Eisschnelllauf

Claudia Pechstein - "Es hat sich nichts geändert"

Claudia Pechstein startet in die Weltcup-Saison mit ungutem Gefühl. Grund ist der Kurs ihres Eislaufverbandes.

Claudia Pechstein ist und bleibt die beste deutsche Eisschnellläuferin

Claudia Pechstein ist und bleibt die beste deutsche Eisschnellläuferin

Foto: Andreas Gebert/Archiv

Berlin.  Am Freitag beginnt in Calgary die Weltcup-Saison der Eisschnellläufer. Bei den 3000 Metern der Frauen steht auch die Berlinerin Claudia Pechstein am Start. Von ihr darf man erwarten, dass sie wieder die beste deutsche Athletin sein wird. Trotz schwieriger Vorbereitung.

Berliner Morgenpost: Wenn die Weltcup-Saison am Freitag beginnt, dann gehen Sie wieder als Deutsche Meisterin über die langen Strecken an den Start. Eigentlich selbstverständlich, oder?

Claudia Pechstein: Eigentlich nicht, bald werde ich 44 Jahre alt, ich gehe also auf die 50 zu. Da ist es für die anderen sicher nicht so schön, wenn ich immer noch die Titel hole.

Bei allem Respekt muss man sagen – das ist auch traurig, dass niemand nachkommt, der daran etwas ändern kann.

Ich hatte ja nicht mal eine optimale Vorbereitung, ich war verletzt, ich war krank vor der Deutschen Meisterschaft. Aber es hat funktioniert. Stephanie Beckert und Bente Kraus sind die einzigen, die eventuell an meine Zeiten heranlaufen könnten. Doch die machen es mir immer wieder leicht.

Weiter unten, im Nachwuchs, passiert noch weniger. Immerhin gibt es seit der Meisterschaft jetzt Schlagworte seitens des Verbandes wie „neue Philosophie“. Was sagt Ihnen das?

Die Ergebnisse der Meisterschaften haben gezeigt, dass sich nichts grundlegend geändert hat. Weder waren mehr Leute am Start, noch waren die Leistungen überragend. Ein großes, positives Fazit lässt sich daraus nicht ziehen, finde ich. Es ist doch katastrophal, dass über 5000 Meter nur vier Frauen am Start standen. In den Niederlanden waren es vier Mal so viele.

Vor einem Jahr herrschte eine gewisse Aufbruchstimmung, als Robert Bartko den Posten als Sportdirektor der DESG übernahm. Was ist davon geblieben?

Eisschnelllaufen ist in den vergangenen Jahren zu einer echten Randsportart geworden. Dass mit Robert kein neuer Hype entstehen würde, war mir von vornherein klar. Aber er war von Anfang an präsent und suchte sofort den Kontakt zu den Sportlern. Das war ein grundlegender Unterschied zum Vorgänger. Ansonsten ist er Sportdirektor eines Verbandes geworden, der jahrelang vor die Wand gefahren wurde, insbesondere bei den Themen Nachwuchs und Struktur. Dies zu korrigieren ist eine sehr schwierige Aufgabe. Umso wichtiger ist es aus meiner Sicht, nicht grundsätzlich an den wenigen positiven Dingen der Vergangenheit zu rütteln.

Was meinen Sie damit?

Ich wollte im Sommer wie immer seit 25 Jahren ins Höhentrainingslager fahren. Das war leider nicht möglich. Obwohl ich wie im Vorjahr bereit gewesen wäre, es für mich und meine Trainingsgruppe selbst zu organisieren und teils auch selbst zu finanzieren. Ich hätte zwar auch diesmal fahren können, aber es hätte niemand mitgedurft und einen finanziellen Zuschuss hätte es auch nicht gegeben. An den fehlenden Finanzen kann das nicht liegen, denn das Höhentrainingslager, in dem wir 2014 waren, ist pro Tag sogar günstiger als ein Trainingslageraufenthalt in Erfurt.

