Olympia in Rio de Janeiro

Marianne Buggenhagen: „Leistung ist keine Frage des Alters“

Serie über Berliner Olympiahoffnungen: Die Athletin im Rollstuhl über den Traum vom Gewinn der zehnten Goldmedaille bei den Paralympics.

Schinden für die Spiele in Rio im kommenden August: Marianne Buggenhagen beim Muskelaufbautraining im Sportforum Bernau

Schinden für die Spiele in Rio im kommenden August: Marianne Buggenhagen beim Muskelaufbautraining im Sportforum Bernau

Foto: Amin Akhtar

Berlin/Bernau.  Sie ist mit fast 63 Jahren die älteste aller Berliner Medaillenhoffnungen für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro: Diskuswerferin Marianne Buggenhagen peilt an der Copacabana ihr zehntes paralympisches Gold an. Die gebürtige Mecklenburgerin vom PSC Berlin sitzt seit ihrem 23. Lebensjahr im Rollstuhl.

Berliner Morgenpost: Sie haben einmal über sich selbst gesagt: Ohne den Sport wäre ich im Pflegeheim gelandet oder asozial geworden. Muss man sich Sorgen machen, wenn Sie Ihre Karriere nach den Paralympischen Spielen 2016 beenden?

Marianne Buggenhagen: Keine Sorge, mittlerweile bin ich gefestigt (lacht). Aber als ich mit dem Behindertensport angefangen habe, 1977, war es tatsächlich so, dass mir der Sport dabei geholfen hat, trotz Rollstuhl ein selbstständiges Leben zu führen. Die Teilnahme an DDR-Meisterschaften war zunächst nur eine Zugabe. Der Sportverein wirkte wie eine Selbsthilfegruppe. Vorher konnte ich kaum mit dem Rollstuhl umgehen, aber schon nach ein paar Wochen habe ich meinen Alltag gut bewältigen können.

Wissen Sie schon, was Sie nach Ihrem Karriereende machen werden?

Meinen Angelschein – und endlich mal zusammen mit meinem Mann verreisen. Als Athlet habe ich die Welt gesehen, aber immer allein.

Zuvor erleben Sie in Brasilien aber noch Ihre siebten Paralympics. Mit welchen Erwartungen reisen Sie nach Rio?

Das wird mein erster Wettkampf in Brasilien überhaupt. Ich erwarte eine grandiose Stimmung im Land des Karnevals und bin mir sicher, dass auch die Rahmenbedingungen stimmen werden. Das war eigentlich immer so, mit Ausnahme von Atlanta 1996. Dort hatten sie für uns Rollstuhlfahrer Etagenbetten aufgestellt! Sportlich will ich in Brasilien meine zehnte Goldmedaille bei den Spielen gewinnen. In London 2012 stand in meiner Wettkampfklasse nur das Kugelstoßen auf dem Programm, da musste ich mich mit Silber begnügen. Dieses Mal ist zum Glück wieder der Diskuswurf dabei – meine Paradedisziplin. Ich möchte meine Karriere mit einer guten Leistung beenden.

Und wenn es nicht klappt mit dem zehnten Gold? Machen Sie dann doch weiter?

Nein, ich höre definitiv auf. Jetzt, wo der Nachwuchs da ist, sollte man Platz machen.

Der Nachwuchs – das ist die gebürtige Britin Marie Hawkeswood, die schon 49 Jahre alt ist. Was sagt es über das Niveau des Behindertensports aus, wenn man in diesem Alter noch vorn mitmischen kann?

Zunächst einmal ist Leistung grundsätzlich keine Frage des Alters, sondern der Einstellung. Ich bin berufstätig und habe zu Hause einen querschnittsgelähmten Mann. Mir wurde im Leben nichts abgenommen, das hat mich stark gemacht. In den Wettkampfklassen der Querschnittsgelähmten wird man aber ohnehin nur wenige jüngere Athleten finden. Eine angeborene Querschnittslähmung kann heutzutage bereits im Mutterleib erkannt werden und wird häufig abgetrieben. Es rückt also kaum Nachwuchs nach. Bei den Amputierten und den Spastikern sieht es anders auch: Beides nimmt zu, dort haben wir sehr viele Talente.

Bundestrainer Willi Gernemann hat nach der WM in Katar die Nachwuchsarbeit im deutschen Behindertensport kritisiert. Es gebe viele Landesverbände, die einfach tot sind. Hat er Recht?

Zum Teil ja. Vielerorts mangelt es an qualifizierten Trainern, von barrierefreien Sportanlagen will ich gar nicht erst reden. Ich mache meine Krafteinheiten auch deshalb im Sportforum Bernau, wo ich wohne, und nicht in Hohenschönhausen, weil ich dort an einige Geräte gar nicht herankomme. Das Hauptproblem im Behindertensport ist aber immer noch die mangelnde Anerkennung. In anderen Ländern gibt es WM-Prämien, bei uns meist nur einen feuchten Händedruck. Nur dank des Topteams für Rio des Deutschen Behindertensportverbands bekomme ich meinen Sport in diesem Jahr erstmals finanziert.

Oft ist die Rede von Inklusion. Ist Sie im Sport erreichbar?

Mein Traum war immer, dass die Weltmeisterschaften von behinderten und nichtbehinderten Leichtathleten parallel oder zumindest direkt nacheinander am gleichen Ort stattfinden. Ich werde das aber wohl nicht mehr erleben. Zurzeit gibt es noch zu viele Barrieren im Kopf. Das liegt auch daran, dass viele die Leistungen im Behindertensport klein reden, bloß weil ich acht Meter mit der Kugel stoße und nicht wie Christina Schwanitz über 20. Aber das kann man nicht vergleichen. Vor einigen Jahren habe ich mal einen Schauwettkampf im Kugelstoßen gegen Ulf Timmermann und im Diskuswerfen gegen Udo Beyer gemacht – beide Olympiasieger, die für dieses Experiment ebenfalls im Rollstuhl antreten mussten. Ich habe beide geschlagen.

Sie betreiben seit über 25 Jahren Leistungssport. Wie hat sich die Wahrnehmung des Behindertensports in dieser Zeit verändert?

Die Medien sind stärker auf uns aufmerksam geworden. Journalisten sehen jetzt auch den Sportler und nicht mehr nur die Behinderung. Das war Anfang der Neunziger noch anders: Die anderen wurden ins Sportstudio eingeladen, ich ins Gesundheitsmagazin. Aber ich möchte über Sport reden, nicht über meine Beeinträchtigung!

Wie und wo werden Sie sich auf die Paralympics 2016 vorbereiten?

Geplant sind insgesamt drei Trainingslager im Süden, auf Lanzarote, in Südafrika und im März in Dubai, wo auch die ersten Wettkämpfe anstehen. Wir fliegen so oft es geht in die Wärme, weil man sich als Querschnittsgelähmter im Winter unten rum nicht ordentlich warm machen kann. Da holt man sich schnell eine Blockade oder eine Blasenentzündung.

Kann Sie nach all den Jahren im Sport noch etwas aus der Ruhe bringen?

Vor dem ersten Versuch bin ich immer noch genauso aufgeregt wie früher. Ich brauche diese Nervosität, um gute Leistung zu bringen. Der erste Durchgang ist meistens ein Sicherheitswurf, erst danach lege ich los. Der Trainer sagt, er kriegt bei meinen Wettkämpfen immer noch jedes Mal ein paar graue Haare dazu. Dabei müsste er mich doch inzwischen eigentlich ganz gut kennen.