Tischtennis

„Dass die Chinesen so stark sind, motiviert mich nur“

Petrissa Solja hat sich für die WM in China viel vorgenommen. Die Berliner Tischtennisspielerin will ihre guten Leistungen der vergangenen Wochen bestätigen. Und in die Top 20 der Welt einziehen.

Foto: Jörg Krauthoefer

An diesem Sonntag beginnen die Tischtennis-Weltmeisterschaften in Suzhou (China). Vor zwei Jahren in Paris scheiterte Petrissa Solja noch in der ersten Runde an einer Ägypterin, diesmal wird der 21-jährigen Berlinerin vom TTC Eastside mehr zugetraut. Weil sie zum ersten Mal Deutsche Meisterin wurde und beim Weltklasseturnier German Open in Bremen ebenso Zweite wie beim europäischen Top-16-Turnier in Baku, erwartet sie auch selbst mehr von sich. Vor der Abreise sprach Solja mit der Berliner Morgenpost über ihre Tischtennis-verrückte Familie, ihre Probleme mit Niederlagen und ihren Traumurlaub.

Berliner Morgenpost: Frau Solja, Sie haben gerade einen richtigen Lauf – wie erklären Sie sich das?

Petrissa Solja: Ich bin im vergangenen Sommer zum Training ins Bundesleistungszentrum nach Düsseldorf gezogen. Dort habe ich optimale Bedingungen und bessere Trainingspartner. Das zeigt sich jetzt. In Baku war zu sehen, dass ich mein Spiel gegen Abwehr in letzter Zeit stark verbessert habe. Außerdem war ich in vielen Spielen Außenseiterin, habe aber positiv überrascht. Die DM war grandios für mich. Ich wollte unbedingt mal Meisterin werden. Das hat mir weiteres Selbstbewusstsein gegeben. Zu den German Open bin ich ohne große Erwartungen angereist. Nachdem ich die Qualifikation überstanden hatte, bekam ich plötzlich einen Mega-Lauf, hab einfach alles getroffen. Die Nummer 15 der Welt geschlagen, sogar die Nummer fünf aus Japan. Dazu zwei Chinesinnen. Schade, dass es nicht zum Finalsieg gereicht hat.

Aber Sie konnten doch mit dem Turnier hochzufrieden sein, haben in Bremen insgesamt von 15 Spielen 14 gewonnen.

Am Anfang hat die eine Niederlage trotzdem mehr gewogen als die 14 Siege. Ich war sehr ärgerlich, weil ich gegen die Japanerin Mima Ito vorher zweimal gewonnen hatte. Das klingt vielleicht absurd für andere, weil es doch ein Superturnier gewesen ist. Inzwischen bin ich zufrieden.

So verbissen wirken Sie gar nicht. Täuscht das?

Würde ich nach einer Finalniederlage nicht hadern, wäre es doch schlimmer, oder? Wenn ich schlecht gespielt habe, das ärgert mich einfach. Ich wollte erst mal gar nichts von den German Open hören. Wenn ich im Internet ihren Namen gelesen habe, hat mich das gewurmt. Jetzt ist sie auch noch auf der Titelseite der Tischtennis-Zeitung! Aber ich muss dazu sagen: Unsere Familie ist generell Tischtennis-verrückt. Wenn ich zu Hause bei meinen Eltern bin, geht es generell nur um Tischtennis.

Wo wollen Sie hinkommen mit Ihrem Sport?

Ich bin jetzt die Nummer 22 der Welt. Vor der Saison habe ich gesagt: Ich will unter die Top 20. Ich hab schon länger gegen gute Spielerinnen gewonnen, hatte aber immer wieder Ausrutscher nach hinten. Deshalb hat sich in der Rangliste nicht so viel getan. Ich komme in kleinen Schritten vorwärts. Erst habe ich mein Aufschlag/Rückschlagspiel verbessert. Dann meine Athletik. Ich habe immer geglaubt, dass ich besser spielen kann. Und wenn jetzt alles zusammenkommt, werde ich noch mal ein großes Stück besser. Im Tischtennis spielt auch der Kopf eine große Rolle. Derzeit habe ich viel Selbstvertrauen, vielleicht mache ich jetzt deshalb bei 9:9 die letzten beiden Punkte.

Sie sagen das so lapidar: Ich habe mein Spiel gegen Abwehr verbessert. Als würden Sie sagen: Ich habe mein Auto gewaschen. Aber wie viel müssen Sie dafür trainieren?

Es ist schon sehr viel Arbeit, pure Arbeit. Grundsätzlich zweimal am Tag je zwei Stunden reines Tischtennistraining. Dazu kommen Athletik- oder Krafttraining. Am Wochenende sind durchgängig Spiele. Seit ich in Düsseldorf bin, habe ich die Gelegenheit, viel gegen Abwehrspielerinnen zu trainieren wie Han Ying, die Nummer neun der Welt, oder Ding Yaping, eine Top-Bundesligaspielerin.

Die sagen Ihnen aber jetzt nicht: So musst du spielen, wenn du mich schlagen willst ...

... nein, das tut eine Han Ying nicht, das verstehe ich auch, wir sind ja Konkurrentinnen. Ich bin schon froh, wenn ich gegen eine so gute Spielerin überhaupt trainieren kann. Aber eine Ding Yaping, die gibt mir schon mal Tipps, was ich besser machen kann. Unsere Bundestrainerin Jie Schöpp hat auch selbst Abwehr gespielt. Das ist eine super Basis. Gegen Abwehr muss man vor allem üben, üben, üben. Aber ich sehe das als gutes Training für meine Zukunft.

