Leichtathletik

Eine Berliner Marathonläuferin will in Rio für Palästina starten

Ein Platz im deutschen Olympiateam wäre für Mayada Al-Sayad unerreichbar. Dennoch hat die Berlinerin gute Aussichten 2016 in Rio dabei zu sein. Sie will für Palästina im Marathonlauf antreten.

Foto: imago sportfotodienst / privat

Dauerläufe, Kraftübungen, Tempotraining – nichts davon hat Mayada Al-Sayad ihrem olympischen Traum so nahe gebracht wie ein Dokument. Die 22-Jährige von Fortuna Marzahn ist eine durchschnittliche Marathonläuferin, mit ihrer Bestzeit von 2:53:37 Stunden stand sie vergangenes Jahr auf Platz 26 in Deutschland. Die schnellste Deutsche Anna Hahner lief die 42,195 Kilometer im September beim Berlin-Marathon in 2:26:44 Stunden.

Erste Chance in Hamburg

Aber Mayada Al-Sayad hat neben einem deutschen auch einen palästinensischen Pass, der ihr Ticket zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro werden könnte. Beim Hamburg-Marathon am Sonntag will sie die Qualifikationsnorm des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF unterbieten, um an der Copacabana dabei zu sein.

Mayada Al-Sayad ist in Berlin geboren, ihre Mutter ist Deutsche, der Vater Mauwiyah stammt aus Palästina. Er hat gute Kontakte zur palästinensischen Botschaft in Berlin. Als man dort im vergangenen Jahr mitbekam, dass seine Tochter eine talentierte Leichtathletin ist, setzte man alle Hebel in Bewegung, um Mayada Al-Sayad schnellstmöglich mit palästinensischen Papieren auszustatten – die Grundvoraussetzung für einen Olympiastart.

Den Landesrekord unterboten in Berlin 2932 Läuferinnen

Im Marathon sind die Chancen am größten. 2:42:00 Stunden fordert der Leichtathletik-Weltverband IAAF für eine Olympiateilnahme – ein machbares Ziel, findet Mayada Al-Sayad. Die 2:53 Stunden lief sie vergangenes Jahr in Frankfurt, ohne vorher speziell für die Marathonstrecke trainiert zu haben. Bis dahin war der Schützling von Trainer Tobias Singer eher auf kürzeren Strecken zu Hause gewesen: 2013 wurde sie über 5000 Meter Fünfte bei den deutschen Junioren-Meisterschaften, ein Jahr später gab es Bronze über die doppelt so lange Distanz. Bei den nationalen Hallen-Meisterschaften belegte sie 2014 und 2015 die Plätze acht und zehn über 3000 Meter. In Berlin und Brandenburg war sie konkurrenzlos, im bundesweiten Vergleich Mittelmaß.

Warum betrieben die Palästinenser einen solchen Aufwand für sie? Um das zu verstehen, muss man sich die Situation im Nahen Osten vor Augen führen. „Die klimatischen Verhältnisse dort sind eher ungünstig für Läufer, und es gibt im ganzen Land so gut wie keine geeigneten Sportstätten“, berichtet Mayada Al-Sayad. Sie verbringt fast jeden Sommer in Palästina, viele Verwandte wohnen dort. Den Landesrekord im Marathon hält eine gewisse Najah Freijeh mit 4:16:09 Stunden – eine Zeit, die allein 2014 beim Berlin-Marathon 2932 Starterinnen unterboten.

Anstelle des Verbandes unterstützt sie ihr Vater

Erst seit 1996 in Atlanta nehmen palästinensische Sportler an Olympischen Spielen teil. Es geht ihnen nicht um Medaillen. Sie wollen der Welt zu zeigen, dass Palästina existiert. 15 Sportler vertraten das Land bisher, darunter acht Leichtathleten. Noch nie startete eine Frau in der Königsdisziplin über 42,195 Kilometer. Eine Sportlerin wie Mayada Al-Sayad nimmt der nationale Verband deshalb mit Kusshand.

Eine Gegenleistung in Form einer finanziellen Unterstützung für Sportkleidung oder Trainingslager darf die Berlinerin von dem Verband, dessen Farben sie 2016 in Rio de Janeiro vertreten will, nicht erwarten. Mayada Al-Sayad wird von ihrem Vater gesponsert, der in Köpenick als Zahntechniker arbeitet. Bis zum Sommer absolviert sie in seinem Betrieb ihre Ausbildung als Zahnarzthelferin, danach will sie sich noch stärker auf den Sport konzentrieren. Schon jetzt hat sie ihr Training auf den Marathon umgestellt, läuft jetzt deutlich mehr Kilometer als früher.

Arabisch zu lernen, hat sie noch genug Zeit

Die 22-Jährige lebt in Mahlsdorf, trainiert wird auf dem Sportplatz an der Allee der Kosmonauten. Zwischen den Plattenbauten reifen olympische Träume. Neben Mayada Al-Sayad darf sich auch 800-Meter-Läufer Dennis Krüger Hoffnungen auf einen Start in Rio de Janeiro machen, der Deutsche Meister von 2014 und Halbfinalist der letztjährigen EM. Mit Hammerwerferin Betty Heidler stammt sogar noch eine dritte Olympiakandidatin aus dem Bezirk, doch sie startet mittlerweile für die LG Eintracht Frankfurt.

Sollte es am Wochenende in Hamburg noch nicht klappen mit der Norm, hätte Mayada Al-Sayad im Herbst eine zweite Chance, den geforderten Richtwert von 2:42 Stunden zu knacken. Die Form scheint zu stimmen: Ende März lief sie den Berliner Halbmarathon in 1:17 Stunden – persönliche Bestzeit und Platz zehn als zweitbeste Deutsche. Ein Start am Zuckerhut ist greifbar. „Das wäre einfach fantastisch. Olympia ist die größte Bühne, die es im weltweiten Sport gibt“, sagt die Läuferin. Bis 2016 hätte sie auch noch ausreichend Gelegenheit, Arabisch zu lernen. Die Sprache des Landes, für das sie bald an den Start gehen will, beherrscht Mayada Al-Sayad nämlich bislang nicht.

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