zeugen wird es da schwierig.

Hilft Ihnen, dass Sie als selbstständiger Anwalt arbeiten?

Bei einigen Dingen schon. Wenn eine bestimmte Formulierung in den Regularien entscheidend ist. Wichtig sind aber darüber hinaus Gespür und Menschenkenntnis.

Passiert in den unteren Klassen mehr als etwa in der Berlin-Liga?

Prinzipiell schon. Aber in der vergangenen Saison kam es nach einem Berlin-Liga-Spiel zu einer Massenschlägerei.

Nach der Partie zwischen dem Berliner SC und Sparta Lichtenberg.

Ein Spieler musste mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus. Völlig unverständlich ist mir, was teilweise im Seniorenbereich oder bei der Ü50 abläuft.

Inwiefern?

Gestandene Männer, manchmal sogar welche mit Doktortitel, keilen sich untereinander. Die fragen wir dann: Ist das euer Ernst? Wie lange spielt ihr Fußball?

Und die Reaktion?

Meist einsichtig. Aber leider erst im Nachhinein. Ebenfalls aus dem Seniorenbereich stammt ein Fall, der mich sprachlos gemacht hat: Ein Spieler wurde gefoult, stand auf und brach dem Gegner mit einem Faustschlag den Kiefer.

Denken Sie bei manchen Spielern: Der lernt es nie?

Wenn es nicht so traurig wäre, könnten wir einige mit „Auch wieder hier?“ begrüßen. Wobei nicht so oft dieselben Spieler bei uns landen, eher bestimmte Mannschaften oder Vereine.

Woran liegt das?

Der Verband bietet Vereinen, bei denen es häufig Probleme gibt, Hilfe an. Die wird aber zum Teil nicht angenommen. In einigen Klubs kümmert sich einer um alles, von den Senioren bis zur F-Jugend. Das kann zu Überforderung und Hilflosigkeit führen.

Wie sähe ein Lösungsansatz aus?

Mehrere Leute im Verein müssen gemeinsam agieren und notfalls eine Mannschaft komplett rausschmeißen. Das ist auch schon vorgekommen. Seitdem sind diese Vereine nicht mehr aufgefallen.

Sind alle Abbrüche für das Sportgericht nachzuvollziehen?

Schätzungsweise ein Viertel müsste nicht vollzogen werden.

Haben Sie Beispiele?

Ein Schiedsrichter ist in der Halbzeit von einem Spieler mit einem Kaugummi am Oberschenkel getroffen worden. Abgebrochen hat er 15 Minuten später, als alle wieder auf dem Platz waren. Das Spiel haben wir neu angesetzt.

Wann ist ein Abbruch absolut nachvollziehbar?

Bei Tätlichkeiten gegen den Schiri. Und wenn er angespuckt oder geschubst wird.

In der kompletten letzten Saison endeten in Berlin 79 Partien vorzeitig, in der abgelaufenen Hinrunde waren es 26. Ist eine Saison ohne Abbrüche denkbar?

Der Fußball ist Spiegelbild der Gesellschaft. Auseinandersetzungen, die zum Abbruch führen, wird es immer geben.

Kämpfen Sie gegen Windmühlen?

Nein. Sonst könnten wir den Betrieb einstellen. Es gibt auch erfreuliche Entwicklungen. Wir hatten einen Spieler für acht Spiele gesperrt. Er meinte später, das habe richtig wehgetan. Inzwischen ist er Kapitän und ein echtes Vorbild.