Ihre beiden älteren Schwestern Susanne und Amelie waren beide deutsche Schüler-Meisterinnen, so wie Sie. Im Erwachsenen-Bereich sind Sie schon jetzt die Erfolgreichste. Warum? Haben Sie sich so viel abgeschaut? Oder hat Ihr Vater, der Sie alle drei gecoacht hat, bei Ihnen etwas anders, besser gemacht?

Ich wollte den Größeren immer nacheifern. Amelie ist übrigens immer noch sehr erfolgreich, sie startet für Österreich, hat die Qualifikation für die Olympischen Spiele geschafft. Vielleicht habe ich ein bisschen mehr Talent, andererseits: Was heißt schon Talent? Es kann ein Talent da sein zu kämpfen bis zum Ende. Oder ein gutes Händchen zu haben.

Oder das Talent, sich im Training quälen zu können ...

Genau. Und ich bin ja noch nicht mal an der Spitze. Ich glaube, um da hinzukommen, muss wirklich alles zusammenkommen. Mein Vater hat mir immer gesagt, ich hätte die Chance dazu, es sehr gut zu machen. Das versuche ich jetzt mal umzusetzen.

Man hört manchmal unschöne Geschichten von überehrgeizigen Vätern, die ihre sportlichen Töchter zur Höchstleistung triezen wollen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich wurde nicht gezwungen. Meine Schwestern und mein Vater haben bei uns zu Hause im Keller trainiert. Da wollte ich immer dabei sein. Mein Vater meinte aber, ich sei noch zu klein. Also habe ich den Ball gegen die Wand gespielt. Oder andere Übungen gemacht, um Gefühl für den Ball zu bekommen. Mein Vater hat meine Ungeduld gesehen und gesagt: Okay, wenn du fünf Jahre alt bist, darfst du anfangen am Tisch zu spielen. Als ich endlich meinen fünften Geburtstag hatte, habe ich zu ihm gesagt: So, los, jetzt darf ich spielen, jetzt will ich auch. Dann sind wir in den Keller. So hat es angefangen.

Und seitdem spielen Sie pausenlos.

(lacht) Ja, fast, obwohl es mir als Kind schon manchmal schwer gefallen ist. Ich hab so gern Biene Maja im Fernsehen geschaut. Aber zur gleichen Zeit begann auch das Training in der Halle. Und schweren Herzens bin ich dann doch mitgegangen. Aber zu meinem Vater möchte ich noch etwas klar stellen.

Und zwar?

Ich hab mich früher oft darüber geärgert, dass er so schlecht beurteilt worden ist. Er kann beim Coaching schon streng rüberkommen, auch mal laut werden. Dann wurde erzählt, wir würden zum Tischtennis gezwungen. Das hat mich sauer gemacht, weil es nicht stimmt.

Wie läuft jetzt die Zusammenarbeit?

Er kommt nicht mehr ins Training, um zu korrigieren. Er guckt aber meine Spiele im Fernsehen an und sagt mir, was ich besser machen muss. Er hat auch kein Problem mit Jie Schöpp; die beiden tauschen sich aus.

Ihre Familie ist dafür bekannt, dass Sie mit dem Wohnmobil Wochenende für Wochenende unterwegs waren, von Turnier zu Turnier gereist sind. Legende oder Wahrheit?

Das war unser Markenzeichen: Da kommt der verrückte Papa mit seinem Wohnmobil und den drei Töchtern. Das ging bis zu Europameisterschaften nach Italien. Selbst jetzt noch bei den German Open waren wir mit dem Wohnmobil. Ich habe auch dort geschlafen statt im Hotel, ich fand das praktisch. Ich hab dort mal was gegessen oder Pause gemacht während des Turniers. Das Wohnmobil stand ja direkt vor der Halle. Vielleicht ist das das Geheimnis unseres Erfolges.

Bei der WM könnte es weiter vorwärts gehen. Bundestrainerin Schöpp hat gesagt, Sie traue Ihnen alles zu. Setzt Sie das unter Druck?

Jie macht mir keinen Druck. Wenn, mache ich das selbst. Bei der WM möchte ich meine Leistung der vergangenen Wochen bestätigen. Ich bin zurzeit schon nervös und schlafe nicht mehr so gut. Viel hängt von der Auslosung ab. Aber Angst habe ich nicht. Manche sagen, ich kann die Runde der besten Acht schaffen. Aber ich schaue mal Runde für Runde.

Haben Sie keine Angst vor den Chinesinnen?

Überhaupt nicht. Dass sie so stark sind, motiviert mich nur.

Timo Boll oder Dimitrij Ovtcharov verbringen in letzter Zeit jährlich ein paar Wochen in China, um dort in der Sommer-Liga zu spielen. Würde Sie das auch reizen?

Ich hatte ein Angebot und hätte das auch gemacht. Es hätte mich sehr gereizt, mit so guten Leuten zu trainieren, Erfahrungen zu sammeln. Aber es hat sich zerschlagen.

Und wo würden Sie gern Ihren Traumurlaub verbringen? Malediven, Florida?

Da hätte ich nichts dagegen. Aber ich brauche eigentlich nicht viel, ich will nur meine Ruhe haben.

Wohnmobil?

(lacht) Wahrscheinlich. Da kann ich spontan entscheiden. Mein Tagesablauf ist so durchgeplant mit dem ganzen Training. Ins Wohnmobil kann ich mich jederzeit reinsetzen und einfach weiterfahren.