Finanznot

Rudows Volleyball-Frauen betteln für den Klassenerhalt

Die Finanznot an der Basis des Berliner Sports wächst: Nun kämpfen Rudows Spielerinnen mit ungewöhnlichen Mitteln um den Verbleib in der 2. Liga. Sonst droht ihnen wie vielen anderen das Aus.

Foto: Klaus Weise

Erstaunt nahmen Hauptstadt-Touristen dieser Tage die groß gewachsenen jungen Frauen zur Kenntnis, die sich an Gedächtniskirche und Alexanderplatz um Aufmerksamkeit der Passanten bemühten: in Sportkleidung, mit Plakaten, Sparschwein und einem Schirm, auf dem steht: „2. Liga Rettungsschirm“.

Es waren die Volleyballerinnen des Zweitliga-Vereins TSV Rudow, der in dieser Saison den sechsten Platz von zwölf Teams belegte und damit die Klasse hielt. Freude kam aber nicht auf, denn der Verein aus der vermeintlichen Volleyball-Hauptstadt muss sein Team „aufgrund der finanziellen Situation aus der Liga nehmen“. Der Hauptsponsor hatte sich verabschiedet, neue Geldgeber, um den Etat von knapp 25.000 Euro fürs Folgejahr abdecken zu können, wurden nicht gefunden.

Außenangreiferin Alina Fröhlich, 34, will sich wie ihre zehn Teamkolleginnen (Schnitt 29,9 Jahre) damit nicht abfinden. „Beim letzten Heimspiel am 11. April haben wir spontan angefangen zu sammeln, dann ein paar Plakate gemalt und uns gesagt, wenn keiner zu uns kommt, müssen wir eben zu den Leuten gehen“, sagt die Lehrerin.

BR Volleys ließen Spendenaktion nicht zu

Beim Finalspiel der BR Volleys gegen Friedrichshafen (3:2) bettelten die Rudower Frauen sogar vor dem Gelände der Schmeling-Halle, mehr ließ der deutsche Herren-Meister nicht zu. „Wenn jeder der 7000 Zuschauer drei Euro gespendet hätte, wäre unser ganzer Jahresetat gedeckt gewesen“, rechnet Kapitän Mercedes Zach vor.

So aber wurden es 100 Euro, weniger als am Alex (330) oder in der City West (180). Dennoch hat man inzwischen über 5000 Euro zusammen. Doch die Zeit drängt, am 4. Mai sind Lizenzunterlagen und 10.000 Euro Gebühr fällig.

Rudows Frauen wollen nicht aufgeben, doch diesen Überlebenskampf führen sie schon lange nicht mehr allein. Immer häufiger müssen sich Berliner Vereine unterhalb der populären Topklubs mit Zukunftssorgen herumschlagen. Viele gehen bankrott oder – fast muss man es einen Glücksfall nennen – dümpeln unterklassig weiter vor sich hin.

Football-Adler überleben knapp, sind aber chancenlos

Berlin hatte vor anderthalb Jahrzehnten mit Blau-Weiß Spandau mal einen Handball-Zweitligisten – vergessen. Von 2011 bis 2013 war die SG Empor Brandenburger Tor (EBT) dreimal in Folge Deutscher Badminton-Meister – vergessen. Die Berlin Adler haben es zu sechs Titeln geschafft – vergessen. Jetzt konnten sie sich mit einer Crowdfunding-Aktion in letzter Minute gerade noch die Insolvenz abwenden und bleiben in der German Football League (GFL). Das erste Saisonspiel gegen die Schwäbisch Hall Unicorns verloren sie mit ausgedünntem Kader gerade chancenlos 15:57.

Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen, der leistungsorientierte Basissport Berlins kämpft allerorten ums Überleben. Im Frauen-Basketball, Judo, Turnen oder Tennis existieren gar keine Bundesligateams mehr. Denn mit finanzieller Hilfe des Landessportbundes (LSB) kann nicht gerechnet werden, denn die Bundesliga-Hilfe für alle Vereine der 1. und 2. Ligen, die z.B. Reisekosten enthielt, gibt es seit einigen Jahren nicht mehr.

Köpenick bleibt trotz Abstieg oben

Jetzt wird nur noch der höchstklassigste Verein einer Disziplin (außer Profi-Sportarten) unterstützt, im Frauen-Volleyball ist das der Köpenicker SC. Der ist zwar gerade aus der 1. Liga abgestiegen, wird aber nach Lage der Dinge in selbiger bleiben, weil gleich mehrere Klubs aus der 2. Spielklasse darauf verzichten, ihr Aufstiegsrecht wahrzunehmen. Aus finanziellen Gründen.

Solche Formalien können verzweifelt machen, aber „Jammern hilft nicht“, sagt Alina Fröhlich. Sie hofft, dass sich das via Facebook beworbene Spendenkonto noch füllt. Und wenn der Spendenumfang nicht reicht, wollen die Frauen in der 3. Liga weitermachen, wofür man eine Zusage des TSV Tempelhof hat, unter dessen Dach zu spielen. Auch dafür wären aber 8000 bis 9000 Euro erforderlich. Deshalb gehen Fröhlich und Co. weiter emsig betteln: „Wir werden trotz der jedes Jahr steigenden Auflagen der Liga kämpfen bis zum letzten.“