Hat diese Situation mit dem Inserat in Holland zu tun, mit dem Sie nach einem Trainingspartner gesucht haben, der nach Berlin zieht. Ist die Not so groß?

Klar. Ich habe einen einzigen wirklich verlässlichen Mann in meiner Trainingsgruppe. Ansonsten sind da Schüler, Studenten, Läufer, die noch nicht so weit sind. Das ist die schwierigste Situation meiner Karriere. Da wünsche ich mehr Unterstützung vom Verband.

Welche Resonanz gab es aus Holland?

Bis jetzt leider keine.

Haben Sie überhaupt die Bedingungen, sich tatsächlich auf Weltklasse-Leistungen vorbereiten zu können?

Seit ich oben dabei bin, habe ich Höhentrainingslager gemacht. Jedes Jahr. Das ist jetzt wirklich ein Schritt zurück. Ich habe mich mit Trainern aus anderen Nationen unterhalten, diesen Verzicht versteht keiner. Man wird sehen, was dabei herauskommt. Also ich persönlich erwarte unter diesen Voraussetzungen keine Wunderdinge in dieser Saison.

Sie haben in Uwe Hüttenrauch einen neuen Trainer. Welche Effekte gab es da?

Dazu kann ich noch nicht viel sagen. Mein Training habe ich deshalb nicht umgestellt. Bei ihm habe ich das Eisschnelllaufen gelernt, er war Nachwuchstrainer. Für ihn ist es eine neue Situation, mit den Großen zusammenzuarbeiten. Wir lernen derzeit beide voneinander.

Warum war denn der Wechsel notwendig?

Weil mich André Unterdörfel nur gefragt hat, was ich heute trainieren möchte. Das ist keine Basis für Hochleistungssport.

Gehört die Qualität der Trainer auch zu einem der Problemfelder bei der DESG?

Soweit will ich mich nicht hinauslehnen. Aber Problemfelder gibt es viele. Wenn sich alle Athleten einmal anonym äußern könnten, würden sicher noch mehr Probleme auf den Tisch kommen. Inklusive vieler unangenehmer Wahrheiten.

Sind denn perspektivisch Verbesserungen des Trainingsumfelds in Sicht?

In meinen Augen derzeit nicht. Deshalb ist es für mich das Beste, wie immer meinen Weg zu gehen und mich auf mich selbst zu konzentrieren.

In diesem Jahr ist die Leistungsspitze der DESG-Läufer unter anderem wegen Verletzungen noch kleiner als ohnehin schon. In der Frauen-Teamverfolgung war die eingespielte Berliner Truppe mit Ihnen, Isabell Ost und Bente Kraus eine der wenigen Podiumsmöglichkeiten. Wie wirkt sich da der Weggang von Bente Kraus im Sommer aus Berlin nach Erfurt aus?

Leider stellt Bente hier persönliche Dinge vor den Erfolg. Denn sie hat angeblich ein Problem mit dem Berliner Trainer Uwe Hüttenrauch. Der Verband hat den Wechsel nach Erfurt zugelassen. Ich hätte das nicht erlaubt. Wenn wir Höchstleistungen wollen, müssen wir auch immer professionell handeln. Sonst verschenken wir wieder realistische Team-Medaillenchancen.

Letztlich will der Verband seine verheerende Bilanz von Olympia 2014, wo es erstmals seit 50 Jahren keine Medaille gab, bei den nächsten Spielen 2018 verbessern. Wie soll das gehen unter diesen Umständen?

Das ist sicherlich eine Herkules-Aufgabe, die nicht einer alleine lösen kann. Wenn der Verband es wünscht, bin ich gerne bereit, ihm mit meinen Erfahrungen bei der Bewältigung dieser Aufgabe zu helfen und zu unterstützen. Denn ich möchte, dass Eisschnelllaufen hierzulande auch nach Olympia 2018 weiterlebt.