Leichtathletik

Die Familie Harting hat den richtigen Dreh

Diskuswerfer Christoph Harting tritt immer mehr aus dem Schatten seines berühmten Bruders Robert. In Halle verbesserte Christoph seinen eigenen Rekord um fast drei Meter auf 67,97 Meter.

Foto: Julia Rahn / pa/rahn

Der „kleine Harting“ wurde Christoph Harting genannt, manchmal sogar „Mini-Harting“, was sich beim Blick auf seine Körpermaße eigentlich von selbst verbietet. Mit 2,07 Metern ist der Diskuswerfer sogar noch sechs Zentimeter größer als sein ungleich berühmterer Bruder Robert. Kleiner ist höchstens Christoph Hartings Ruhmesliste, auf der bislang die Teilnahme an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2013 in Moskau (Russland) und ein fünfter Platz bei der U23-EM 2011 als größte Erfolge vermerkt sind, während Robert bereits dreimal Weltmeister in Folge, zweimal Europameister und Olympiasieger 2012 wurde.

Nun ist der 25-jährige Christoph allerdings ein Stück aus dem Schatten seines fünf Jahre älteren Bruders herausgetreten: Beim Meeting in Wiesbaden vor einer Woche verbesserte der Berliner seinen alten Hausrekord gleich um zweieinhalb Meter und setzte sich mit 67,53 Metern vorläufig an die Spitze der Weltjahresbestenliste. Zugleich übertraf er die Qualifikationsnorm für die Leichtathletik-WM im August in Peking (China) deutlich, was beim gleichen Wettkampf auch Hartings Trainingskollegin (und Roberts Freundin) Julia Fischer gelang. An diesem Sonnabend steigerte sich Christoph Harting bei den Werfertagen in Halle/Saale um weitere 40 Zentimeter auf 67,93 Meter und baute damit auch die Führung in der Weltrangliste aus.

Leistung hat sich im Training angedeutet

Wer allerdings erwartet, dass Christoph Harting nach seiner Leistungssteigerung vor Begeisterung nur so sprüht, der irrt. „Ich bin nicht unzufrieden“, lautete das nüchterne Fazit des besten Wettkampfes seiner Karriere. Eine solche Leistung habe sich im Training bereits angedeutet, sagte er. Ein Kracher sei die Weite nicht gewesen, der perfekte Wurf schon gar nicht, sondern „ein Wurf, der in dieser Situation und für diese Umstände gut war“, so Harting.

Gemeint sind die Adduktorenprobleme im linken Oberschenkel, die ihn seine Teilnahme fast noch absagen ließen. Eine Folge der hohen Belastungen während des Trainingslagers in Portugal, wo Christoph Harting in einer Woche 400 Würfe absolvierte – selbst an einem Hünen wie ihm geht so etwas nicht spurlos vorüber. In Wiesbaden und Halle startete er trotzdem, und auch die weitere Saison ist nicht gefährdet. Sein Bruder Robert, dessen Bestmarke bei 70,31 Metern steht, wird allerdings noch länger nicht dabei sein; er steht nach einem Kreuzbandriss im Aufbautraining. Als Titelverteidiger muss er sich für die WM in Peking (22. bis 30. August) nicht extra qualifizieren.

Eine Psychologin nimmt die Last

Angst, dass die 67,93 Meter nun Erwartungen schüren, die er im weiteren Saisonverlauf nicht erfüllen kann, hat Christoph Harting nicht. „Die hätte ich vielleicht gekriegt, wenn der Diskus 80 Meter weit geflogen wäre“, sagt er. Das wäre Weltrekord gewesen, sechs Meter weiter als die bald 30 Jahre alte Bestmarke des Neubrandenburgers Jürgen Schult. „Mir ist egal, was die Leute sagen. Ob man sich diesen Druck selbst auferlegt, bleibt jedem selbst überlassen“, sagt Harting.

Als junger Diskuswerfer hatte der gebürtige Cottbuser diese Last schon einmal gespürt. Wann immer er auf dem Sportplatz auftauchte, sprachen die Menschen über seinen erfolgreichen Bruder. „Als Jugendlicher, wenn man gerade zu sich selbst findet und seinen eigenen Weg gehen will, ist das nicht gerade förderlich. Das hat mich früher sehr belastet“, erzählt er. Erst durch die Zusammenarbeit mit einer Psychologin des Olympiastützpunkts Berlin lernte er, aus diesem Druck positive Energie zu ziehen.

In der Weltspitze angekommen

Inzwischen braucht er sich hinter seinem Bruder nicht mehr zu verstecken. Mit den aktuellen Ergebnissen ist Christoph Harting in der Weltspitze angekommen. Die physikalische Erklärung dafür lautet: Eine konstante Kraft gibt einer Masse eine umso höhere Endgeschwindigkeit, je länger die Kraft auf die Masse einwirkt. Die Masse – das ist in diesem Fall der Diskus, der durch Hartings lange Arme optimal beschleunigt wird. Doch die körperlichen Voraussetzungen sind nur das eine. Wichtig ist auch die Technik, die der Mann vom SCC Berlin im vergangenen Jahr noch einmal grundlegend umgestellt hat, ebenso wie seine Ernährung. Hilfestellung bekommt er dabei von Torsten Schmidt, der die Trainingsgruppe mit den beiden Hartings und Julia Fischer im Herbst 2013 übernommen hat. „Er ist in meinen Augen vielleicht der einzige Trainer, der nicht versucht, ein bestimmtes Technikbild zu vermitteln, sondern gemeinsam mit dem Athleten ein individuell perfektes Technikbild sucht“, sagt Christoph. So etwas erfordert Zeit. 2014 verpasste Harting die EM-Teilnahme, seine Leistung war schwächer als im Jahr zuvor, auch wenn er sich in dieser Zeit persönlich weiterentwickelte.

Wichtig wird es aber ohnehin erst 2016. Dann finden in Rio de Janeiro die nächsten Olympischen Spiele statt. Wenn alles gut läuft, mit Harting-Power im Doppelpack.